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Einmal Sisyphos mit Papa

Bei der neuen Partyreihe „generationS“ im Sisyphos sind alle eingeladen: Club-Neulinge, alte Rave-Hasen und Stammgäste, die schon immer mal ihren Eltern zeigen wollten, wo sie ihre Wochenenden verbringen. Wir waren zu Besuch
Text: Marit Blossey
Veröffentlicht am: 16.07.2026
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Das Sisyphos zählt zu den beliebtesten Clubs der Stadt, berühmt für seinen fünf Floors, den Außenbereich mit Sandstrand und Partys, die sich über das ganze Wochenende erstrecken. © Sisyphos

Es riecht nach Weed. Eine Katze streift durch den Garten, bleibt kurz stehen, streckt sich und verschwindet wieder zwischen den Tischen. Eine ältere Dame mit weißen Haaren, Perlenohrringen und Bluse, vielleicht um die 70, betrachtet skeptisch einen der aus Steinen und Stahlrohren zusammengebastelten Stühle und entscheidet sich dann doch für eine andere Sitzgelegenheit. Aus den Lautsprechern dringt „Dancing on My Own“ von Robyn. Ein paar Menschen tanzen bereits, hier im Sisyphos, obwohl es noch recht früh am Donnerstagabend ist. 

Heute findet hier die erste Ausgabe der „generationS“ statt – eine neue Partyreihe, bei der das Sisyphos einmal im Monat seine Türen für all jene öffnet, die sich sonst vielleicht nicht mehr in einen Club verirren würden. Für Menschen, die bislang höchstens neugierig an dem Gelände an der Hauptstraße in Rummelsburg vorbeigelaufen sind und dabei die Enten auf dem schmiedeeisernen Eingangstor bestaunt haben – das Markenzeichen des beliebten Clubs. Eingefleischte Sisyphos-Stammgäste nennen sich selbst „Enten“ oder „Duckies“, doch heute sind explizit nicht nur die Enten eingeladen, sondern auch die alten Hasen. Eltern, Onkel und Tanten, gern auch Großeltern. Menschen, die das Nachtleben längst hinter sich gelassen haben oder es überhaupt erst für sich entdecken möchten. 

Sisyphos-Dancefloor ohne Altersgrenze nach oben

So wie Martin*, 62 Jahre alt, der heute mit seiner Tochter hier ist. Martin kam Ende der Achtziger nach Berlin, kurz vor dem Mauerfall. Die wilden Neunziger habe er nur am Rande mitgenommen, statt auf Raves ging er damals lieber mit Kumpels in die Kneipe, arbeitete viel. Heute Abend ist also sein erster Besuch im Sisyphos, sein erster Besuch überhaupt in einem Berliner Techno-Club. Er scheint ein wenig unsicher, was ihn erwartet. Er trägt ein blaues Poloshirt und weiße Jeans, ist direkt aus dem Büro hierher gefahren. Dass er heute Abend noch ins Sisyphos gehe, habe er seinen Kollegen erzählt, sagt er, und klingt dabei halb stolz, halb belustigt.

Dass er jetzt hier im Sisy-Sand steht, verdankt er seiner Tochter Anna*, 29. Sie holt gerade zwei Bier von der Bar. Auch sie braucht einen Moment, um sich auf das Experiment einzulassen: „Meine Eltern sind oft bei meinen Geburtstagspartys dabei, aber mit meinem Vater in den Club zu gehen, das ist nochmal eine andere Nummer“, sagt sie und lacht. Als sie von der Party hörte, habe sie gedacht, warum nicht? Das wäre mal eine Vater-Tochter-Aktivität der anderen Art. 

„Bei uns kam immer wieder der Wunsch auf, die Eltern mal mit zur Arbeit zu bringen.“

Gloria, Pressesprecherin des Sisyphos

Die Idee für die Partyreihe entstand aus dem eigenen Team, erzählt Gloria, Pressesprecherin des Sisyphos: „Bei uns kam immer wieder der Wunsch auf, die Eltern mal mit zur Arbeit zu bringen.“ Gloria arbeitet seit vier Jahren hier, zuvor war sie selbst Stammgast. Mehr als 200 Menschen gehören inzwischen zur Belegschaft des Sisyphos. An diesem Abend sieht man einige von ihnen durch den Außenbereich wandern – mit Mutter oder Vater im Schlepptau. Ein junger Mann zeigt seinen Eltern die verwinkelten Ecken des Geländes, als würde er ihnen sein Wohnzimmer präsentieren.

Vor dem kleinen Café, in dem es rund um die Uhr warme Getränke und Snacks zu kaufen gibt, sitzen sechs Menschen zusammen. Die Hälfte von ihnen etwa um die dreißig, die anderen drei könnten ihre Eltern sein. Die Gespräche kreisen nicht um DJs oder Afterhours, sondern um Urlaub, Arbeit und die Frage, ob es später noch regnen wird. Als ein Windstoß durch den Garten zieht, ziehen die Jüngeren sofort ihre Adidas-Trainingsjacken wieder an. „Weicheier“, kommentiert Martin und grinst. Dass hier niemand so geschniegelt auftreten müsse, gefällt ihm allerdings besonders. „Nicht so top gestylt“, sagt er ein bisschen erleichtert.

„generationS“ mit Musik, bei der sich die ältere Generation willkommen fühlen soll

Wir setzen uns mit unseren Getränken auf eine Bank. Kurz darauf kommt ein Mann auf uns zu. „Habt ihr Spaß?“, fragt er grinsend. Es ist Jan, der die „generationS“ kuratiert. Gerade habe er mit einem älteren Ehepaar gesprochen: „Die haben ihren Sohn mitgebracht – nicht andersherum!“

Alle sollen sich willkommen fühlen, erzählt Jan, und die Musik soll ihren Teil dazu beitragen. Zwischen Regentropfen tanzen Menschen unterschiedlichen Alters gemeinsam zu „Rhythm is a Dancer“. Statt kompromisslosem Techno laufen The Cure, R.E.M. oder Snap. „Ich kannte bisher jeden Titel“, sagt Martin zufrieden. „Genau das ist das Ziel“, freut sich Jan. „Wir wollen Songs spielen, die unsere Gäste kennen – vielleicht in einer Version oder einem Remix, den sie noch nicht gehört haben.“ Dann springt er auf: „Habt ihr Lust auf eine Führung?“

Ein paar weitere Eltern-Kind-Paare schließen sich der Tour durch die Clubräume an. Wer schon mal an einem normalen Partywochenende hier war, hat sie wahrscheinlich noch nie so leer gesehen. Die Führung selbst übernimmt Julius, einer der vier Gründer und Betreiber des Sisyphos. Julius trägt Jeans-Overall und Strohhut, er sieht aus wie ein sehr durchtrainierter Huckleberry Finn. Durchfeiern scheint fit zu halten. Die längste Party im Sisyphos dauerte rund 145 Stunden, erzählt er, während er die Tür zur Hammahalle aufstößt, das tief im Bauch der ehemaligen Hundekeksfabrik versteckte Herzstück des Clubs. In diesem Jahr feiert das Sisyphos seinen 18. Geburtstag, traditionell als „Nicht-Geburtstag“ am ersten Oktober-Wochenende. Je nachdem, auf welchen Wochentag der Feiertag zum Tag der deutschen Einheit fällt, dehnt sich das schon mal auf vier, fünf oder auch (wie im Fall des 145-Stunden-Rekords) auf sechs Tage aus.

Hier muss niemand irgendwem was beweisen

Wieder draußen im Außenbereich hat sich auf der Tanzfläche eine Menschentraube gebildet. Eine große Live-Band in knallbunten Outfits spielt, das Publikum tanzt zu Pauken und Trompeten. Dass es immer noch regnet, trübt die Stimmung kein Stück. Auch Martin ist begeistert und tanzt jetzt richtig ausgelassen. Seine Smart Watch blinkt: „Achtung! Laute Umgebung.“

Während die Band zur Höchstform aufläuft, ist Martin vor allem von einer Sache begeistert: Niemand hält ein Handy in der Hand. Schon am Eingang hat er fasziniert beobachtet, wie alle Kameras vor dem Eintritt in den Club abgeklebt werden, und sein eigenes Smartphone sogar bereitwillig an der Garderobe abgegeben. „Ich hätte das nicht gedacht, dass hier wirklich alle so im Moment sind“, freut er sich. Am Vorabend war er beim Konzert der Foo Fighters im Olympiastadion, da habe er sich noch über die vielen Handybildschirme geärgert.

„Ich hätte das nicht gedacht, dass hier wirklich alle so im Moment sind.“

Martin*, 62, zum ersten Mal im Sisyphos

Für seine Tochter Anna ist der Abend mindestens genauso überraschend. „Ich finde es richtig schön“, sagt sie, als die Band aufgehört hat zu spielen und viele Besucher Richtung Bar strömen. „Bei den Partys, auf die ich sonst gehe, sind fast nur Leute in meinem Alter, es geht so sehr um dieses Sehen und Gesehenwerden, alle wollen cool sein. Ich hasse das manchmal, weil ich dann gar nicht so frei tanzen kann.“ Und: „Für Papa und mich ist das gerade auch voll der Bonding-Moment.“

Wir drehen uns um. Martin kommt mit den Händen voll Shotgläsern von der Bar zurück auf uns zu gelaufen. Sie sind bis zum Rand gefüllt mit Berliner Luft. 

* Namen wurden von der Redaktion geändert.

generationS Jeweils am ersten Donnerstag im Monat ab 18 Uhr: 6.8. und 3.9. (mit DJs, Live-Musik und Kultur-Specials abseits des jungen Wochenendes)

Das große Finale Am Samstag, 10.10. – direkt nach dem großen Jubiläumswochenende


Mehr Berliner Nachtleben

In unserer Serie „In 7 Fragen durch die Nacht“ treffen wir auf Menschen, die Berlins Clubszene prägen. Diesmal mit Alexandra Bahr, die im KitKatClub arbeitet und darüber ein Buch geschrieben hat. In der ersten Folge von „In 7 Fragen durch die Nacht“ hat DJ und Antidiskriminierungstrainer:in Sherryaei unsere Fragen beantwortet. Feiern gehen? Wir zeigen euch die besten Techno-Clubs der Stadt. Diese Orte waren prägend: Clubs im Berlin der 1990er-Jahre zeigen wir euch hier. Das waren gute Neuigkeiten:Der Berliner Techno wird zum Unesco-Weltkulturerbe. Auf der Suche nach neuen Outfits? Diese Rave-Wear-Läden in Berlin statten euch mit Mode für Clubnächte aus. Benehmt euch: Diese Fehler solltet ihr im Berghain besser nicht machen. Ausgehen: Hier ist das Club-Programm mit Partys in Berlin.

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