Das Musikdrama „Stereophonic“ kommt vom Broadway an die Schaubühne

1976, ein Tonstudio in Sausalito, Kalifornien. Die Aufnahmen für das neue Album einer fünfköpfigen Band stehen an. Karrieremäßig befinden sie sich auf dem Aufstieg: Während der Recording-Session steigt eine Single aus dem letzten Jahr wieder in die Charts ein. Sogar Top Ten. Ganz anders sieht es bei Reg, Holly, Simon, Peter und Diana privat aus. Die Gruppe ist geplagt von
Beziehungsstreits, Neid und einem übermäßigen Drogen- und Alkoholkonsum, der als Konfliktkatalysator fungiert.
Stereophonic ist Couple Revenge mit Musik
Thomas Ostermeier
Die Geschichte im Stück „Stereophonic“ erinnert an die wahre Entstehung des berühmten Albums „Rumours“ von Fleetwood Mac. Doch ebenso wie der Diamant „Rumours“ unter dem privaten Druck der Band entstanden ist, könnte auch bei der nicht benannten Band ein brillantes Album zu entstehen. Und das Publikum, das ist in der Schaubühne live dabei.
„,Stereophonic‘ ist kein Musiktheater. ,Stereophonic‘ ist Couple Revenge mit Musik“, sagt Regisseur und Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier, der das mit fünf Tonys ausgezeichnete Stück vom Broadway erstmals nach Deutschland holt. Der Tony ist die wichtigste Theaterauszeichnung im US-amerikanischen Raum, „Stereophonic“ wurde nach seiner Premiere im Herbst 2023 gleich 13 Mal nominiert. Ein Rekord. Der Text stammt vom New Yorker Dramatiker und Autor David Adjmi, die Musik von Will Butler. Butler war bis 2021 Gründungsmitglied der Indie-Rockband Arcade Fire und wurde als Komponist des Soundtracks zu „Her“ 2013 für den Oscar nominiert.
In der Schaubühne wird die Musik von „Stereophonic“ live zu hören sein. Die Schauspieler:innen Moritz Gottwald, Marcel Kohler, Magdalena Lermer, Eva Meckbach, David Ruland, Stefan Stern und Thomas Witte singen und spielen selber. Bis auf Witte sind sie alle musikalisch begabte Schauspieler:innen, Witte ist ein schauspielerisch begabter Musiker, der nun extra für diese Rolle eine schauspielerische Grundausbildung von Ostermeier selbst bekommen hat.
Große Themen werden in scheinbar kleinen Beziehungsstreits verhandelt
„Stereophonic“ steht in der Tradition der US-amerikanischen Psychodramen von „Who’s afraid of Virginia Woolf“. Große Themen werden in scheinbar kleinen Beziehungsstreits verhandelt. Autor David Adjmi verzichtet auf die genreübliche Küche oder Wohnzimmer, und verlegt die Handlung in ein Tonstudio. So wird die Bühne in zwei Räume geteilt: Den Aufnahmeraum und den Regieraum. Der Aufnahmeraum befindet sich im hinteren Teil der Bühne und ist komplett schallisoliert. Es kann zwischen den Räumen nur über Mikrofone kommuniziert werden. „Die Brillanz von David Adjmis Text liegt im Kontrapunkt zwischen der schönen Musik und den Abgründen der Zimmerschlachten“, sagt Thomas Ostermeier. So wird der Streit immer wieder von den energetischen Songs unterbrochen – die man sich auch schon vorab in der Broadway-Fassung auf allen gängigen Streamingdiensten anhören kann.
„The stars, how they rise / Like a glass of champagne held before your eyes / The stars, how they fall / Like a glass of champagne, thrown against the wall“, heißt es im Song Champagne im Stück. Und wie im Bild mit den Champagnergläsern sehen wir der Band in „Stereophonic“ beim Aufstieg und möglichen Zerfall zu.
„Stereophonic“ zeigt die männlichen „Genies“ kritisch
Die Fabel nach Vorbild von Fleetwood Mac vom beruflichen Aufstieg und privaten Zerfall scheint generell ein Zeitgeistphänomen zu sein: 2019 erschien der Bestsellerroman „Daisy Jones & the Six“, der 2023 zu einer Serie verfilmt wurde, ebenso lose basierend auf Fleetwood Mac und Rumours. „Im Englischen ist die Theater- und Musikszene als „The Industry“ bekannt – sie machen ein Geschäft mit der Begabung, mit der Zukunft von jungen Menschen. Gerade in „Stereophonic“ wird „The Industry“ zum hochskalierten Sinnbild der kapitalistischen Verwertungsindustrie. Und alle gehen daran kaputt – es wird gekokst und gesoffen ohne Ende. Nicht aus Genuss oder Liebe zum Exzess. Sondern als Ventil für den Druck. Die Figuren halten ihm sonst nicht mehr Stand“, sagt Thomas Ostermeier.
„Stereophonic“ idealisiert die 70er Jahre somit nicht, und zeigt auch kritisch, wie die männlichen „Genies“ die Frauen in der Band aktiv kleinhalten – obwohl sie am Ende mehr Hits schreiben als die Phallusträger.
Rockstars bieten das Idealbild von Freiheit und zerbrechen darin. Sie zerbrechen aber nicht an der Freiheit, sondern am System, am „hochskalierten Sinnbild der kapitalistischen Verwertungsindustrie“. Und doch bieten sie zugleich den möglichen Ausweg: die Musik. „Livemusik machen und hören war immer ein Ausdruck von Entlastung, von lebendiger Jugendkultur. Es braucht wieder mehr davon!“, so Ostermeier. Der damit vermutlich auch Möglichkeiten hätte, dies zu fördern. Und dann heißt es für uns vielleicht wieder hoffnungsvoll versöhnlich, wie in „Bright“, dem Theme-Song von „Stereophonic“: „I’m in the bright light again“.