Tanz im August: Unser Guide zum Festival

„Clap & Slap“ bei „Tanz im August“ ist das Stück des Sommers
Es ist das Stück dieses Sommers: „Clap & Slap“, man kann auch sagen: Abklatschen und Abwatschen. Dieses kurze Duo wird überall herumgereicht: als ein Kleinod, das von den Wiener Festwochen über die Hamburger Tanztriennale nun auch nach Berlin gelangt zu „Tanz im August“. Es ist, wie der Titel nahelegt, ein einfaches Stück. Zwei watschen sich ab: eine Tänzerin aus Litauen (Agnietė Lisičkinaitė) und ein vor Lukaschenkos Unterdrückungsherrschaft nach Polen geflohener Tänzer aus Belarus (Igor Shugaleev).
Dürfen die überhaupt zusammen auf eine Bühne?
Trägt Shugaleev, obwohl er sich 2020 an den Protesten in Belarus beteiligt hat, keine kollektive Mitverantwortung für die Politik des Langzeitdiktators? Umgekehrt: Darf man nicht mal fragen, ob Lisičkinaitė schon allein deshalb im Recht sei, weil sie behauptet, sie würde für die Freiheit Litauens sogar sterben? Wird Shugaleev nicht nur durch Lukaschenkos System, sondern auch von der Schuldzuweisung der Litauerin unter Druck gesetzt? Sind wir nicht gerade mitten in der Weltpolitik?

Dabei wollen die beiden nur tanzen. Mit ihrer wunderbar pointierten Handgreiflichkeit schleppen sie zugleich einen Elefanten in den Raum: Kunstschaffende aus Ländern, die unverantwortlich regiert werden – sagen wir: Russland oder Israel – dürfen sich nicht da blicken lassen, wo die Guten sind (die Europäer). Nein, dürfen sie nicht. Auch nicht bei „Tanz im August“.
Vögel und Fledermäuse: „Tanz im August“ entdeckt 2026 seine Liebe zur Natur
Was darf man dann? Sich unbedingt dieses Must-must-see des Sommers antun: „Nach mir die Sintflut“ heißt es, auf Französisch „Après moi, le déluge“: das jüngste Opus der Kult-Ballettkompanie (La)Horde aus Marseille, die in diesem Festivalsommer auch Berlin erfreuen wird mit gewaltigen Bühnenbauten, zwölf Tanzenden und der Macht von DJ Avia. (La)Horde ist ein dreiköpfiges Kollektiv hinter einer Balletttruppe, die nach „Room with a View“ und „Age of Content“ nun ein weiteres Megaevent vorlegt. Man imaginiert eine Welt am Rande des Zusammenbruchs, in der sich die Körper im Widerstand vereinen und die Kraft der Kunst nutzen, um das Unvorstellbare zu erahnen: eine Zeit nach der Katastrophe, eine Alternative, eine bessere Welt.

Wie immer bei (La)Horde stützt sich die Auferstehung aus der Apokalypse auf sämtliche Referenzen aus Popkultur und Tanzgeschichte – vom Ballett über TikTok-Tänze zum Streetdance. Dank ihres bislang größten Bühnenbilds möge „das kathartische Stück die Grundfesten der Welt erschüttern, damit Freude entstehen kann.“ Besser als solche Werbetexte beschreibt’s niemand.
Für alle aber, die die Nase voll haben von Politik und Apokalypse. Nahezu fast, also nicht ganz, aber doch schon sehr neu bei „Tanz im August“ ist die Entdeckung der Liebe zur Natur. Gemeint ist keine Übung in Nachhaltigkeit, sondern völlig ironiefrei die tiefe Bewunderung dessen, was uns durchs Leben trägt. Die Vielfalt der Körper. Vögel werden meditativ beim berühmten Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan in „Sounding Light“ ertanzt, ebenso bei Lenio Kaklea aus Frankreich. Bei ihr stehen „Les Oiseaux“ für die Schönheit der Welt, aber auch für das Verschwinden lebendiger Welten. Ihre Vögel verkörpern Freiheit, Leichtigkeit und Utopie, ebenso Grausamkeit, Raubverhalten, Konflikt und ökologischen Verlust.

Den Film „Sarkha صرخة” dürfte es bei „Tanz im August“ eigentlich nicht geben
Ähnliches gilt für die Fledermaus. Diesen schnellen Flieger der Nacht ehren Kareth Schaffer und Jonas Hauer auch für Sehbehinderte in ihren Berliner „Bat Dances“. Selbst dem Wasser haftet trotz aller Sturmfluten und Tsunamis immer noch etwas eher Harmonisches an. Respektvoll verehrt wird es in „The Choreography of Water“ des rumänischen Tangaj Collective, aber auch in Dana Michels Stück „You Cannot Can“, das die Angst der Insulaner vor dem Schwimmen thematisiert.
Für die anderen, die eher das Kämpferische des Körpers bewundern, empfehlen wir die brandstiftende Wut von Kasia Wolińska und ihre Berliner Produktion „Phoenix.Sun“; den wütenden Tanzmarathon der Griechin Chara Kotsali samt ihrer entschlossenen Feststellung: „It’s The End Of The Amusement Phase“; dazu aus Portugal: sowohl Marco da Silva Ferreira, der in „F*cking Future“ mit dem Kettenhemd rasselt, als auch, ganz groß, Diana Niepces luftakrobatische „Hornfuckers“. Letztere sind nicht einfach nur martialischer Zirkus, sondern gehen tief unter die Haut, denn es geht um wirkliche Unterdrückung und echte Revolte.
Es geht nicht nur um die künstliche Befriedigung der Welt, es geht nicht um die berüchtigte Cancel Culture, die Kunstschaffende aus Ländern ausschließt, die Krieg führen. „Tanz im August“ lädt solche Kunst aus Konfliktgebieten erst gar nicht ein. Doch dann dürfte es auch dies nicht zeigen: eine so ganz und gar unkritische Filmetüde von Jumana Dabis namens „Sarkha صرخة” über Frauen in und aus Palästina. Warum nur dieses einsame Werklein gewählt wird und so gar nichts aus Libanon, Israel, Iran und ihrer künstlerisch hochproduktiven Diaspora? Ich meine: Sich nur ein bisschen was zu trauen, ist schon wieder feige.