„Wir sind am Leben“: Ein musikalisches Denkmal

„Wir sind am Leben“ erzählt von der Aufbruchsstimmung im Berlin der Nachwendezeit
Seit Jahren boomen auf Bühnen, im Fernsehen und im Kino Stoffe, die im Berlin der Weimarer Republik spielen. Trotz wirtschaftlicher Krisen war es eine Zeit der Befreiung: Die Monarchie hatte abdanken müssen, Kunst und Nachtleben schüttelten die Last von Zensur und polizeilicher Kontrolle ab.
Die Parallelen zu den 1990er-Jahren liegen auf der Hand. Am 4. November 1989, kurz vor dem Mauerfall, sagte der Dramatiker Heiner Müller auf einer Demonstration auf dem Alexanderplatz: „Wenn in der nächsten Woche die Regierung zurücktritt, darf auf Demonstrationen getanzt werden.“ Der einstige Osten der Stadt avancierte in der Folge zu einer kreativen Spielwiese mit zahlreichen illegalen Clubs, Galerien und besetzten Häusern.
Im Frühjahr 1990 kamen Ulf Leo Sommer und Peter Plate nach Berlin und wurden in Friedrichshain heimisch. „Wir waren blutjung“, erinnern sich die heutigen Intendanten des Theater des Westens. In der Oderstraße lebten sie in zwei übereinanderliegenden Einzimmerwohnungen. „Es gab nur Außenklos, und die Möbel kamen von der Straße“, erzählt Plate. Gemeinsam mit AnNa R. gründeten die beiden Rosenstolz, wobei Sommer als Songschreiber und Produzent eher im Hintergrund blieb. Die Booking-Bedingungen passten zur abenteuerlichen Zeit: „Wir hatten kein Telefon und fuhren einmal pro Woche ins SchwuZ, um zu erfahren, ob sich jemand gemeldet hatte, der uns auftreten lassen wollte.“
Ein autofiktionales Berlin-Musical
Improvisationstalent war eine zentrale Kompetenz. Mit ihrem mittlerweile fünften Musical am Haus lassen Plate und Sommer diese Ära nun noch einmal lebendig werden. Während es sich zuvor um Adaptionen klassischer Stoffe wie „Romeo und Julia“ oder zeitgenössischer Vorlagen („Ku’damm 56“, „Ku’damm 59“) handelte, ist „Wir sind am Leben“ ihr erster Originalstoff, dessen Vorbereitungszeit viele Jahre benötigte. Die Handlung beginnt im Frühjahr 1990, als die Friseurin Rosi (die immer hinreißende Steffi Irmen) aus der Lutherstadt Wittenberg nach Berlin reist, um ihre Kinder zu suchen. Tochter Nina (Celina dos Santos) floh kurz vor der Wende nach West-Berlin, Sohn Mario (Markus Spagl) folgte ihr wenig später. Gemeinsam mit dem gleichaltrigen Bruno leben sie in einem besetzten Friedrichshainer Haus, das bis vor Kurzem leer stand.

„Die Handlung ist autofiktional“, stellt Plate klar. „Rein biografische Stoffe sind für die Bühne selten geeignet – wer hat schon ein wirklich aufregendes Leben“, ergänzt Sommer. Idee und Figuren übergaben sie an Lukas Nimscheck und Franziska Kuropka, die Buch und Regie übernahmen. „Das sollte unbedingt in Personalunion passieren, ähnlich wie beim klassischen Autorenfilm“, so Sommer.
Sommer und Plate wollten von Anfang an die männliche Dominanz aufbrechen, die so typisch in den Kreativteams der Musicals ist
Ebenso wichtig war es den beiden, kein reines Feel-Good-Musical zu schaffen, das die 1990er-Jahre nostalgisch verklärt. „Für viele Menschen war es eine schwierige Zeit“, sagt Sommer. „Zahlreiche Ostdeutsche mussten sich beruflich neu orientieren. Zudem sprechen wir über eine Epoche, in der Homosexualität oft noch totgeschwiegen wurde. AIDS war ein massives Stigma.“ Die Figur des Bruno, Dragkünstler und Freund von Nina und Mario, arbeitet ehrenamtlich beim Sorgentelefon „Konsum Hoffnung“. Dort wird er mit den Sorgen von Menschen konfrontiert, die arbeitslos wurden oder mit HIV leben. „Die Arbeit im Tandem ist ohnehin besser“, betont Plate. „Außerdem war es uns wichtig, dass eine Frau Teil des Kreativteams ist. Dieser Bereich ist nach wie vor männlich dominiert. Männer fördern oft Männer – das wollten wir aufbrechen. Die weibliche Perspektive ist uns wichtig.“
Die unterschiedlichen Facetten der Dekade soll das Musical vermitteln: „Die 1990er-Jahre waren trotzdem auch absurd, hemmungslos, zärtlich und verrückt“, sagt Plate. Dieses Auf und Ab der Emotionen vermittelt „Wir sind am Leben“. Der Abend verdeutlicht das Zeitgefühl, das einer Achterbahnfahrt aus Hoffnung und Enttäuschung gleicht. Ihr Gespür für die Illustration von historischen Spezifika bewiesen Sommer und Plate bereits in der Vergangenheit mit ihren Berlin-Musicals.
So verwundert es kaum, dass auch der Titel „Wir sind am Leben“ eine doppelte Bedeutung enthält: Er steht für die Aufbruchsstimmung der frühen 1990er-Jahre und erinnert zugleich an jene, die nicht mehr da sind. „Wir setzen ein musikalisches Denkmal für die Menschen, die Berlin zu dem gemacht haben, was es wurde – dieses coole Berlin, das es so vielleicht nicht mehr gibt“, sagt Plate. „Der Titel bedeutet auch, dass wir diejenigen nicht vergessen, die nicht mehr unter uns sind.“