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Das ehemalige Stummfilmkino Delphi in Weißensee

Das ehemalige Stummfilmkino Delphi in Weißensee wird jetzt wieder regelmäßig von der freien Szene genutzt – dabei drohte das Projekt kurz vor der Wiedereröffnung zu Scheitern

Per Aspera EV

Dann standen sie also unversehens in diesem großen, alten Saal. Und hatten eine kühne Vision. Brina Stinehelfer und Nikolaus Schneider arbeiteten Jahre für diese Vision. Bis ein Einbruch kurz vor dem Ziel all ihre Träume zu zerstören drohte.

Es war Silvester 2010, als es die Theatermacher Brina Stinehelfer und Nikolas Schneider auf eine Party nach Weißensee verschlug. Sie betraten ein unscheinbares Gebäude in der Gustav-Adolf-Straße 2 in Weißensee und fanden sich in einem ehemaligen Stummfilmkino wieder, das 1929 eröffnet worden war. Damals nannte man Weißensee noch Klein-Hollywood. In den angrenzenden Filmateliers entstanden Filmklassiker wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920) oder die Detektiv-Serie „Joe Deebs“ (1915–1920). Mit der Weltwirtschaftskrise meldeten die meisten Produktionsfirmen Konkurs an. Ein Großteil der 400 Berliner Kinos schloss. Das Delphi konnte sich jedoch auch nach Beginn der Tonfilmära Anfang der 30er-Jahre behaupten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Haus bereits im Sommer 1945 wieder eröffnet. Dass statt einer grundlegenden Sanierung nur leichte Reparaturen vorgenommen wurden, rächte sich: 1959 stürzten Stuckteile in den Zuschauerraum. Das Delphi wurde geschlossen. Später nutzten unter anderem eine Wäschereiausgabestelle und ein Briefmarkenladen das Foyer. Nach Mauerfall zog ein Orgelbauer ein, der das Gebäude als Schauraum für die Instrumente umfunktionierte. Nach dessen Insolvenz 2005 erfolgte die Zwangsversteigerung. Der neue Eigentümer vermietete den Saal für private Veranstaltungen.

Stinehelfer und Schneider waren von den Räumlichkeiten und ihrer Patina so angetan, dass sie mit „Exposure Berlin“ eine Oper konzipierten, die auf das Delphi zugeschnitten war. „Es war anfangs ein Kampf, überhaupt einen Fuß in die Tür zu bekommen, weil der damalige Besitzer lieber an Partyveranstalter vermietete“, erinnert sich Stinehelfer.

Dank der hartnäckigen Überzeugungsarbeit der Künstler kam das Musiktheater schließlich auf die Bühne. „Nach der Aufführung fungierten wir plötzlich als Ansprechpartner für weitere künstlerische Konzepte, obwohl wir uns anfangs nur mit einer Produktion eingemietet haben“, sagt Schneider. „Damit kristallisierte sich dann heraus, dass wir hier weitermachen müssen.“

Nur kurze Zeit später unterzeichneten beide einen Mietvertrag und planten, das Delphi als freie Spielstätte zu betreiben. Ein weiterer Eigentümerwechsel und die Bauauflagen sorgten jedoch für mangelnde Planungssicherheit. Stinehelfer und Schneider ließen sich davon nicht abschrecken. Sie überzeugten die Schweizer Stiftung Edith Maryon davon, das Haus zu erwerben. Die 1990 gegründete Non-Profit-Organisation kauft vor allem in Basel und Berlin Immobilien, um sie der Spekulation zu entziehen und sozialen und nachhaltigen Projekten zur Verfügung zu stellen.

Den beiden Künstlern ist nun die Nutzung für die nächsten 99 Jahre garantiert. Das nahm bei den aufwendigen und lang andauernden Sanierungsarbeiten den Druck. Auch wenn der Zuschauerraum im nostalgischen Charme erstrahlt – Schallschutz, Fluchtwege, Heizung und Bühnentechnik sind neu. Jedoch sind die Bauarbeiten immer wieder unterbrochen worden. „Es ist äußerst schwierig, zeitnah Handwerker zu bekommen“, stöhnt Schneider.

Im September dann der Schock. Diebe brachen ein, klauten die ganze Bühnentechnik. Projektoren, Verstärker, Computer, Mischpulte. Plötzlich war alles wieder in Gefahr. Mit einer Crowdfunding-Kampagne, die 33.000 Euro einbrachte, und Senats-Hilfe wendeten die Künstler das Aus noch ab.

Nach der Sommerpause soll alles fertig sein. Der regelmäßige Spielbetrieb ist seit der offiziellen Eröffnung am 2. Dezember des letzten Jahres trotzdem garantiert. Vom 5. bis 7. April gastiert die Kopenhagener Theatercompagnie Livingstones Kabinet mit dem queeren Vokalensemble Schwanzen Sängerknaben anlässlich des 150. Geburtstages von Magnus Hirschfeld mit der Deutschlandpremiere von „The Einstein of Sex“. Die dokumentarische Revue zeichnet die Wahrnehmung von Homosexualität in den letzten 100 Jahren nach. Einen Monat darauf verwandelt das Performance-Ensemble Borgtheater das Delphi in eine Stadt der Zukunft. Die Zuschauer betreten „Cyborg-City“ als Spieler, die für oder gegen das Primat der Digitalisierung kämpfen und sich mit dem Phänomen der Entkörperlichung des Menschen auseinandersetzen.

Das Delphi setzt auf unterschiedliche künstlerische Formate: „Bei uns finden Musiktheater, Schauspiel, Tanz und Performances gleichermaßen Raum“, betont Stinehelfer. „Wichtig ist, dass die Stücke mit dem Raum korrespondieren.“ Zugleich hat das Delphi Stinehelfers und Schneiders Arbeitsalltag verändert: „Wir kamen als Künstler, arbeiten aber derzeit fast ausschließlich an der Organisation. Es bleibt kaum noch Zeit für eigene Projekte.“
Die kräftezehrenden Jahre bereuen die beiden jedoch nicht. Ohne ihre Vision, das Haus wieder regelmäßig zu bespielen, würde sich das Delphi wohl noch heute im Dornröschenschlaf befinden.

Und spätestens seit Tom Tykwer im alten Saal Tanzszenen für die Serie „Berlin Babylon“ drehte, ist das ehemalige Stummfilmkino auch außerhalb von Weißensee ein Begriff. Ganz großes altes Kino.

Ehemaliges Stummfilm­kino Delphi Gustav-Adolf-Str. 2, Weißensee, ehemaliges-stummfilm­kino-delphi.de

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