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Freie Szene: „Wir brauchen jede Stimme für die Kultur!“

Die volatile freie Szene in Berlin ist besonders von den Kürzungen im Kulturetat betroffen. Wie es geht und weitergehen kann, schildert Franziska Werner vom Landesverband freie darstellende Künste Berlin e.V. (FAFT)
Text: Irene Bazinger
Veröffentlicht am: 10.07.2026
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Franziska Werner
 © Foto: Katja Renner
Liebe Frau Werner, nach den Kürzungen im Kulturetat der letzten Jahre kann es der freien Szene nicht gut gehen. Warum hört man so wenig von ihr?

Wir sind als freie Szene natürlich untereinander weiterhin im Austausch, aber wir treten gerade nicht so stark in Erscheinung wie 2024 mit den vielen Protestaktionen etwa am Brandenburger Tor gegen die Kürzungen im Kulturbereich. Das hat damit zu tun, dass vor den Wahlen im September nichts mehr entschieden wird. Wir haben jedoch inzwischen mit dem Aktionsbündnis #BerlinIstKultur die Initiative „#Deine Stimme für Kultur“ mit auf den Weg gebracht. Gemeinsam werden wir nach einer Aktionswoche im Juni noch in einer Aktionswoche von 2. bis 8. September von der Politik ein klares Bekenntnis zur Berliner Kultur einfordern.

Was sind die zentralen Forderungen?

Wir wollen, dass Kultur nicht als Luxusgut betrachtet wird, sondern als das, was sie für diese Stadt schon lange bedeutet: Die Kultur gehört zur DNA von Berlin. Sie ist unter anderem ein erheblicher Wirtschaftsfaktor, die Existenzgrundlage für viele Beteiligte, ein Ausdruck von Vielfalt und gesellschaftlichem Zusammenhalt und insofern eine Basis für Demokratie.

Der Kulturetat beträgt ungefähr zwei Prozent des Landeshaushalts. Die Berliner Kultureinrichtungen möchten diese Zahl auf mindestens drei Prozent steigern und dauerhaft absichern. Wie soll das gehen?

Es ist nicht so, dass wir nur verlangen – wir geben ja auch! Jeder Euro, der in die Kultur investiert wird, kommt um ein Vielfaches vermehrt zurück. Das untersucht zum Beispiel die Studie „Kultur als Standortfaktor in Berlin”, die das Institut für Kulturelle Teilhabeforschung (IKTf), gefördert von der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, gerade durchführt. Die Studie beschäftigt sich mit den messbaren wirtschaftlichen Effekten von Kultur, die einen gesamtwirtschaftlichen Nutzen für die ganze Stadt haben – wie etwa Beschäftigung, Bruttowertschöpfung, touristische Rückflüsse und Steuereinnahmen. Die Umwegrentabilität umfasst Wirtschaftsbereiche von Gastronomie über Einzelhandel bis hin zu Hotellerie und Mobilität. Dass Berlin weltweit als so attraktive und interessante Stadt gilt, hängt vor allem mit dem vielfältigen kulturellen Angebot zusammen.

Eine Ansprechpartnerin, einen Ansprechpartner im Kultursenat haben Sie für Ihre Anliegen derzeit nicht und können also kaum Überzeugungsarbeit leisten.

Das ist ein Problem, denn momentan ist das Amt des Kultursenators nur vorübergehend als Zweitjob bis zur Wahl mit Finanzsenator Stefan Evers (CDU) besetzt. Insofern müssen wir abwarten, wer in einer neuen Regierung die Belange der Kultur übernehmen und sich wirklich für sie einsetzen wird. Dann wird es darum gehen, wieder Vertrauen herzustellen und die Kommunikation zu erneuern. Bis vor wenigen Jahren gab es ein produktives Verhältnis zwischen der Kulturszene sowie der Politik und Verwaltung. Man war im guten, respektvollen Kontakt miteinander und war sich einig darüber, dass die freie Szene erhalten und gestärkt werden muss und sich zugleich deren Arbeitsbedingungen verbessern sollten.

Unser Ziel wäre es, gemeinsam mit Politik und Verwaltung in den Planungen vor die nächste Kürzungswelle zu kommen

Franziska Werner, LAFT
Sind die Arbeitsbedingungen wirklich so schlimm?

Es ist leider so, dass in der freien Szene immer noch vorwiegend unter prekären Bedingungen gearbeitet wird, auch wenn sich alle bemühen, Mindestlöhne zu zahlen. Das Geld reicht allerdings nicht immer dafür aus, wenn man an die steigenden Mieten und die Inflation allgemein denkt. Alles wird teurer. Im Grunde ist die Situation so, dass man mit den gleichen Fördermitteln inzwischen durch die Kostensteigerungen ein Drittel weniger produzieren kann. Wenn es bei den Evaluierungen darum geht, wie viel eine Gruppe künstlerisch geleistet hat und die Aufführungen samt Besucher:innen gezählt werden, fallen die Verhältnisse, unter denen dies geschehen ist, häufig unter den Tisch.

Seit die CDU mit Kai Wegner im Februar 2023 die Wiederholungswahl zum Abgeordnetenhaus gewonnen hat, ist der Gesprächsfaden zwischen Politik und freier Szene gerissen?

Im Prinzip ist das so, ja. Kultursenator Joe Chialo (CDU) war nicht wirklich an einem Austausch auf Augenhöhe interessiert, im Gegensatz zu seiner parteilosen, im April zurückgetretenen Nachfolgerin Sarah Wedl-Wilson. Inzwischen hat niemand mehr eine Zukunftsvision für die Berliner Kultur, wie sie unterstützt werden kann, welche Räume für die Kultur gesichert und vielleicht noch erschlossen werden sollen. Das wäre aber wirklich eine wichtige politische Aufgabe. Wir vom LAFT sind in diesem Zusammenhang immer offen für konstruktive Gespräche.

Zur Person

Franziska Werner studierte Theaterwissenschaften/Kulturelle Kommunikation, Kunstgeschichte und Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität sowie Études Théâtrales an der Sorbonne Nouvelle Paris. Danach arbeitete sie als freie Dramaturgin, Kuratorin und Produktionsleiterin. Von 2011 bis 2023 war sie Künstlerische Leiterin der Sophiensaele. Seit 2025 ist sie für das Impulse Festival für Performance, Theater und Tanz in Nordrhein-Westfalen verantwortlich. Sie gehört zum Vorstand des LAFT (Landesverband freie darstellende Künste Berlin e.V.).

Die Kürzungen seit dem Herbst 2024 haben alle Kultureinrichtungen hart getroffen. Gibt es eine Strategie, um perspektivisch mit derlei Problemen umzugehen?

Unser Ziel wäre, dass wir gemeinsam mit Politik und Verwaltung einmal in den Planungen und Gesprächen sozusagen vor die nächste Kürzungswelle kommen. Dass eben nicht von oben irgendwelche Kürzungen nach unten angeordnet werden und sich dann bei dem Versuch der Umsetzung herausstellt, dass sich vieles so kurzfristig gar nicht realisieren lässt – etwa wegen längerer Planungsphasen und laufender Verbindlichkeiten. Man hat in den letzten zwei Jahren gesehen, was das für einen Scherbenhaufen verursacht und wie mühselig und aufwendig es ist, ihn im Nachhinein halbwegs zu sortieren und den Schaden zu begrenzen. Natürlich ist unser Anliegen, dass man sich im Vorfeld bespricht und eventuelle Schutzmaßnahmen und Übergänge überlegt. Man muss, anders als in den letzten Jahren, miteinander im Gespräch bleiben. Viele Kolleg:innen sind in allen möglichen Arbeitskreisen engagiert, erarbeiten Positionspapiere und Vorschläge und bitten im Senat um Termine, um die konstruktiv zu diskutieren. Oft passieren dann jedoch keine nächsten Schritte. Das muss sich wieder ändern, da müssen wir einen anderen Umgang finden und zu mehr Verlässlichkeit und Planbarkeit kommen. Es geht ja nicht nur um ein Projekt hier oder da, es geht wirklich um Berlin, seinen Ruf, sein Standing, seine Lebensqualität für alle.

Das Geld ist knapp, Kürzungen scheinen unvermeidlich. Wo wird die freie Szene in Zukunft sparen können?

Selbstverständlich gibt es in der freien Szene ein Bewusstsein dafür, dass man Kürzungen vornehmen muss. Aber wir würden gerne mitsprechen, denn wir haben die Kompetenz über unsere Notwendigkeiten und Anforderungen. Gleichzeitig sage ich natürlich, die freie Szene ist im Kulturhaushalt der allerkleinste Posten, mit uns ist wirklich nichts einzusparen. Deshalb plädiere ich als Vertreterin der freien Szene dafür, diesen Bereich von Kürzungen auszunehmen. Ich bin hundertprozentig überzeugt, dass es da andere Stellschrauben im Berliner Haushalt gibt, an denen man sinnvollerweise mehr sparen könnte, bloß nicht innerhalb des ohnedies schon kleinen Kulturhaushalts und in den wenigen Fördertöpfen der prekären freien Szene. Den bescheidenen Aufwand für diesen Bereich weiter zu reduzieren ist absolut kontraproduktiv: Kein Nutzen, viel Schaden, und zwar auf Dauer. Denn ein Ort, der heute aufgegeben wird, eine Gruppe, die heute nicht mehr unterstützt wird und sich auflöst – derlei wird sich später nicht wiederbeleben lassen. So etwas ist dann wirklich verloren. Und so einen Flurschaden darf sich Berlin einfach nicht leisten.


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