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Cinecitta aperta im Prater

Cinecitta„Ich spiele aber keine Trümmerfrau“, stellt Catrin Striebeck im Verlauf dieses herrlichen Pollesch-Abends wiederholt klar. Ihre Sorge ist vollkommen berechtigt. Schließlich braucht der Großkünstler Rainer Maria Ferrari Unmengen historischen Kopftuchpersonals, wenn er ein Remake von Roberto Rossellinis Neorealismus-Hit „Deutschland im Jahre Null“ dreht.
Renй Polleschs jüngste Arbeit – als zweiter Teil seiner „Ruhrtrilogie“ im Sommer in Mülheim uraufgeführt – ist jetzt im Berliner Prater angekommen. Das Hineinborgen in Film- und andere Popanz-Identitäten, mit dem Pollesch-Inszenierungen seit jeher spielen, wird diesmal explizit zur Setting-Idee: Wir sehen eine industriebrachiale Behauptung von Cinecittа bei Rom über eine Leinwand flimmern, wo entsprechend viel Rossellini gesampelt, Visconti gefaked, Fellini raubkopiert und der Trevi-Brunnen aus „La dolce vita“ herbeigeschrieen wird. Live kommentieren die Schauspieler/­innen – neben Striebeck Inga Busch, Christine Groß, Trystan Pütter und Martin Laberenz – während der Drehpausen auf der Bühne ihr eigenes cineastisches Schaffen, wobei sie wie jeder moderne Talkshow- und Kantinenschauspieler unvermeidlicherweise auch auf die Wirtschaftskrise zu sprechen kommen. Eines muss man dem Anita-Ekberg-Klon Striebeck dabei allerdings lassen: So tiefenscharf wie sie („Ich merke jeden Nachmittag, wie ich krisenreif werde, und abends ist es dann soweit“) hat dem corpus delicti noch niemand ins Auge geblickt.
Tatsächlich erweist sich die Wirtschaftskrise als echter Dis­kursbeschleuniger des Pollesch-Theaters – wobei die Schritte von Marx zu Marcel oder Matthias gewohnt (und angemessen) kurz sind: „Was macht – und wie macht sich – die Literaturinstanz Marcel Reich-Ranicki eigentlich im Körper des Schauspielers Matthias Schweighöfer?“ lautet eine leitmotivische Quizfrage des Abends. Foucault hilft da nur bedingt weiter. Wohl aber eine warmherzige Reverenz an Humphrey Bogart: „Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang“.

Text: Christine Wahl

Foto: Thomas Aurin

tip-Bewertung: Sehenswert

Termine: Cinecittа aperta
im Prater,

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