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Context-Festival 2010 im HAU

WILD-LIFEDer Choreograf Ibrahim Quraishi misstraut Begriffen wie dem von der kulturellen Identität. „Das existiert nur in unserer Vorstellung“, sagt er. Klein, in Jeans und Shirts und mit interessanter Designerbrille auf der Nase sitzt Quraishi an einem schäbigen Esstisch in seiner eigenen Installation im HAU 3. Quraishi ist einer der Stars beim diesjährigen Context-Festival im HAU, und er weiß, wovon er redet, wenn er kulturelle Identität für eine Fiktion hält, schließlich hat er als Sohn eines Diplomaten eine ziemlich internationale Biografie. Schon als er ein kleiner Junge war, ist seine Familie von Pakistan erst in die Sowjetunion, dann nach Jugoslawien und schließlich in die USA gezogen. Heute lebt Quraishi in Amsterdam.

Auch seine Künstlerbiografie kennt die unterschiedlichsten Einflüsse: Tanzunterricht am Moskauer Bolschoi und später bei der New Yorker Martha Graham Company. Als er mit dem Tanzen we­gen einer Lungenkrankheit aufhören musste, hat er bei Größen wie Edward Said studiert. Kein Wunder, dass für ihn Identität eher ein Hybrid ist als ein in Beton gegossenes, unverrückbares Faktum. Über die Absurditäten eindimensionaler Identitätsbehauptungen macht er seine Stücke. Vor zwei Jahren zum Beispiel die Installation „Islamic Violins„, für die er gleich mehrere Preise bekommen hat. Alle vier Stunden fliegt eine Violine in die Luft. Das Publikum wird vorher jeweils aus Sicherheitsgründen gewarnt. „Das war doch ein Witz“, sagt er. Aber man hat ihn ernst genommen. Genauso wie in Aserbaidschan, wo er in einer Installation eine nackte Frau und einen nackten Mann agieren ließ, was prompt für große Aufregung und einen Skandal sorgte. „Nachts strahlt das aserbaidschanische Fernsehen pornografische Filme aus“, sagt Quraishi, „aber wenn man eine Frau zeigt, die sich aus der für sie vorgesehenen Rolle herausbewegt, verlieren sie die Fassung.“ Solche Irritationseffekte machen ihm Spaß.

SweetDreamsWild Life take away Station“ heißt die Arbeit, die er jetzt bei Context zeigt. Sechs Stunden geht eine Aufführung, die Zuschauer können kommen und gehen, wie sie möchten. Sie können sich, so wie die nackte alte Frau und der nackte junge Mann, der offenbar ihr Liebhaber ist, auf die Couch oder die Stühle setzen, über den mit Stroh bestreuten Gang mar­schie­­­ren, vorbei an einem Haufen Federn, schimmeligen Tapeten, alten Fotos und ranzigen Deck­chen. Die Wohnungsinstallation ist eine Kopie. Im vergangenen Jahr war Quraishi zur Triennale nach Vilnius eingeladen, um etwas zum Thema „Imagining Vilnius“ zu entwi­ckeln. Er hat sich eines der ältesten und kaputtesten Häuser im Stadtzentrum ausgesucht. Das dort lebende alte Ehepaar ist gegen Bezahlung für eine Weile ausgezogen, und die runtergekommene Wohnung wurde, ähnlich wie in den X-Wohnungen-Projekten des HAU, zur Realinstallation …

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Fotos: Ibrahim Quraishi, [email protected]

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