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Max Hopp: „Die Folgen der preußischen Gehorsamkeit merken wir bis heute“

Max Hopp ist ein Alleskönner. Nun bringt er im Berliner Ensemble „Der Hauptmann von Köpenick“ als Solo-Lesung mit Musik auf die Bühne
Text: Irene Bazinger
Veröffentlicht am: 20.03.2026
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Wie viel erträgt der Mensch? Max Hopp stellt immer wieder Figuren dar, denen das Leben zusetzt. Nun spielt er in „der Hauptmann von Köpenick“ im Berliner Ensemble. Foto: Jana Vollmer 
Lieber Herr Hopp, Sie sind ein Star an der Komischen Oper, nun lesen Sie „Der Hauptmann von Köpenick“ als großen Monolog im Berliner Ensemble. Wie kommt’s?

Ich spiele ja weiter an der Komischen Oper, derzeit in „My fair Lady“. Aber es war mir schon eine große Ehre, als mir Oliver Reese „Der Hauptmann von Köpenick“ vorgeschlagen hat. Das wird ein Abenteuer. Das Stück von Carl Zuckmayer aus dem Jahr 1931 passt zum einen zu Berlin, zum anderen in unsere Zeit, in der wir aus bekannten Gründen – Krieg in der Ukraine – über Wehrtüchtigkeit und Aufrüstung sprechen.

Hat uns diese „Köpenickiade“, in der sich ein durchs soziale Rost gefallener Schuster eine Uniform anzieht, das Rathaus von Köpenick einnimmt und die Stadtkasse stiehlt, wirklich noch etwas zu sagen?

Wilhelm Voigt, dieser Kleinkriminelle, der beschlossen hat, ein anständiger Mensch zu werden, steckt in einer Klemme. Er war im Gefängnis und sucht nun Arbeit. Dafür braucht er eine Aufenthaltsgenehmigung. Die kriegt man aber nur, wenn man einen Arbeitsplatz nachweisen kann. Was soll er tun? Im damaligen System aus Obrigkeitshörigkeit und Militarismus hat er keine Chance. Deshalb protestiert er einmal verzweifelt, als man ihm die Vorzüge von strikt eingehaltenen Vorschriften einzubläuen versucht: „Erst kommt de Wanze, und dann de Wanzenordnung! Erst der Mensch, dann de Menschenordnung!“ Manchmal hat man den Eindruck, dass er der einzige Normale in dieser verrückten, uniformgeilen Männergesellschaft ist. Die wilhelminische Bürokratie mit der Anonymität der Entscheidungsträger und der Eliminierung von moralischem Bewusstsein hat den Weg bereitet, um gut ein Jahrzehnt später das Schlimmste an Unmenschlichkeit hervorzubringen und zuzulassen, das die Welt bis dahin gekannt hatte. Die Folgen der preußischen Gehorsamkeit merken wir bis heute.

Ein legendärer Hauptmann war Heinz Rühmann in der Verfilmung von Helmut Käutner 1956.

Mich hat außerdem Harald Juhnke beeindruckt, der die Rolle 1995 am Maxim-Gorki-Theater gespielt hat und zwei Jahre später in der Verfilmung von Frank Beyer. Der hatte von Anfang an so eine Melancholie. Wenn man sich Fotos von Wilhelm Voigt anschaut, hat er auch so schrecklich traurige Augen. Als er sich im Stück der Polizei stellt und gebeten wird, noch einmal die legendäre Uniform anzuziehen, bittet er um einen Spiegel. Denn er hatte sich vor seinem Coup in einer Toilette am Schlesischen Bahnhof umgezogen – und dort gab es keinen Spiegel. Er bekommt einen ungläubigen Lachanfall, als er sich im Zauber der Montur sieht, mit dem er sich im militaristischen Deutschland endlich Respekt erschwindelt hatte.

Sie haben jahrelang bei Frank Castorf in Zürich und Berlin noch so ein verlorenes Großstadtgeschöpf verkörpert, nämlich den Franz Biberkopf in „Berlin Alexanderplatz“. Diese Verlierertypen scheinen Ihnen zu liegen.

Biberkopf ist eine von den traurigen Gestalten, die sich integrieren und Mensch sein wollen – und dann werden sie von der Gesellschaft ausgeschlossen, weil die ihre Vorurteile nicht überwinden will. Für mich ist der Woyzeck des Georg Büchner auch ein Vorläufer des Köpenicker Hauptmanns, ein einfacher Soldat, der keine Perspektive hat, kaum genug zum Leben verdient und aus Eifersucht seine Geliebte ersticht. Wenn ich an solche Figuren herangehe, frage ich mich unweigerlich: Wie viele Hürden baut unsere Gesellschaft eigentlich heute noch auf, ehe es jemandem möglich wird, wirklich Mensch zu sein?

„Ich möchte mich als Schauspieler in dunkle Höhlen wagen und ein Streichholz anzünden“

Max Hopp
Hat das Theater Mittel gegen gesellschaftliche Verwerfungen und ihre Folgen?

Ja, denn Theater hat die Aufgabe, dieses Feld der Entwicklung des Menschseins zu erforschen. Für mich ist das der Grund, Theater zu spielen oder ins Theater zu gehen. Und da ist dann das Ziel nicht, das Publikum mit allseits Bekanntem abzuspeisen – nein, es geht um das unbekannte Land. Theater heißt, all das aufzudecken, was sein könnte. Ein Möglichkeitsraum! Ich möchte mich als Schauspieler in dunkle Höhlen wagen, ein Streichholz anzünden und die alten Wandmalereien betrachten.

Für Ihren Abend im BE haben Sie Unterstützung durch Ihre Frau Doris Decker, die mit Marlon Mausbach die Musik komponiert hat und auf der Bühne Saxofon und andere Instrumente spielen wird.

In Bezug auf die Kompositionen waren wir uns alle ganz schnell einig, dass sie keine historisierenden Elemente enthalten sollten. Sie werden nicht vordergründig heutig sein, aber doch modern, mit elektronischen Klängen und auch mit akustischen Instrumenten, die den Text einerseits in seiner Rhetorik unterstreichen, andererseits für eine zusätzliche emotionale Ebene sorgen. So werden sich noch andere Dimensionen der Wahrnehmung ergeben.

Zur Person

Max Hopp wurde 1972 in Berlin-Köpenick geboren. Er stand schon als Kind vor der Fernsehkamera. Nach der Ausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch debütierte er am Theater Bremen und war dann an verschiedenen Theatern zu sehen, wie der Volksbühne Berlin, dem Schauspielhaus Hamburg, dem Schauspielhaus Zürich und den Münchner Kammerspielen. Seit 2010 tritt er regelmäßig an der Komischen Oper auf, etwa in „Anatevka – Fiddler on the Roof“, „My Fair Lady“, „Orpheus in der Unterwelt“ oder „Eine Frau, die weiß, was sie will“. Er steht regelmäßig vor der Kamera und führt immer wieder auch selbst Regie.

Wie ist es, mit der eigenen Frau auf der Bühne zu stehen?

Herrlich! Mit dem Menschen zu arbeiten, den man liebt, ist ein großes Geschenk. Wir haben das schon öfter gemacht, etwa bei einem Programm zu Heinz Erhardt, das wir im Renaissance-Theater zeigen, oder als Udo Lindenberg 2017 in der Waldbühne gastierte und Doris in seinem Panikorchester spielte – vor 22.000 Zuschauern! Ich betreute eine Bar, die auf der Bühne stand, denn wer gerade nicht dran war, kam vorbei und genoss das Spektakel von dort. So wie ich!

Was hat Sie als Schauspieler dazu gebracht, in Musicals und Operetten zu singen?

Ich komme aus keiner Künstlerfamilie. Aber meine Mutter spielte Klavier und Akkordeon, mein Vater schrieb Gedichte. Zur Musik hatte ich immer einen starken Bezug. Ich habe ein bisschen Klavier und Gitarre gelernt und mir mit meinem Vater Songtexte ausgedacht. Mein Onkel war Sänger an der Komischen Oper. Dort war ich sehr oft, habe viel gesehen und gehört. Das Musical „Anatevka“ am Theater Bremen 1995 war die erste Produktion, in der ich professionell mitwirkte. Damals spielte ich den Studenten Pertschik. Seit 2017 bin ich der Milchmann ­Tevje in der wunderbaren Inszenierung von Barrie Kosky an der Komischen Oper. Letzten Sommer durfte ich ihn auf Englisch an der Cincinnati Opera in einer amerikanischen Neuproduktion geben.

„In einer Zeit, die so zersplittert ist wie die unsere, stiftet Theater Weltfrieden“

Max Hopp
Sind Sie inzwischen mehr Sänger oder mehr Schauspieler?

Sagen wir so: Ich bin ein singender Schauspieler. Ich habe ja eine andere Beziehung zum Spiel als die Kolleg:innen von der Oper oder vom Musical. Die entwickeln ihre Figuren meist aus der Musik, ich komme von der Sprache her und über den Körper. Im Musiktheater möchte ich eine Figur so darstellen, dass es möglichst keinen Unterschied zwischen Sprache und Gesang gibt, so dass beides ganz organisch zum Ausdrucksspektrum der Rolle gehört. Ich verwende viel Zeit darauf, die richtige „Stimme“ für die Figur zu finden, den richtigen Ton. Meine Frau hat einmal gescherzt, wenn ich eine Rolle einstudiere, hat sie das Gefühl, sie lebe mit einem Papagei zusammen … Da ist etwas Wahres dran, denn ich wiederhole meine Texte unaufhörlich, bis sich etwas von der Figur zeigt.

Das Theater hat für Max Hopp die Aufgabe, die Menschen zu einen. Foto: Jana Vollmer
Wenn man in einer Aufführung sitzt, kann man die nicht, wie zu Hause einen Film, vor- oder zurückspulen, anhalten, laut oder leise stellen. Wird eine Kunstgattung wie das Theater in unserer digitalisierten Zukunft eine Chance haben?

Der Moment des geteilten unmittelbaren Miteinanders war der Urgrund des Theaters und ist bis heute seine Existenzberechtigung. So etwas brauchen die Menschen und wollen es. Als wir etwa 1999 bei den Salzburger Festspielen „Schlachten“ aufführten, waren Ensemble und Publikum zwölf Stunden lang zusammen. Es gab einige Pausen und ansonsten Shakespeares Rosenkriege in der Version von Tom Lanoye und Luk Perceval, der auch die Regie führte. Die Leute brachten sich Essen und Trinken mit, sie unterhielten sich beim Picknick mit anderen. Da merkte man, wie eine Verbindung entstand, weil man gemeinsam einen langen Weg absolvierte. In einer Zeit, die so zersplittert ist wie die unsere, stiftet Theater Weltfrieden. Weil es etwas schafft, was der Politik kaum noch gelingt: Menschen zu einen.

Oder, wie es der Sänger Christian ­Gerhaher einmal sagte: Die Kunst soll die Menschen nicht abholen, wo sie sind, sondern dorthin bringen, wo sie noch nie waren.

Genau! Wir auf der Bühne sind auch nicht klüger als das Publikum, aber wir machen erstmal ein Gesprächsangebot, ein Friedensangebot. Die Gesellschaft ist nach der Corona-­Pandemie noch dünnhäutiger geworden, Kontroversen werden sehr schnell so geregelt, dass man sich entweder zumacht oder den anderen anbrüllt. Da ist viel Geduld füreinander verloren gegangen. Theater kann die Menschen verwandeln und erheben und bewirken, dass man anders rausgeht als man reingekommen ist. Das muss ja nicht fürs ganze Leben halten, aber doch für eine kleine Weile.

Berliner Ensemble Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte, Do 26.3., 19.30 Uhr (Voraufführung), Fr 27.3., 19.30 (Premiere), Di 31.3. + Di 7.4., 19.30 Uhr, Karten 32-50 €, mehr Infos


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