Frank Castorf über „Mephisto“ am Berliner Ensemble

Lieber Herr Castorf, Sie haben am Berliner Ensemble schon Stücke nach Romanen von Hans Fallada und Erich Kästner inszeniert, in denen es um den Zerfall der Weimarer Republik und die Machtübernahme der Nationalsozialisten geht. Ist es auch das, was Sie an Klaus Manns „Mephisto“ interessiert, den Sie nun inszenieren? Oder warum sollte uns der noch etwas angehen?
Die Frage ist doch, ob uns Geschichte überhaupt etwas angeht oder ob wir uns darum gar nicht mehr kümmern wollen. Zum Beispiel Faschismus: Den versteht man auch besser, wenn man weiß, wie er entstand. Und das lehrt uns die Geschichte.
In „Mephisto“ entwickelt sich ein begnadeter Schauspieler vom Salonkommunisten zum Liebling der nationalsozialistischen Machthaber – und zwar nicht aus politischer Überzeugung, sondern aus purem, zynischem Opportunismus. Er wird, laut Mann, zum „Affen der Macht“, ein „Clown zur Zerstreuung der Mörder“. Dahinter verbirgt sich die Karriere von Gustaf Gründgens, den Klaus Mann sehr gut kannte. Mann ging 1933 ins Exil, Gründgens machte Karriere in Nazi-Deutschland.
Für mich gibt es in diesem Roman zwei große biografische Blöcke: Auf der einen Seite steht Klaus Mann, verwöhnt, weltoffen, modern, lustvoll und antifaschistisch. Und auf der anderen Seite steht Gustaf Gründgens, der unbedingt nach oben will, koste es, was es wolle. Er wurde 1922 in Düsseldorf geboren und hatte es über Hamburg schon nach Berlin geschafft. Im Buch sagt Hendrik Höfgen einmal: „Ich will nie wieder zurück in mein Düsseldorfer Milieu.“ Diese beiden Positionen prallen gegeneinander, das hat mich interessiert. Klaus Manns Roman erschien 1936 in Amsterdam, wohin er geflüchtet war. Die Idee zu „Mephisto“ hatte übrigens der Schriftsteller Hermann Kesten. Der schrieb an Mann: „Sie sollten den Roman eines homosexuellen Karrieristen im dritten Reich schreiben und zwar schwebte mir die Figur des Herrn Staatstheaterintendanten Gründgens vor.“ 1956 kam der Roman erstmals in Deutschland heraus, im Ostberliner Aufbau-Verlag. In der BRD war er nach der Klage eines Erben bis in die 1970er-Jahre verboten. Im Urteil des Oberlandesgerichts Hamburg hieß es 1966, die Figur des Hendrik Höfgen stelle eine „Beleidigung, Verächtlichmachung und Verunglimpfung von Gründgens“ dar, und die Öffentlichkeit sei nicht daran interessiert, „ein falsches Bild über die Theaterverhältnisse nach 1933 aus der Sicht eines Emigranten zu erhalten“.

Klaus Mann hat freilich stets betont, sein Buch wäre kein Schlüsselroman und würde keine individuellen Charaktere darstellen, sondern allgemeine Typen: Nicht unbedingt Gründgens also, sondern den klassischen Mitläufer.
Er hätte mehr Charaktere beschreiben sollen, die sind viel interessanter! Typen dagegen sind gleich erkennbar, sie sind der schnelle Erfolg auf dem Feld des Einverständnisses und des Lachens. Dagegen haben alle Personen etwa in einem Stück von Anton Tschechow ein Geheimnis. Das sind Charaktere, die man zu kennen meint, aber man kennt sie natürlich nicht wirklich. Wie auch immer: Für mich sind Mann und Gründgens die zwei Seiten einer Medaille.
Sie meinen, Gründgens hat gemacht, was Klaus auch gern getan hätte?
Ich mache es so in meiner Inszenierung, ja. Ich bin schließlich verantwortlich für die Interpretation. Diese zwei Seiten einer Medaille sind für mich eine historische Dialektik. Deshalb sagt der eine manchmal Texte, die eigentlich der andere sagen sollte, und umgekehrt. Sie wissen eben einfach beide viel voneinander. Das entspricht meiner Sicht auf diese Geschichte. Alle zwei waren homosexuell. Man weiß jedoch leider nicht, ob sie mal miteinander im Bett waren. Klaus hatte jedenfalls große Angst um Gustaf, mit dem seine Schwester Erika zwischen 1926 und 1929 verheiratet war. Er fürchtete, sein Ex-Schwager könnte wegen Homosexualität ins KZ kommen. Wohl auch deshalb hat er Hendrik Höfgen nicht als schwul dargestellt. Der hat eine schwarze Geliebte, mit der er eine sadomasochistische Beziehung pflegt und die ihm eine andere Körpersprache beibringt, bei ihr lernt er tanzen. Man weiß nicht, ob Gründgens „Mephisto“ gelesen hat, aber man kann annehmen, dass ihm jemand ein Exemplar aus Amsterdam mitgebracht hat. Geäußert hat er sich dazu öffentlich jedenfalls nie.
Für mich sind Klaus Mann und Gustav Gründgens die zwei Seiten einer Medaille
Frank Castorf
„Mephisto“, diese große Abhandlung über den Zusammenhang von Kunst und Politik, Opportunismus und Selbstbestimmung wäre in Ihrer Auslegung nicht mehr als eine unglückliche Liebesgeschichte zwischen zwei Schwulen? Brokeback Mountain im Dritten Reich?
Sexualität hat ja auch eine erhebliche politische Dimension, denken Sie am Wilhelm Reichs bahnbrechende Studie „Die Massenpsychologie des Faschismus“. Reich hat schon früh den Zusammenhang zwischen faschistischer Ideologie und autoritärer Triebunterdrückung erkannt. Warum wählten gerade junge Menschen und Frauen die NSDAP, warum waren sie von deren Versprechungen so begeistert, anstatt sich aufgrund ihrer sozialen und sexuellen Unterdrückung durch die Familienstrukturen und die Moralvorstellungen der Kirche den Kommunisten anzuschließen? Nicht nur das Sein bestimmt das Bewusstsein, auch die Libido tut es. Von Klaus Mann gibt es den Aufsatz „Homosexualität und Faschismus“, geschrieben nach dem Schriftstellerkongress 1934 in Moskau. Dort sagte Maxim Gorki, damals schon eine literarische Ikone der Sowjetunion: „Man rotte alle Homosexuellen aus – und der Faschismus wird verschwunden sein!“ Das fand Klaus Mann natürlich empörend, aber er begann auch, sich selbst zu prüfen. Am 1. Juli 1934 war außerdem Ernst Röhm, der schwule Chef der SA, ermordet worden. Was ist, fragte sich Klaus Mann, wenn ich auch so ein Bandit bin wie Röhm, weil ich dieselbe erotische Prägung wie er habe? Da halte ich mich für einen Antifaschisten und bin vielleicht doch von der Gewalt und dem Gepränge der Nazis fasziniert und sexuell erregt? Im Kopf bin ich gegen die Nazis, aber was ist in meinem Unterbewusstsein los? Ich bin vielleicht doch genauso wie die, und trotzdem bin ich es nicht, weil ich ganz anders denke, schreibe, handle. Klaus Mann zweifelte an sich, und er tat es öffentlich. Wer zweifelt denn heute noch an sich? Alle wissen ganz genau, was richtig ist, alle stehen immer auf der richtigen Seite und zeigen „klare Kante“. Wenn ich das schon höre … Der Opportunismus ist dem deutschen Volk insgesamt gegeben, nicht dem Einzelnen.

Ist das ein Spezifikum ausschließlich des deutschen Volkes?
Das glaube ich, ja. „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“, heißt es in dem Gedicht „Todesfuge“ von Paul Celan. In der Sowjetunion gab es unter Stalin wahrscheinlich ähnlich viele Todesopfer wie im Dritten Reich, aber die industrielle Massenvernichtung war eine deutsche Erfindung. Und der Grund dafür? Irgendein ideologischer Rassenglauben. Als der Reichstag 1933 brannte, feierte Klaus Mann in München Karneval. Man tanzte, man verliebte sich, und als am Aschermittwoch die Girlanden und Konfetti zusammengekehrt werden, war der Karneval auch im übertragenen Sinne zu Ende. So schreibt er es. Er wusste, dass sich die Dinge gravierend ändern würden und kein Leben in Freiheit mehr möglich wäre. Mann ging nach Paris ins Exil. In Deutschland wurden sofort der Pazifist Carl von Ossietzky, der Kommunist Ernst Thälmann, der Anarchist Erich Mühsam verhaftet. Der Gewaltapparat der Nazis war sehr effektiv.
Am Berliner Ensemble arbeiten sie nun erstmals mit Jens Harzer zusammen, der Höfgen darstellen wird. Über den schrieb Klaus Mann: „Er litt an seiner Eitelkeit, wie an einer Wunde. Es war diese passionierte Gefallsucht, die seinem Wesen den Aufschwung gab. An der er sich aber auch buchstäblich zu verzehren schien. Wer sich seiner selbst sicher wäre, gäbe auch nicht so an.“
Ich kenne Jens Harzer noch aus München, wo ich ein paarmal arbeitete und wo er an den Kammerspielen engagiert war. An die Volksbühne konnte ich ihn nicht holen, da gab es oft Widerstände gegen Fremde, man war hermetisch und nicht immer fair. Aber nun hat es geklappt, er ist ein toller Schauspieler, mit einer großen, leisen Genauigkeit, die alle Tonstufen hat. Er kann so starke Momente spielen, dass ich ihm immer zubilligen würde, ihm wirklich zu glauben. Und dann ist man überrascht, weil er genau das Gegenteil von dem macht, was man erwartet hat.
Frank Castorf wird nicht an die Volksbühne zurückkehren
An der Volksbühne ist Ihr ehemaliger Chefdramaturg Matthias Lilienthal gerade Intendant geworden. Hat er Sie schon wegen einer Produktion angesprochen?
Nein, und dazu wird es sicher auch nicht mehr kommen. Wir hatten eine gute Zeit miteinander, dann haben wir uns getrennt, er wurde Intendant am HAU, ich war nicht unfroh darüber. Was soll ich denn nach dem „Faust“ noch an der Volksbühne inszenieren? Das ist vorbei. Ich arbeite jetzt in Warschau, in Belgrad, in Epidaurus, in Paris, in Wien, in Hamburg. Es ist gut, auf Wanderschaft zu sein. Mit Freude lese ich immer wieder „Aus dem Leben eines Taugenichts“ von Joseph von Eichendorff.
Der Taugenichts ist gern unterwegs, eine romantische Figur, die stets an das Gute im Menschen glaubt. Tun Sie das auch?
Oh doch, sonst würde ich nicht überall noch arbeiten! Und so begegnen mir überall wunderbare Schauspielerinnen und Schauspieler, die an einem Theater des neuen wissenschaftlichen Zeitalters interessiert sind, wie es Brecht formulierte. Ich bin Agnostiker, ich glaube nicht wirklich an die Erkennbarkeit und Beherrschung der Welt. Die Menschen sind weder gut noch böse, sie kommen und gehen, die ganze Menschheit wird auch wieder verschwinden. Mir macht es Spaß, über die Dialektik der Geschichte nachzudenken. Alles verändert sich und die Dinge werden auch wieder besser werden, wenn man kämpft. Das hoffe ich jedenfalls.
Berliner Ensemble Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte, Do 17.9., 18 Uhr (Premiere), Sa 19.9., 18 Uhr, So 20.9., 17 Uhr, Tel. 28 40 81 55, 9-74 €, mehr Infos
Frank Castorf
Frank Castorf wurde 1951 in Berlin (Ost) geboren. Er zählt zu den einflussreichsten zeitgenössischen Regisseuren. Seine Inszenierungen wurden in aller Welt mit Preisen überhäuft, aber auch heftig angefeindet. Von 1992 bis 2017 war er Intendant der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. 2013 inszenierte er zum 200. Geburtstag Richard Wagners bei den Bayreuther Festspielen den „Ring des Nibelungen“ (Dirigent: Kirill Petrenko). Inzwischen arbeitet Castorf als freier Regisseur. „Mephisto“ ist seine fünfte Inszenierung am Berliner Ensemble.