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Das Festival Beyond Belonging im Ballhaus Naunynstraße und im HAU

Asim Cim mit Tauben
Seit Wochen tobt die von Thilo Sarrazin losgetretene Integrationsdebatte über ständig neu produzierte „kleine Kopftuchmädchen“. Einen besseren Zeitpunkt könnte es für das vom Ballhaus Naunynstraße und dem HAU gemeinsam veranstaltete Festival Beyond Belonging nicht geben. Es stellt unter dem Motto „Translokal“ ziemlich konkrete Fragen zu Themen, bei denen es vor Allgemeinplätzen, Klischees und Vorurteilen nur so wimmelt. Tamer Yigit und Branca Prlic verarbeiten in ihrem „Warngedicht“ zum Beispiel Erfahrungen von Schülern aus Kreuzberg, Neukölln und Lichtenberg, die mit den Stichpunkten Minderwertigkeit und Ausgegrenztsein umrissen sind. Und es schickt die Zuschauer auch mal vor Ort, zum Beispiel zu migrantischen Unternehmern, die mit den Sarrazin-Klischees von den Obst- und Gemüsehändlern wenig zu tun haben. Bei der „Großen Geld-oder-Leben-Tour“ fahren die Zuschauer im Bus zu türkischen Kfz-Werkstätten, aber auch nach Lichtenberg ins Dong Xuan Center, wo auf dem brachliegenden Gelände des VEB Elektrokohle seit 2005 Europas größtes vietnamesisches Handelszentrum entstanden ist. In Dutzenden von Geschäften wird alles angeboten, was Asiaten gerne einkaufen, 6500 Quadratmeter misst die größte Verkaufshalle, ein vietnamesischer Investor plant derzeit ein Hotelhochhaus. Auch Wettbüros und Nagellackstudios werden besucht, und nebenbei erfährt man etwas von den Lebensgeschichten der Unternehmer.

Ganz anders macht es der nie­derländische Regisseur Dries Verhoeven, er führt die Zuschauer in ein irritierendes „Niemandsland“. Jeweils von einem möglichst fremdländisch aussehenden Guide wird ein Zuschauer begleitet, gemeinsam wandert man durch die Stadt, über Kopfhörer hört der Zuschauer dabei merkwürdige Dinge, und auch der vor ihm schreitende Guide sorgt für die eine oder andere Aufmerksamkeit. So, dass man sich selbst fremd zu fühlen beginnt. Für ihn, sagt Kurator Tuncay Kulaoglu, seien Sarrazins Äußerungen purer Rassismus. Und noch unverschämter sei die Entschuldigung gewesen, die so tue, als sei nur die Wortwahl ein Problem. Er ist wütend.
Natürlich gibt es auch Theater zu sehen. Etwa Tim Staffels neues, auf einer Recherche im Wrangelkiez basierendes Stück „Man braucht keine Reiseführer für ein Dorf, das man sieht. Inzwischen aber sind in der Wrangelstraße eine Menge Menschen dank ihrer Reiseführer unterwegs. Vor ein paar Jahren noch gab es hier nicht viel, außer Alks vor den Supermärkten, Kebab-Buden und Obstläden. Jetzt ist der Wrangelkiez das gentrifizierte Randgebiet der europäischen Spree-Partymeile. Nurkan Erpulat hat das Stück im HAU 2 inszeniert.
Oder „Die Schwäne vom Schlachthof“: Hakan Savas Mican, der im vergangenen Jahr mit „Der Besuch“ eine gelungene Inszenierung im Ballhaus zeigte, hat sich die Frage gestellt, was 20 Jahre Mauerfall eigentlich für die türkischen Arbeitsmigranten bedeuten. „Die Mauer ist uns auf den Kopf gefallen“, ist der dazu beliebtes­te Spruch unter Türken. Aber als die Mauer noch stand, sind manchmal türkische Kinder ertrunken, die an der Spree spielten und dabei ins Wasser fielen. Weder die Grenzbeamten der DDR noch die der BRD fühlten sich für ihre Rettung zuständig, sie sahen einfach nur zu. Die toten Kinder sind Ausgangspunkt für die Geschichten des geteilten Berlin, die sonst nicht auftauchen, vom türkischen Migrantensohn etwa, der sich in eine Ostdeutsche verliebte.

Text: Michaela Schlagenwerth / Foto: Doris Kleilein

Beyond Belonging
So 1. bis Sa 28. November
im Ballhaus Naunynstraße und HAU 1, HAU 2, HAU 3

Termine: Ein Warngedicht von Tamer Yigit und Branka Prlic

Karten unter 347 45 98 98 und 25 90 04 27 (HAU)


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