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„Champignol wider Willen“ an der Schaubühne

Späßchen im Tarnanzug: Herbert Fritsch kalauert sich mit bewährten Knalleffekten durch einen Archivfund: „Champignol wider Willen“ von Georges Feydeau

Foto: Thomas Aurin

Der Lebemann Saint-Florimond, der so parfümiert aussieht wie er heißt, träumt vom Ehebruch mit Angèle, der Gattin des berühmten Malers Champignol! Daraus wird nichts! Madame ist zwar über die Maßen kokett, aber aus Koketterie leistet sie sich den Luxus der Tugend! Da kann Saint-Florimond noch so viele Schmachtblicke, Stoßseufzer und Tänzchen von sich geben! Aber weil das Dienstmädchen und Angèles Verwandtschaft glaubt, er sei Champignol, muss er so tun, als sei er Champignol! Und weil Champignol zu einer Reservistenübung eingezogen wird, muss der nicht auf seine Ehebruchskosten gekommene Lebemann zur Armee! Exerzieren statt Kopulieren! Dann kommt Champignol! Das wird lustig!

So weit einige Bestandteile der Verwechslungskomödie „Champignol wider Willen“, die das Vaudeville-Publikum des späten 19. Jahrhunderts vermutlich sehr komisch fand. Herbert Fritsch inszeniert diesen Archivfund aus den verstaubten Regalfächern der Unterhaltungstheatergeschichte als hochtourigen Comic-Boulevard in der Schaubühne. Das auf seine Weise gnadenlose Werk des Pointen-Maschinen-Großkonstrukteurs Georges Feydeau, sozusagen ein Fall von Lachtheater der Grausamkeit, müsste eigentlich gut zu den Penetranz- und Übertreibungs-Künsten des Slapstick-, Grimassier- und Stolper-Virtuosen Fritsch passen.

Nun ja, vielleicht passt es etwas zu gut. Die mit drei Stunden mindestens anderthalb Stunden zu lange Aufführung arbeitet sich mit dem Pflichtbewusstsein eines Drill-Sergeants durch den Situationskomik-Parcours und gibt dem Entertainment-Affen so viel Zucker, dass das arme Amüsier-Tier und mit ihm die Zuschauer am Ende schwer ermattet das Etablissement verlassen. Im Fußball nennt man das wohl einen Arbeitssieg. Und das ist so etwa das Gegenteil des Zaubers, der charmanten Leichtigkeit, des fröhlichen Irrsinns des Fritsch-Theaters besserer Tage. Die Aufführung wirkt wie das Werk eines mäßig inspirierten, aber dafür sehr fleißigen, auch etwas sadistischen Fritsch-Imitators, ein braver Handwerker, der so tut, als sei er das Anarcho-Genie Fritsch. Was ja zumindest auf der Meta-Ebene dann doch wieder zum Genre der Verwechslungskomödie passt.

Weil die Handlung vom Salon-Vaudeville zur Militärklamotte wechselt, hat Fritsch als sein eigener Bühnenbildner den Salon samt dem unvermeidlichen Fritsch-Sofa (nach der Pause hat dann auch der bewährte Fritsch-Roll-Teppich seinen Auftritt) einfach in Tarnfarben tapeziert. Das setzt sich lustig in den Kostümen fort (wie immer von Victoria Behr), die angeschrägte Salon-Eleganz der Gründerjahre zwanglos mit Camouflage-Fleckmustern verbindet. Nicht ganz so zwangslos ist der leicht manisch und mit hohem Nervfaktor Wiederholungsschleifen, Zirkusmusiktröten und Marschmusikzitate absolvierende Soundtrack von Ingo Günther.

Es ist nicht so, dass alle Darsteller, die formvollendet mit den Augen rollen, über das riesige Sofa hüpfen oder sich den seltsamsten Erotik-Tänzen hingeben, Langweiler wären. Bastian Reiber zum Beispiel macht aus dem leicht vertrottelten, aber schwer von sich begeisterten Lustmolch Saint-Florimond einen Schnauzbartträger der Schmierantenextraklasse, sozusagen die Endstufe des Schnauzbartträgertums. Seit Groucho Marx dürfte niemand so schamlose Blicke mit breitestem Charmeurgrinsen unter munter zuckenden Augenbrauen geworfen haben. Ursina Lardi, die sonst in ihren Rollen an der Schaubühne ja gerne unter dem Elend der Welt leidet, schenkt der Salonschlange Angèle unter abenteuerlich hoch getürmtem Haarteil gutgelaunte Eleganz, gediegenes Zickentum, spöttische Flirts und Komödiantinnenspiellust, dass es eine Freude ist.

Florian Anderer lässt schon mit seinem ersten Auftritt als langhaariges Malergenie Champignol keine unnötige Bescheidenheit aufkommen: Ein Purzelbaum, ausgebreitete Arme, Strahlemannlächeln: „Gott sei Dank! Ich bin da!“ Wie sich höheres Knallchargentum mit Schauspielkunstkönnertum veredeln lässt, führt der Präzisionskomiker Robert Beyer als zappelnder Unteroffizier in einer Louis de Funes-Hommage vor. Da sind die Momente, in denen der Abend kurz abhebt und Spaß macht. Anderes wie die zwangswitzigen Wortspiele („Syphilisten“ für Zivilisten, „Exorzieren“ für Exerzieren, „Mut und Handel“ für Hut und Mantel, und so weiter, und so weiter) wirkt etwas mühsam. Die überdreht leer laufende Grimassen- und Pointenmaschine scheppert und dröhnt mehr als sie perlt. Unter anderem leidet der Abend schmerzlich darunter, dass Fritsch auf wichtige Fritsch-Spieler verzichten muss – weder Ruth Rosenfeld noch Wolfram Koch sind dabei, und dass sie fehlen, spürt man.

Fritschs erste Arbeiten an der Schaubühne, „Zeppelin“ und „Null“, waren traurig und wirkten auf schöne Weise ein wenig verloren. Die Slapsticks hatten in dieser Melancholie eine Poesie. Man glaubte in diesen Arbeiten eine Art Abschiedsscherz nach der Zerstörung der alten Volksbühne zu spüren. Daneben wirkt der Feydeau-Scherzartikel über weite Strecken nur wie etwas seelenlose, professionell abgewickelte Bürgerbespaßung.

Termine: Schaubühne, Karten 7 – 48 €

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