Sound der Favela: Berlin entdeckt den Baile Funk

Grave Br bringen Baile Funk aus Brasilien nach Berlin
Motorradfahrer lassen ihre Maschinen röhren, stakkatoartiges Hupen genervter Autofahrer, Jugendliche schreien in Wortfetzen über die Menschenmengen hinweg. So, wie die Verkehrswege Rio de Janeiros zur Rushhour klingen, lässt sich auch das Genre Baile Funk beschreiben. „Baile“ bedeutet im Portugiesischen „Tanzen“ oder „Party“.
Um die traditionellen Rhythmen, tiefen Electro-Bässe und abgehackten Gesangspartikel der MCs zu hören, muss man nicht mal am Zuckerhut stehen – Berlin reicht völlig. Das Genre liegt in der hiesigen wie auch internationalen Clubszene im Trend. Das DJ-Streamingformat „Boiler Room“ lässt immer häufiger DJs Baile Funk auflegen, Künstlerinnen wie Anitta erreichen hunderte Millionen weltweit. In Berlin zählt das Badehaus auf dem RAW-Gelände zu den Häusern, die regelmäßig brasilianische Nächte veranstalten, genauso wie das „Lark“ am Holzmarkt oder das Maaya. An einem Kollektiv kommt man dabei nicht vorbei: Grave Br, bestehend aus den DJs Julia Nely Manteuffel und Eva Cesar da Silva sowie der Videokünstlerin Laís Yukie de Souza Takano. „Grave“ ist portugiesisch und lässt sich mit „tief“ oder „schwer“ übersetzen und meint den Bass, „Br“ ist die Abkürzung für „brasilianisch“. Seit einem knappen Jahr veranstaltet Grave Br Partys, unter anderem im Badehaus. Weit weg fühlen sich dort die Favelas an, die Armenviertel in den brasilianischen Metropolen, wo die Musik ihre Wurzeln hat. Was bleibt übrig von dem Exportschlager Baile Funk mitten in Europa?
Baile Funk entstand Ende der 1980er-Jahre in Brasilien – von Bewohner:innen der Armensiedlungen, die auf der Straße von ihrem Leben als junge, Schwarze und marginalisierte Menschen sangen. Auf die „Baile de Corredor“, Partys, bei denen rivalisierende Gruppen sich im Club gegenüberstehen und kämpferisch um die Wette tanzen, wurden schnell Polizei und Presse aufmerksam. Mitte der 1990er-Jahre sorgte eine Welle an Gewalt und Raubüberfällen dafür, dass der Staat sowohl die Favela-Bewohner:innen als auch die Funk-Kultur verstärkt kriminalisierte. Einen traurigen Tiefpunkt bildete der „Baile da DZ7“ in São Paulo im Jahr 2019, als Polizisten eine Partygruppe in eine
Gasse drängten und im Chaos von Tränengas und Gummigeschossen neun Menschen zu Tode getrampelt wurden.

Wer heute einen Baile organisiert, muss immer noch damit rechnen, dass die Polizei die Party rigoros auflöst, während Menschen in anderen Teilen der Welt Geld mit der Musik verdienen – ein Spannungsverhältnis, das laut da Silva, de Souza Takano und Manteuffel in die DNA dieser Kultur eingeschrieben ist. „Baile Funk fand niemals außerhalb des Marktes statt“, sagt de Souza Takano, die in São Paulo geboren und aufgewachsen ist und für ein Studium mit 19 Jahren nach Deutschland kam. Schon immer habe es in Rio größere, kommerzielle Bailes gegeben. „Neu ist aber das Ausmaß und die Ungleichheit.“ Die 23-Jährige erzählt vom Fall um MC Tati Quebra Barraco, eine Rapperin aus der Favela „Cidade de Deus“ in Rio, die kürzlich eine größere Diskussion um Macht in der Musikindustrie lostrat. Barraco feierte mit Anfang 20 bereits kommerzielle Erfolge, etwa im Jahr 2004 mit dem Song „Boladona“. Weil sie damals keinen Anwalt hatte und Knebelverträge unterzeichnen musste, verdient sie heute an manchen ihrer Hits kaum Geld. „Wenn die Favelas vom globalen Erfolg nicht profitieren, dann wird dieselbe ausbeuterische Logik reproduziert, die es schon seit Jahrzehnten gibt: Die Favela erschafft, der Markt reinigt das Produkt, und andere verdienen daran.“
Die Künstlerinnen von Grave Br symbolisieren diesen Spagat zwischen Sub- und Massenkultur, zwischen den ungefilterten, vulgären Texten der Favela-MCs und einer glattpolierten Funkimitation wie „Bonde de Brunao“ von Pop-Superstar Bruno Mars. Da Silva, Tochter eines Brasilianers und einer Deutschen, wuchs sowohl in São Paulo als auch in Deutschland auf. Julia Nely Manteuffel kommt aus dem Bundesstaat Santa Catarina; nach einem Studium in Portugal zog sie 2023 nach Berlin.
Viele Songs des Baile Funk kreisen um Drogenhandel, Gewalt und Sex
Besonders der „Funk Proibidão“, ein Subgenre, in dem MCs vor allem über Drogenhandel, Gewalt und Sex rappen, mag für manche Europäer:innen sehr obszön und flach klingen. Doch nicht jeder MC, der von Gewalt singt, hat auch eigene kriminelle Erfahrungen gemacht. Der Stil gilt als Waffe, mit der die Künstler:innen, die selbst Opfer von Polizeigewalt wurden, zurückschlagen. „Gewaltsame Sprache im Funk Proibidão sollte man nicht nur oberflächlich beurteilen“, sagt da Silva. Für sie sind die Songs nicht nur lockere Partynummern, sondern Ausdruck politischer Ungerechtigkeit.
Am 3. April veranstaltet Grave Br im Badehaus die nächste Party. Dass Berlin mittlerweile Spuren in ihrem Sound hinterlassen hat, hörte man zuletzt bei da Silvas und Manteuffels DJ-Set in dem belgischen Streaming-Format „Kiosk Radio“. Dort ließen die beiden Samples von Loveparade-Klassikern wie „Till I Come“ von ATB auf stampfende Funk-Rhythmen knallen. In den letzten Jahren hat die Funk-Szene nicht nur in Berlin mehr Aufmerksamkeit erhalten. Die Künstlerinnen berichten, dass auch die brasilianische Regierung unter Präsident Lula da Silva die Musik neu wertschätzt. Nach jahrzehntelanger Kriminalisierung nun also etwas Hoffnung.