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Abenteuerspielplatz Musical

Die 1990er Jahre in Berlin als Musical: Mit „Wir sind am Leben“ haben Peter Plate und Ulf Leo Sommer, Ex-Rosenstolz, ein immer wieder mitreißendes Stück für „ihr“ Theater des Westens geschrieben
Text: Kevin Clarke
Veröffentlicht am: 23.03.2026
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Eindrücke von „Wir sind am Leben“ im Theater des Westens. © Michael Bidner

Die Frage, die sich aufdrängt, ist: Wieso ausgerechnet jetzt ein Musical übers Subkultur-Leben in Berlin 1990, mit Hausbesetzern aus dem Westen, die den Osten „kolonialisieren“, Underground-Raves und Sexpartys ohne Ende in leerstehenden Gebäuden, Aids-Epidemie und politischer Neusortierung der zwei so unterschiedlichen deutschen Nachkriegsgesellschaften? Als eine Art Mischung aus dem Udo-Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“, dem Broadway-Hit „Rent“, Armistead Maupins „Stadtgeschichten“ und als entferntes Echo von „Linie 1“, dem 40 Jahre alten Berlin-Klassiker aller Berlin-Klassiker?

Die Rosenstolz-Musiker Peter Plate und Ulf Leo Sommer hatten schon lange die Idee, ein Stück über jene Jahre machen zu wollen, die sie selbst intensiv miterlebt haben und in denen ihre Karriere 1991 in Friedrichshain startete, also da, wo auch „Wir sind am Leben“ spielt. Sie beauftragten Lukas Nimscheck und Franziska Kuropka – die ihnen zuvor den Überraschungshit „Die Amme“ geschrieben hatten –, aus einzelnen Erinnerungsmomenten ein Stück zu schaffen. Das Resultat ist nach dem Rosenstolz-Album von 2011 benannt. Es will eine Zeitreise sein in ein abgerocktes Stadtbild voller grauer Ruinen links und rechts, Überbleibsel von 40 Jahren real existierendem Sozialismus, nun zum „Abenteuerspielplatz“ mutiert.

Disco-Banger „Supernovadiscoslut“

Dort hat sich in einem verlassenen Konsum-Geschäft, über dem früher die DDR-Telefonseelsorge residierte, eine Gruppe junger idealistischer Antikapitalisten eingenistet, die eine Wahlfamilie bilden und deren Einzelgeschichten von Nimscheck und Kuropka erzählt werden. Im Zentrum steht das Geschwisterpaar Nina (rockig: Celina dos Santos) und Mario (starkes Bühnendebüt: UdK-Student Markus Spagl) aus Wittenberg. Sie hat „rübergemacht“ im Kofferraum eines Westlers, um eine Karriere als Sängerin mit kupferroten Haaren zu starten und sich sexuell jedem hinzugeben, der ihr über den Weg läuft.

Ihr jüngerer Bruder folgt ihr nach dem Mauerfall und versucht seinerseits, die Enge von Sachsen-Anhalt hinter sich zu lassen. Er will Fotograf werden und seine Kamera „ungefiltert draufhalten“, um „das Unsichtbare sichtbar zu machen“, wie er sagt. Er zieht in Ninas WG, verliebt sich in Mitbewohner Nando aus Kuba (Daniel Pohlen), einen ehemaligen Tänzer des Friedrichstadt-Palasts, der mit Dragqueen Bruno (Jörn-Felix Alt) zusammen ist, der seinerseits nachts in Untergrundclubs als Marlene Dietrich auftritt. Die drei bilden eine polyamouröse Beziehung. Außerdem dabei: das lesbische Paar Ramona (aggressiv-grandios: Johanna Spantzel) und Brigitte (Lucille-Mareen Mayr), die ein Kind bekommen, was allerdings ihre Beziehung zerstört. Dazwischen die esoterische Doris (genial: Kathi Damerow). Und dann taucht auch noch die aufgetakelte Mutter Rosi aus Wittenberg auf (überlebensgroß: Steffi Irmen), auf der Suche nach ihren Kindern und einem Neustart, nachdem ihr Friseursalon im Osten durch Getränke Hoffmann ersetzt wurde.

Nimscheck und Kuropka entwickeln all diese Einzelschicksale wie eine TV-Vorabendserie, in Episoden, die sich gut zusammenfügen, aber nie einen dramatischen Sog erzeugen. Das liegt auch daran, dass Plate/Sommer zwar großartige neue Songs geschrieben haben – vor allem den Disco-Banger „Supernovadiscoslut“ mit Pet-Shop-Boys-Vibe – und ansonsten einige ihrer Klassiker untergebracht haben, neben dem Titelsong vor allem „Die Schlampen sind müde“. Aber alles klingt in den Arrangements von Joshua Lange gefangen im ewig gleichen Rosenstolz-Sound. Selbst als Nina zu Beginn des zweiten Akts einen Auftritt à la Madonna hat und im Glitzer-Outfit von der Decke herunterschwebt, als Teil ihrer nun startenden Karriere als Musikerin, hört man keine Madonna-Beats von 1990 (es war ihre „Vogue“-Phase), sondern es bleibt eine nur dezent aufgepeppte Ballade („Kupferrot“). Oder wenn Nando rappend von seinem Leben in Havanna erzählt und kurz ein Latino-Rhythmus bei der fünfköpfigen Band auf der Bühne losgeht, ist dieser schon wieder vorbei, bevor „Pirouetten drehen“ richtig zündet. Als würde man sich nicht trauen, zu weit vom Rosenstolz-Original abzuweichen.

Erinnerung an die queere Subkultur

Das heißt: Rosenstolz-Fans kommen hier voll auf ihre Kosten, es ist wie ein locker bebildertes Konzert mit Hits, bei denen nur ab und zu einer stilistisch rausknallt, etwa das Up-tempo-Streitduett der beiden Lesben „Du wolltest dieses Kind“. Ich persönlich habe mich gefragt, wieso Plate/Sommer sich keinen erfahrenen Musical-Arrangeur aus London oder New York geholt haben, der ihnen als Fachmann ihre tollen Titel in ein überzeugendes Bühnenformat umbaut. Aber das hatte ich mich schon bei den beiden „Ku’damm“-Musicals und bei „Romeo und Julia – Liebe ist alles“ gefragt. Ebenfalls fragte ich mich, wieso sie sich wieder Jonathan Huor als Choreografen geholt haben, der hier mit dem agilen Tanzensemble nicht über generische Bewegungsfiguren hinauskommt, die dem Effekt des Stücks nirgends Nennenswertes hinzufügen. Wobei man zugestehen muss: Plate/Sommer kriegen das Theater des Westens so gefüllt.

Das atmosphärische Bühnenbild von Adam Nee verzichtet auf klare Berlin-Referenzen. Genauso wie die Geschichte kaum echte Berlin-Momente enthält, wie in „Linie 1“ die BVG-Kontrolleure oder Wilmersdorfer Witwen. Alles bleibt im Nirwana eines Damals-Klischees stecken (Lichtdesign: Tim Deiling). Der witzigste direkte Zeitbezug ist ein gewisser „Klaus“, der in einer der Untergrund-Partys zwischen Drogen und Darkroom auftaucht und sagt, er würde gern mal Bürgermeister werden wollen, was einen Riesenlacher erzeugt. Auch sonst sind viele Dialoge sehr witzig und werden speziell von Damerow als Doris mit perfektem Timing abgeliefert. Aber so richtig tief geht das alles nicht … auch nicht, wenn das Thema HIV und Tod die Story nach der Pause dominiert. Da haben zuletzt Theaterstücke wie „Das Vermächtnis“ von Matthew Lopez sowie TV-Serien wie „It’s a Sin“ von Russell T Davies und „Pose“ von Ryan Murphy gezeigt, dass man dazu heute im Rückblick Substanzielleres erzählen kann.

Bei den zwei Vorstellungen, die ich besuchte, sprang das Publikum bei den großen Hits immer wieder auf, tanzte im Parkett, klatschte mit und gab sich dem Rosenstolz-Nostalgie-Feeling hin. Ein schwuler Freund sagte mir, bei aller Kritik an Details habe das Stück etwas Wahrhaftiges, das ihn berührt habe. Auch mich hat das Erinnern an die schwule Subkultur damals (deren Teil ich war) und ans Aids-Massensterben fasziniert. Weil es das so im auf „familienfreundliche Unterhaltung“ getrimmten weitgehend heteronormativen Mainstreammusical in Deutschland anderswo nicht gibt. Und verglichen mit dem Lokalpatriotismus, den die andere große deutschsprachige Musicalmetropole Wien derzeit mit dem vollkommen geschichtsvergessenen Stück „Maria Theresia“ offeriert, das an Peinlichkeit kaum zu toppen ist, ist „Wir sind am Leben“ um Lichtjahre besser.

Das Stück soll bis Februar 2027 laufen. Dann muss eh mit dem Senat verhandelt werden, was mit dem Pachtvertrag geschieht und ob’s am TdW überhaupt mit Musicals weitergehen wird oder ob das Haus eine Ausweichspielstätte für ein anderes Theater im Umbau werden könnte. Man darf gespannt sein.

Übrigens: Auch wenn das Cast-Album mit 23 aufwendig produzierten Tracks erst ab dem 10. April im Handel sein wird, können es Theaterbesucher schon jetzt im Souvenirshop im Foyer kaufen. Und allein wegen der unwiderstehlichen Steffi Irmen mit ihren Showstoppern „Salon Rosi“ und „Leb wohl Wittenberg“ (inklusive Showtreppe und Federfächern!) lohnt sich der Besuch. Auch wegen des überwältigenden Jörn-Felix Alt, der in seiner Sterbeszene eine beklemmende und berührende, aber auch empowernde Schauspielleistung liefert. Sicher ein Kandidat für den nächsten Deutschen Musical Theater Preis!

Theater des Westens Kantstr. 12, Charlottenburg, Di–Fr 19.30 Uhr, Sa 15 + 19.30 Uhr, So 15 + 19 Uhr, Tickets 39,99–186,99 €, zum Vorverkauf geht es hier


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