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DJ Mell G: „Ein gutes B2B-Set ist wie guter Sex“

Sie gilt als „Rising Star“ in der Electro-Szene. DJ Mell G spricht mit uns über Sets mit Miss Kittin, eine Borderline-Diagnose, und warum sie nach Frankfurt gezogen ist
Text: Maximilian Hossner
Veröffentlicht am: 25.03.2026
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Melina Gausmann alias DJ Mell G. Im März spielte sie ein Set im Tresor, der übrigens dieses Jahr seinen 35. Geburtstag feiert. © Lars Zimmermann
Hallo Mell, wo bist du gerade?

Ich bin bei meiner Familie in der Nähe von Oldenburg. Heute Abend fahre ich nach Frankfurt. Morgen geht’s dann auf Tour.

Was machst du in Frankfurt?

Ich bin kürzlich dort hingezogen. Ich brauchte einfach einen Neustart. Die wenigsten wissen, dass Frankfurt früher die Techno-Hauptstadt in Deutschland war. Deswegen dachte ich, ich gehe jetzt mal richtig Back to the Roots.

Hat die Frankfurter Technoszene etwas, das Berlin dir nicht bieten kann? 


Berlin ist mir zu viel. Zu Fake, zu touristisch. Die Clubszene ist wie ein Test, ob man überleben kann. Ob man gut genug ist. Gerade hat in Frankfurt ein neuer Club eröffnet, Plattenläden machen auf – ich habe so ein Bauchgefühl, dass Frankfurt bald der neue Ort wird. Den möchte ich mit aufbauen.

In einem Interview hast du mal gesagt, dass du dich beim Auflegen in Berlin super unsicher fühlst – weil es Berlin ist. Wie blickst du heute auf den Satz?

Ich fand die Frage total cool, denn ich habe die Angst vor Berlin verloren. Zu der Zeit, wo ich auch meine Borderline-Diagnose bekommen hatte, hatte ich Probleme mit Alkohol- und Drogenkonsum, weil ich dadurch meine Angst kontrollieren konnte. Ich hatte keine Angst vor der Show, sondern eher Angst vor Konsum. Mittlerweile schlafe ich sechs Stunden vor meinem Gig und verabrede mich nicht mehr, um vorzutrinken.

Wie hat die Diagnose deinen Schaffensprozess beeinflusst?

Lange war Musik eher so ein Ventil: Ich bin jetzt wütend, zack, hier ist das Endprodukt meiner Wut. Aber jetzt ist Musik eher wie ein Kanal, in dem man einfach mitschwimmt, der mich begleitet, wenn ich mich heute etwa ganz anders als morgen fühle.

Wie groß ist der Aufholbedarf beim Thema Mental Health in der Clubszene?

Es wird noch zu wenig getan.
Auf der Konferenz im MOMEM (Museum of Modern Electronic Music in Frankfurt) haben wir viel über mentale Gesundheit gesprochen, aber das Angebot wird noch nicht so angenommen. Viele denken: „Wenn ich da gesehen werde, dann bin ich schwach“. Die Angst, der Musikindustrie nicht gewachsen zu sein, ist noch größer als die Hilfsangebote dazu.

Lass uns über deinen Sound sprechen: Wie bist du zu Electro gekommen?

Ich habe mit Trap angefangen, wollte aber mehr düstere, tanzbare Musik. Bei Ghetto House habe ich gemerkt, dass meistens Männer sagen, was Frauen zu tun haben. Ich wollte diese Musik produzieren, aber das Ganze etwas umdrehen. Irgendwann hat mich der Sound gelangweilt, und so kam ich zu Electro.

Auf der EP „Juicy Class“ hast du dir mit DJ Fuckoff diese eher männliche sexuelle Perspektive des Ghetto House angeeignet. Kann man das mit Künstlerinnen wie Ikkimel, 6euroneunzig und der „Reclaim“-Bewegung im Rap vergleichen?

Auf jeden Fall. Sexualität wird einfach bestimmter genutzt. Es geht nicht um Provokation, sondern darum, dass wir die Kontrolle wieder zurückgewinnen. Aber ich habe auch gemerkt, dass es viel Kraft erfordert, sich da immer hinzustellen und zu präsentieren.

Letztes Jahr hast du mit großen Namen wie DJ Stingray, Helena Hauff oder Miss Kittin zusammen aufgelegt. War das einschüchternd für dich?

Helena Hauff und Miss Kittin sind für mich krasse Vorbilder, haben mir aber viel Ruhe gegeben. Und sie vertrauen mir: Beim „Dekmantel Festival“ in Amsterdam haben Miss Kittin und ich nicht mal den ersten Track vorbereitet, sondern uns nur davor auf Instagram was hin und her geschickt.

Hast du schon mal ein B2B-Set, also ein gemeinsames Set, gespielt und es hat zwischenmenschlich nicht gepasst?

Es passiert schon. Manchmal ist es wie ein Gegeneinander: Eine Person gibt vor, wo es hingeht und die andere Person rennt hinterher. Ein gutes B2B ist wie guter Sex. Manchmal klappt es halt nicht, selbst mit Helena Hauff passt mal ein Track irgendwie nicht rein, aber wir wissen beide genau, was wir zu tun haben, um das zu umgehen.

Du hattest letztes Jahr einen Auftritt in Kyiv beim „Brave Festival“. Wie ist es, in einer Stadt im Kriegszustand zu spielen?

Ich habe dort einige Monate vor dem russischen Angriff gewohnt, hatte aber lange Angst, dorthin zu fahren. Dann war ich letztes Jahr da und das war einer der geilsten Gigs. Die Energie ist so krass, überall sieht man Ukraine-Flaggen, und so ein Gefühl des Miteinanders auf dem Dancefloor habe ich lange nicht erlebt. Ich habe aber total vergessen, dass es ein Kriegsgebiet ist. Es gab nur einmal Sirenen, aber keinen Angriff. Wichtig ist, dass internationale Künstlerinnen weiterhin nach Kyiv fahren, um die Szene zu unterstützen. Die Stadt hat uns viel gegeben und wird das auch in Zukunft tun.


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