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„In Lateinamerika steht Berlin für Freiheit“

Queerfeindlichkeit, steigende Kosten, verändertes Ausgehverhalten: Die Clubszene steht vor Herausforderungen. Vier Clubbetreiber:innen aus Berlin, London, New York und Bogotá diskutieren über die Zukunft des Nachtlebens
Text: Maximilian Hossner
Veröffentlicht am: 17.07.2026
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V.l.n.r.: Alejandra Gómez (Monte Olimpa, Bogotá), Stacy Lentz (Stonewall Inn, New York), Jorge Nieto (fabric, London) und Diana Alagić (Tresor, Berlin) gehören zum Advisory Board der Jägermeister-Initiative „Save The Night“, die sich für den Erhalt des Nachtlebens einsetzt © Hans-Dietrich Beyer
Diana Alagić, Stacy Lentz, Jorge Nieto and Alejandra Gómez, wann wart ihr das letzte Mal feiern, und wo war das?

Stacy Lentz Also, wir sind neulich alle in den Tresor gegangen. Das war wirklich aufregend.

Jorge Nieto Privat war ich letztes Wochenende in der Portland Street in London im Club eines Freundes, um mir die Auftritte meiner Kumpels anzusehen.

Diana Alagić Ich war vor drei Wochen in Detroit, in der Tangent Gallery.

Alejandra Gómez Und ich war auch am Samstag im Tresor, bei der Nyege-Nyege-Residency an diesem Wochenende. Das war wirklich schön.

Der Tresor feiert 35-jähriges Jubiläum – und gehört zu den wenigen Clubs aus den 1990er-Jahren, die überlebt haben. Wie blickt ihr auf Berlins Clubszene heute – was macht Berlin immer noch besonders, wo hat die Stadt vielleicht an Vorsprung verloren?

Lentz Ich bin seit mehr als 15 Jahren immer wieder in Berlin. Für mich hat es sich verändert, was Musik und Demografie angeht. Ich denke, es wird jetzt mehr auf Sicherheit und Inklusion geachtet.

Nieto Ich weiß nicht, ob es an Reiz verloren hat. Für mich fühlt sich Berlin immer noch relevant und aktuell an. Es wirkt so, als gäbe es in den Clubs hier weniger Einschränkungen als anderswo – in Bezug auf Öffnungszeiten und darauf, wie man sich in einem Club verhalten kann. Ich denke, London ist da viel restriktiver.

Alagić Ich finde immer noch, dass es komplett einzigartig ist, wenn man sich anschaut, was wir hier haben. Man kann jederzeit rausgehen – tagsüber, nachts, egal welcher Tag. Aber auf der anderen Seite besorgt es mich auch, dass legendäre Clubs schließen.

Gómez Ich glaube, in Lateinamerika – nicht nur in der elektronischen Szene, sondern in der Musikszene insgesamt – steht Berlin für Freiheit. Nicht nur nachts, man sieht es auch tagsüber, und es ist sehr divers.

„Echte Erfahr­ungen machen zu können, wird mit KI zu einer Art Produkt werden“, sagt Jorge Nieto über die internationale Clubszene.  © Hans-Dietrich-Beyer
Fast überall kämpfen Clubs mit steigenden Kosten, müssen diese oft auf ihre Gäste umlegen. Welche Strategien dagegen verfolgt ihr in euren jeweiligen Clubs?

Lentz Es ist wirklich hart als Betreiberin. In New York zahlen wir zum Beispiel 55.000 Dollar Miete im Monat. Und wir verlangen keinen Eintritt, weil wir finden, dass so ein ikonischer Kulturraum wichtig für unsere Community ist. Man muss also auch darüber nachdenken, wie man den Raum nutzt – nicht nur nachts, sondern auch tagsüber. Also wird der Club eher zu einem Community Center, zum Beispiel mit Yoga am Tag.

Nieto Die Regierung muss solche Orte anders betrachten und eingreifen, um Geschäftskosten zu senken. Orte, die zeigen, dass sie eine Community haben, sollten Unterstützung bekommen und nicht mit steigenden Mieten konkurrieren müssen. Es sollte Maßnahmen geben wie reduzierte Abgaben oder Mietkontrolle. Aber dafür müssen sich diese Orte organisieren und politischen Druck aufbauen. Sie müssen Daten liefern – wie viele Gruppen kommen, wie viele Künstler auftreten – und zeigen, wie wichtig sie sind.

Gómez In Kolumbien können wir tatsächlich Förderungen und Vorteile bekommen. Es gibt politische Wege, Unterstützung zu bekommen. Es geht darum, einen Zweck zu haben, der zur Community passt, und gute Partner zu finden, die das finanzieren.

Als ich das erste Mal in der fabric war, musste ich meine Schuhe ausziehen, weil dort sehr konsequent auf Drogen getestet wurde. Vor zehn Jahren starben dort zwei Teenager an einer Überdosis MDMA. Wie kann das Dilemma gelöst werden, den Drogenkonsum strafrechtlich zu verfolgen, ohne gleichzeitig lebenswichtige Gesundheitsinformationen und Schutzmaßnahmen für Jugendliche zu unterbinden?

Nieto Es sind zwei Menschen innerhalb von zwei Wochen in diesem Club gestorben, und daraufhin wurde die fabric geschlossen. Die Betreiber mussten vor Gericht gehen, um die Lizenz zurückzubekommen. Sie haben die Lizenz auch zurückbekommen, aber die Auflagen, die ihnen danach auferlegt wurden, waren sehr streng.

Was habt ihr seitdem dagegen getan?

Nieto Wir haben ein Welfare-Team, das ständig im Club unterwegs ist, medizinisches Personal und stellen Informationen vor Ort bereit. Wir arbeiten mit den Behörden zusammen und versuchen zu erklären, dass es keine echte Prävention gibt, wenn man solche Maßnahmen nicht sinnvoll gestaltet. Zum Beispiel versuchen einige Organisationen in UK, Drug-Testing im Club anzubieten. Aber in London konnten wir das bisher nicht umsetzen, weil die Behörden der Meinung sind, dass man mit Teststationen signalisiert, dass Drogenkonsum in Ordnung ist.

Stacy Lentz ist Miteigentümerin des Stonewall Inn, Geburtsstätte der Schwulenrechtsbewegungen nach den Stonewall-Unruhen im Jahr 1969.  © Hans-Dietrich Beyer

Stacy Lentz über die Clubszene: „Meine Generation ist feiern gegangen, um zu vergessen. Diese Generation will
Erinnerungen schaffen“

Und wie geht man in Kolumbien gerade mit diesem Thema um?

Gómez In Medellín und Bogotá entstehen immer mehr Kollektive, die über Drogenkonsum aufklären. Gleichzeitig gibt es kulturell immer noch ein großes Stigma gegenüber Drogenkonsum in Kolumbien. Was wir versuchen zu tun, ist, Workshops zu mentaler Gesundheit, Prävention und Aufklärung anzubieten.

Gerade queere Räume sind nochmal stärker von Drogenmissbrauch betroffen. Wie reagiert ihr im Stonewall Inn darauf, Stacy Lentz?

Lentz Wir haben eine Initiative namens „Stonewall Rallies for Recovery“, in der wir über sicheren Konsum und mentale Gesundheit sprechen und verschiedene Ressourcen rund um Genesung und Abhängigkeit bereitstellen. Im Alltag im Club selbst haben wir zum Beispiel Narcan (Ein Wirkstoff gegen Opioid-Überdosierung, der per Nasenspray verabreicht wird, Anm.d.Red.) vor Ort. Wir versuchen sicherzustellen, dass sich alle im Raum sicher fühlen und wissen, wie sie Sicherheitspersonal erreichen oder Zugang zu Narcan bekommen, falls nötig.

„In Lateinamerika steht Berlin für Freiheit“ sagt Alejandra Gómez, die in Bogotá, Kolumbien, das Clubkollektiv „Monte Olimpa“ betreibt.
Techno- und House-Clubs haben sich in New York, Chicago und Detroit als Safe Space für marginalisierte Menschen entwickelt. Heute ist die Gefahr an queerfeindlichen Übergriffen wieder omnipräsent. Wie viel von der Utopie von damals ist heute noch übrig?

Lentz Für LGBTQ-Communities weltweit waren Dancefloors oft der einzige Ort, an dem wir uns überhaupt finden konnten. Auch wenn man es aus der elektronischen Musik herausnimmt und allgemeiner über Nachtleben spricht: Unsere Bewegung hat in einer Bar begonnen. Die LGBTQ-Rechtsbewegung begann buchstäblich im Stonewall Inn. Kulturell ist Nachtleben deshalb so bedeutend für unsere Community.

Gómez: Ich habe diese Utopie, von der du sprichst – also diese Vorstellung von Nachtleben oder elektronischer Szene als Safe Space – nie wirklich so gesehen. In Kolumbien und in den meisten Ländern Lateinamerikas ist es für LGBTQ-Personen immer noch nicht sicher. Deshalb geht es eher darum, weiterhin zu kämpfen und unsere eigenen Räume zu schaffen.

„Es hat sich verändert, wie junge Menschen die Nacht gestalten“

Diana Alagić
Es gibt immer mehr Studien, die besagen, dass junge Menschen weniger feiern gehen. Wie bekommt man die Generation Z wieder mehr in die Clubs?
Diana Alagić arbeitet als Managerin beim Tresor, der dieses Jahr 30. Geburtstag feiert.  © Hans-Dietrich Beyer

Lentz Ich glaube, die Gen Z ist stärker an Gesundheit und Wellness interessiert – aber sie gehen aus, wenn man ihnen das richtige Erlebnis bietet. Es geht also darum, sicherzustellen, dass dieses Erlebnis unterhaltsam und erinnerungswürdig ist. Meine Generation ist feiern gegangen und tanzen gegangen, um den Alltag und wie hart er war zu vergessen. Ich glaube, diese Generation will ausgehen, um Erinnerungen zu schaffen. Sie werden ausgehen, wenn man ihnen ein Erlebnis bietet, aber es dreht sich nicht mehr nur um Alkohol und Musik. Es dreht sich um Kultur und Community. Je mehr KI und Social Media zunehmen, desto eher gibt es hoffentlich eine Renaissance, in der Menschen wieder ausgehen und echte zwischenmenschliche Verbindungen suchen.

Nieto Echte Erfahrungen machen zu können, wird mit KI zu einer Art Produkt werden. Ich hoffe, dass das nicht dazu führt, dass die Preise weiter steigen. Dass Zeit miteinander zu verbringen zu einer Art Luxus wird.

Alagić Ich beobachte, dass die jüngere Generation das Clubgefühl vielleicht gerade so wertschätzt, weil sie dort von Handy und Social Media Ruhe haben. Ich denke auch, es hat sich verändert, wie sie die Nacht gestalten. Zum Beispiel hatten wir vor zwei Wochen sehr junge Leute, die vor der Party eine Art Tech-Talk organisiert haben.

Welcher Club auf der Welt ist euer Meinung nach total unterschätzt?

Alagić Ich komme gerade aus Detroit, deshalb bin ich da etwas beeinflusst, wegen dieser Rohheit, der Gebäude und dieser unglaublichen Musik. Ich liebe die Tangent Gallery.

Nieto „Proyecto kinder“ in Bogotá – es ist ein Multi-Room-Space mit einem Techno-Raum im 80er-Stil, einer Garage für Konzerte, sogar einer Arcade.

Gómez „Prato do Dia“ in São Paulo: Es wird nur Vinyl gespielt, meist brasilianische Musik – und jedes Mal ist die Musik großartig.

Lentz Ich nenne bewusst LGBTQ-Spaces wie Honey’s in LA oder Heaven in London, weil sie so wichtig sind und viele verschwinden.


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