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„Perfection“: Die Volksbühne kehrt nach 13 Jahren an den Prater zurück

Vincenzo Latronicos Roman „Die Perfektionen“ ­reflektiert kühl das Leben der globalen Boheme im Berlin der zehner Jahre. Die Regisseurin Anta Recke inszeniert die Geschichte des Webdesigner-Paares Tom und Anna für die Volksbühne – die erste Prater-Premiere nach 13 Jahren
Text: Bert Rebhandl
Veröffentlicht am: 23.09.2026
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Die Prater-Bühne eröffnet nach jahrelanger Sanierung mit dem Stück „Perfection“ nach dem Roman von Vincenzo Latronico © Jana Vollmer
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Der Rollkoffer auf den Berliner Bürgersteigen war das Zeichen einer historischen Epoche. Niemand weiß genau, wann sie begann, aber es hatte natürlich mit den Billigfliegern zu tun, die von der Liberalisierung des Luftverkehrs in Europa profitierten. Easyjet wurde 1995 gegründet, Ryanair schon zehn Jahre davor, entwickelte sich aber erst all­mählich zu dem, was es heute ist – ein Unternehmen, das fliegende Hühnerbatterien durch die Gegend schickt. Menschen, die viel unterwegs waren, fanden in Berlin eine gute Operationsbasis. Menschen wie Tom und Anna, die Hauptfiguren in Vincenzo ­Latronicos Roman „Perfektionen“.

Vincenzo Latronicos „Die Perfektionen“ als Vorlage für „Perfection“ im Prater der Volksbühne

Zwei noch halbwegs junge Leute aus Italien, die irgendetwas mit Grafik und Webdesign machten. Zwei vielseitig interessierte, offene, hedonistische Gegenwartsmenschen, die sich in den Galerien und Clubs der Stadt souverän bewegten. Wie von selbst entstanden dabei auch immer wieder Bilder, die in den sozialen Netzwerken ihre Bestimmung fanden, sodass bald nicht mehr ganz klar ist, wo der Freundeskreis endet und wo die Gefolgschaft beginnt.

„Die Perfektionen“ erschien 2022 auf Italienisch, 2023 folgte die deutsche Ausgabe. Seither hat das Buch eine Kultgemeinde um sich geschart. Es gilt als der Berlin-Roman der letzten Dekade, und nicht nur deswegen, weil darin natürlich auch der Rollkoffer zu seinem Recht kommt – als Requisit eines Lebensstils, von dem niemand so recht weiß, ob es ihn noch gibt oder geben soll.

Nach 13 Jahren endlich die nächste Prater-Premiere: Regisseurin Anta Recke bringt den Roman unter dem Titel „Perfection“ auf die Bühne © Dorothea Tuch

Dass die Volksbühne für ihren Neustart unter Matthias Lilienthal „Die Perfektionen“ im Prater auf die Bühne bringen will, hat einerseits Methode. Denn schon Frank Castorf, der große Übervater des Hauses am Rosa-Luxemburg-Platz, war einer derjenigen, die damit begannen, Prosa als Vorlage für Inszenierungen zu nehmen. Romane statt Stücke, das ist im Theaterbetrieb längst gang und gäbe, und „Die Perfektionen“ eignet sich mit seiner lakonischen Registratur von Alltagszeichen sehr gut für eine Bühnenproduktion.

Zeitgeschichte: Vincenzo Latronico erzählt vom Berlin der zehner Jahre

Andererseits aber handelt es sich eindeutig um einen historischen Roman. Latronico erzählt von den zehner Jahren, aus denen er mit unerhörter Präzision eine Lebensform rekonstruiert, die viele Menschen in Berlin von sich selbst kennen, jedenfalls in Ansätzen, über die normalerweise aber nicht so genau nachgedacht wird.

Es ist eine Lebensform, die unter dem Verdacht steht, dass sie vor allem einer Bildproduktion dient. Alle sind miteinander vernetzt und wissen sehr viel voneinander, alle haben aber auch ganz schön viel zu tun, um das Leben am Laufen zu halten.

Gut, besser, perfekter: die „Perfektionen“ machen Arbeit

Bei Tom und Anna läuft es lange Zeit sehr gut. Sie haben viele Aufträge, sie arbeiten gemeinsam zu Hause, in einer vorteilhaften Wohnung. Sie haben viele Kontakte, vor allem aber haben sie einander – ein stabiles Paar, stabil auch durch den mäßigen Sex, den sie haben, und den Latronico mehrfach betont.

Arbeit und Leben gehen ineinander über, man wähnt sich in der Freiheit, nur zu arbeiten, wenn man will, arbeitet aber irgendwie andauernd. Man ist umgeben von Wissen, das alle Dinge des Lebens besser macht: bessere Fonts, besseres Gemüse, bessere Drogen. In allen Dingen läuft es auf „Perfektionen“ hinaus, aber diese Perfektionen machen auch Arbeit. Dass Tom und Anna regelmäßig Sexspielzeug kaufen, ist eher eine Pflichtübung als eine echte Erweiterung ihrer Erfahrungen.

Berlin verändert sich und die Perfektionen verschwimmen

Latronico erzählt, wie sich der Alltag der globalen Boheme in Berlin allmählich verändert. Die Veränderungen sind kaum merklich, dabei aber offensichtlich. Die große Zuwanderung im Jahr 2015 wird für das Paar zu einem Moment, in dem sie sich noch einmal zu echtem Handeln aufschwingen wollen. Sie engagieren sich, sie werden Teil des „Wir schaffen das“, aber dann wird rasch unklar, „was ihre Rolle in dieser für die Stadt epochalen Situation sein könnte“.

So zieht auch die „Dringlichkeit der Flüchtlingskrise“ irgendwann vorüber. Die Stadt verändert sich immer rasanter, und viele, die früher cool waren, werden nun von diesen Veränderungen in die Defensive gebracht.

Die Volksbühne inszeniert „Die Perfektionen“ zum richtigen Zeitpunkt

Wenn die Volksbühne nun „Die Perfektionen“ ins Programm nimmt, dann historisiert sie sich auch ein wenig selbst. Latronico nennt keine konkreten Kultureinrichtungen, aber auch so weiß man, dass es gerade dieses Theater war, das immer wieder neu die Geschichte im geeinten und auseinanderdividierten Berlin mitgeschrieben hat. Inszenierungen von Christoph Schlingensief oder später René Pollesch sind heute wie Jahresringe eingeschrieben in das Leben mit der Stadt. Ein Stück über den Roman von Vincenzo Latronico wirkt wie ein Versuch, dieses Leben in Berlin irgendwie zu fassen zu kriegen – es in dem Moment, in dem man es lebt, auch zu begreifen.

Die kühle, ja fast traurige Reflexivität von „Die Perfektionen“ ist vielleicht nicht der schlechteste Orientierungspunkt in einem Moment, in dem man sich wünschen würde, die Stadt würde endlich aufwachen aus den vielen schlechten Träumen, die sie derzeit plagen. Tom und Anna, das Paar aus Italien, hatten eine Möglichkeit zum Absprung. Auch Latronico lebt mit seiner Partnerin heute in Mailand. Was aber, wenn wir hierbleiben möchten? Vielleicht schafft die neue Volksbühne dafür einen Inspirationsmoment.

Volksbühne Berlin im Prater Kastanienallee 7–9, Prenzlauer Berg, Premiere „Perfection“ am 2.10. mehr Infos; Vincenzo Latronico „Die Perfektionen“ ist bei Ullstein als Taschenbuch erhältlich


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