Kämpfen, nicht weggucken: Mateja Koležnik im Portrait

Sie braucht keine fünf Minuten, um zu dem zu kommen, was sie im Moment umtreibt.
„Für was sind wir faulen, selbstgerechten Europäer bereit zu töten oder zu sterben?“ Eine steile Frage, wie aus einer anderen Welt. Und dann lacht sie. Mateja Koležnik, 1962 in Ljubljana geboren, damals Jugoslawien, kann schnelle Umschwünge. „Bitte unterbrechen Sie mich, wenn ich vom Weg abkomme. In meinem Kopf spukt so viel herum, dass ich selten einen Satz zu Ende kriege.“
Bei Koležniks letzter Inszenierung in Bochum flogen Orangen auf die Bühne
Sie wird viele englische Sätze zu Ende kriegen an diesem sonnigen Märztag in einem ruhigen Nebenraum des Berliner Ensembles. Die Proben zu Tschechows „Drei Schwestern“ haben gerade erst begonnen, und im Kopf ist sie noch in Bochum, wo ihre letzte Inszenierung etwas ausgelöst hat, was rar geworden ist im deutschen Theater: einen „Skandal“. Tiago Rodrigues Stück „Catarina oder Von der Schönheit, einen Faschisten zu töten“ endet mit dem fast 20-minütigen Monolog eines rechten Politikers, der sein krudes Weltbild in aller Ausführlichkeit darlegt. Nach den ersten Buhs flogen Orangen auf die Bühne, die schließlich von zwei Männern gestürmt wurde, die den Schauspieler Ole Lagerpusch attackierten. Die Verwechslung von Schauspieler und Figur wurde zum Feuilletonstoff, der die Inszenierung selbst in den Hintergrund rückte. „Das macht mich traurig“, sagt Mateja Koležnik. „Es geht ja in Dreiviertel des Stücks darum, dass wir in unserer Verwöhntheit vergessen haben, dass man für die Demokratie kämpfen muss.“
Das Wegsehen, die große Verdrängung des Ungewollten ist auch der Ausgangspunkt ihrer Arbeit an den „Drei Schwestern“. Aus dem Haus des verstorbenen Generals verpflanzt sie seine Töchter direkt in die Jetztzeit einer Kasernenkantine, wo sie sich ihren privaten Befindlichkeiten, Sehnsüchten und Enttäuschungen hingeben und ignorieren, dass neben ihnen ein Krieg vorbereitet wird. „Tschechow schrieb das Stück vier Jahre vor der russischen Revolution 1905. Nicht mal 15 Jahre später existierte die Klasse nicht mehr, in der die drei Schwestern sich bewegen. Er schreibt über Menschen, die sich nach Arbeit sehnen, während ihre Dienstboten ihnen den Hintern abwischen. Es ist eine Kritik an einer Klasse, die sich ihrer Privilegien und ihrer Selbstgerechtigkeit nicht bewusst ist. Das ist genau, wie wir heute ticken, auch wir müssen langsam kapieren, dass wir unsere Privilegien verlieren können. Auch wir blicken nur auf uns und unsere Befindlichkeiten, anstatt in die Welt zu gucken.“
Wenn sie Wir sagt, meint sie auch sich: die junge Mateja, die mit 15 Jahren als Singer-Song-Writerin auf der Bühne steht („mit sehr peinlichen Liedern“), sich nach vier Jahren Philosophiestudium für die Theaterausbildung entscheidet und Anfang der 90er Jahre, als Slowenien seine Unabhängigkeit erklärt, gerade ihre Karriere startet. „Da fingen wir schlagartig an, esoterisch zu werden, kümmerten uns um unsere Körper, die Buchläden waren voll mit Ratgeberliteratur. Wir wurden in sieben Sekunden zu Idioten. Wir hätten damals was tun können, um ein gutes Land aufzubauen. Aber gekümmert hab ich mich um meine Karriere. Und es wurde eine Bananenrepublik. Jetzt weiß ich das, zu spät. Eine versäumte Gelegenheit.“ Aber jetzt ist er wieder da, der Moment, das große Ganze in den Blick zu nehmen. „Familiengeschichten reichen nicht in diesen Zeiten.“
„Theater ist eine langsam sterbende Kultur“, sagt Koležnik
Sie selber nennt sich immer wieder „lucky“. Der Zufall, der sie 2012 nach Chemnitz führte. Da startete ihre Karriere im deutschsprachigen Raum, wo man noch Theater machen kann unter ökonomischen Bedingungen wie in Slowenien vor zwanzig Jahren. Dort sind die Budgets jetzt um bis zu 90 Prozent gekürzt, „Theater ist eine langsam sterbende Kultur“.
Für Mateja Koležnik ist die Arbeit am Theater ihr Leben. Sie hofft, dass es dort endet, „tot umfallen bei einer Probe“. Eine „Gastarbeiterin“ nennt sie sich, „ich lebe aus dem Koffer“. Die Theater sind ihr Zuhause: das Berliner Ensemble wie das Münchner Residenztheater, das Wiener Burgtheater, Bochum. „Da kenne ich die Ensembles, und sie kennen mich. Das ist Heimat.“ Am Berliner Ensemble arbeitet sie, seit Oliver Reese 2017 das Haus übernahm, inszenierte bisher fünf Stücke.
Sie ist eine Textarbeiterin, die psychologisch präzise die Subtexte herausarbeitet, Stücke verdichtet und selten mehr als 90 Minuten braucht, um die Dramen des 20. Jahrhunderts auf den Punkt zu bringen. „Keine Postmoderne, keine Postdramatik, ich bin ganz alte Schule“, lacht sie. Fast ein Alleinstellungsmerkmal. Sie galt auch nie als politische Regisseurin, aber die Veränderungen in der Welt, der globale Rechtsruck, die Machtübernahme der Autokraten, haben ihre Sichtweise auf ihre Kunst verändert. „Ich habe das Gefühl, es geht jetzt darum, gesellschaftspolitisch relevante Stücke auf die Bühne zu bringen. Die an unsere eigene soziale Verantwortung appellieren und uns klarmachen, dass wir uns nicht länger in unserer Bequemlichkeit einrichten können.“ Ob Tschechows drei Schwestern so weit kommen werden, das kann sie noch nicht verraten.
Text: Barbara Burckhardt