Kultur

[email protected] Festival im Radialsystem

Ich-kann-nicht-singen-Chor„Ich singe, also bin ich“, so kann man das Lebensmotto von [email protected] zusammenfassen. Das Vokalfest tobt schon zum dritten Mal in jährlicher Folge. Mit Hundertschaften von teils passiven, mehrheitlich aktiven Teilnehmern. Es ist das zugehörige Festival zum neuen musikalischen Breitensport. Mit dem man ein soziales Mischphänomen vom Ruch der Fischer-Chöre befreien will. Und kann.
Mit einem viertägigen Konzert- und Workshop-Dauermenü im Radialsystem trägt das eher die Züge eines Raves als einer Chor-Freizeit. Seinen Einzugsbereich weitet man diesmal bis zum Ostbahnhof und bis nach Potsdam aus. Mitsingkonzerte auf dem Bahnhof, Dirigierkurse, Oratorium und Ringelpiez aktivieren die Chormöglichkeiten in aller Buntscheckigkeit, Radikalität und schönen Merkwürdigkeit.

Unter dem Titel „Einsteigen! – Ostbahnhof vokal“ reißen dafür in der Haupthalle des Ostbahnhofs Mitglieder von drei Berliner Chören (Luisen Vocalensemble, Hugo-Distler-Chor und Kammerchor Passion) am Freitag den Mund gleich ganz weit auf. Und das mit Uraufführung! Man hofft, dass der Chor-Virus vom Ostbahnhof aus in alle Welt verschleppt wird. Glückauf! (22.2., 18.30 Uhr).
Schon zur Eröffnung wird das Vocalconsort zum 10-jährigen Bestehen aufs Trapez geschickt. Sein Programm „Über das Ende“ (21.2.) bildet den Auftakt eines dramaturgisch ausgeklügelten Zyklus „über die großen Themen der Menschheit“. Die weiteren Abende „Über die Schuld“, „Über die Vergänglichkeit“, „Über das Begehren“ und „Über die Hoffnung“ werden bis Ende des Jahres im Radialsystem fortgeführt.

Die „Nacht der Chöre“ (Berlin 22.2. und Potsdam 23.2.) ist fast schon ein Klassiker des vom Hauptstadtkulturfonds geförderten Festes. Sechs der bekanntesten Berliner Institutionen – Cantus Domus, Fabulous Fridays, neuer chor berlin, studiosi cantandi, Tonikum und vocal-concertisten Berlin – lassen hier kein Genre aus, um zwischen Klassik, Pop und Jazz alle möglichen Grenzen unter Choristen-Füßen plattzumachen. Stile zu vermanschen und zu verquirlen, dies schöne Ziel hat sich die Formation Slixs (23.2.) gesetzt. Als „einzigartiges Stilgeflecht“ aus Jazz, Pop, Funk, Klassik und Weltmusik angekündigt, scheint hier nur noch ein neuer Name gefunden werden zu müssen – und wir hätten ein Trend-Phänomen! Wie wär’s mit „global junk“?! Das gemischte A-cappella-Sextett Slixs aus Berlin, Leipzig, Dresden und Halle bezieht sogar zentralasiatische Kehlgesänge und Balkanfolklore mit ein. Nach Erfolgen in Russland, Malaysia, China und Singapur hat man sich erst jüngst umbenannt. Bis kürzlich hieß man Stouxingers, bezeichnet sich aber immer noch freiweg als „Vocal Bastard“.

Einsamer Höhepunkt des Festivals ist mit Sicherheit der Ich-kann-nicht-singen-Chor für sonntägliche Frühaufsteher (24.2., 11 Uhr). Michael Betzner-Brandt animiert dabei alle, die schon immer mal singen wollten, aber entweder keine Badewanne besitzen oder sich aus anderen Gründen nicht trauen, aus ihrem Herzen keine Gesangs-Mördergrube zu machen – und endlich zu SINGEN! „Jeder, der sprechen kann, kann auch singen“, lautet die ermunternde Spezial-Devise. Betzner-Brandt bekleidet als Kreativ-Chorist sonst eine entsprechende Funktion an der UdK. Und hat mit erquickenden Formaten wie dem High Fossility-RockPopChor 60+ schon mehrfach Hoffnung unter den Mühsamen und Beladenen geweckt. Anmeldung nicht erforderlich.

Ein Intensivkurs Chordirigieren (Kai-Uwe Jirka) zieht sich über die gesamte Länge des Festivals. Mit einem Schülerprojekt des RIAS Kammerchors ist auch der (neben dem Rundfunkchor) zweite Rolls-Royce der Berliner Chöre mit dabei. Den aufreibenden Chor-Rave beschließt ein Mitsingkonzert mit Mendelssohns „Elias“. Und eine Uraufführung von Isabel Mundry. All das verspricht eine epidemische Veranstaltung mit erwartbar hohem Infektionsrisiko. Wo Singen als Volkssport neue Bedeutung erlangt, sind Mitmachformate aller Couleur unausbleiblich. Und goldrichtig. Love it or leave it!     

Text: Kai Luehrs-Kaiser
Foto: Marco Schoenbeck/Cantus-Domus Presse

[email protected]
Do 21.–So 24.2.,
im Radialsystem V u.a., www.radialsystem.de
Karten-Tel. 28 87 88 588

Verlosung:

5 x 2 Freikarten für den 21.2.
Mail bis 20.2. an [email protected],
Kennwort: Chor

Mehr:

Eröffnungskonzert von [email protected] mit dem Vocalconsort

Interview mit Rundfunkchor-Leiter Simon Halsey über das Singen im Chor

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