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Collier Schorr in der Galerie Barbara Weiss

CollierScharrJoachim Ringelnatz schrieb ein­­mal in einem Gedicht von der Begegnung mit einem „ganz kleinen Reh“, morgens um vier, „… und (ich) gab dem Reh einen ganz kleinen Stips. Und da war es aus Gips.“ Collier Schorr, Künstlerin aus New York, hat ein ganz kleines Reh aus Gips fotografiert und daraus ein großes Bild an der weißen Galeriewand gemacht. Ziemlich einsam sieht es so aus. Ob die jun­gen Männer und Kinder, deren Por­träts sie einen Raum weiter zeigt, das Reh und Gedichte von Ringelnatz kennen, ist eher fraglich.
Sommer, Sonne, Badeszenen, Jungskörper, nackte Haut, Wehrmachtsuniformen, einmal ein eri­gierter Schwanz: Eine Coming-of-Age Geschichte, die plötzlichen Stimmungsstürze und Gefühlsschwankungen der Adoleszenz scheinen in den Bildern zu ste­cken, die Schorr nicht als statische Fotografien zeigt, sondern als Video, als einen unruhig schweifenden Kamerablick über die Objekte des Begehrens. Details verwischen, Personen gehen verloren, das Hibbelige, Nervöse, Suchende in der Stimmung aber steigt. Ähnlich wie in einem zweiten Video, das einen Jungen im Schwimmbad beim ruhelosen Beobachten seiner Umgebung zeigt. Was das Reh, dieses Monument einer kleinen Rührung, mit all dem zu tun hat? Eben nichts, seine Nippes-Sentimentalität markiert genau das andere Ende einer Gefühlsskala. Für Collier Schorr sind die einen wie die anderen Fundstücke ihres Lebens in den Sommerferien, die sie seit 18 Jahren in Süddeutschland verbringt und zu alltagsethnologischen Expeditionen nutzt. Mit großem In­teresse daran, wie sich Pubertät anfühlt.
Schade ist nur, dass die Ausstellung nicht zugleich auch mehr von ihren Zeichnungen zeigt, in denen gefundene Bilder und Performances weiterleben.

Text: Katrin Bettina Müller

Foto: Courtesy Galerie Barbara Weiss

tip-Bewertung
: Sehenswert

Collier Schorr: „Hier hielt die Welt den Atem an“,
Galerie Barbara Weiss, (Adresse und Googlemap)
Di-Sa 11-18 Uhr, bis 24.10.

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