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Das ist keine Charity-Nummer

Das ist keine Charity-Nummer

„Es gibt momentan zwei mögliche Richtungen“, sagt Jens Hillje, der Ko-Intendant des Gorki-Theaters: „Heidenau oder Münchner Hauptbahnhof“. Will heißen: entweder krakeelender Fremdenhass. Oder demonstrierte Willkommenskultur. Wie die Gesellschaft auf den zahlenstarken Zuzug von Geflüchteten letztendlich reagieren wird, bleibt in Hilljes Augen „vollkommen offen.“ Auch die Theater werden von der so genannten Flüchtlingskrise in ganz neuem Maß herausfordert. Nicht nur, weil sie sich als Seismographen gesellschaftspolitischer Umbrüche begreifen und die Themen Flucht und Vertreibung schon deshalb auf der Bühne verhandeln, um den Relevanz-Anschluss nicht zu verlieren. Viele Berliner Theater versuchen derzeit – wie auch ein erfreulich großer Teil der Bevölkerung – ganz praktisch zu helfen.
Am Gorki hat das unter anderem zu einem temporären Ensemble-Zuwachs geführt. In Yael Ronens jüngster Inszenierung „The Situation“ steht unter anderem der 1996 im palästinensischen Qalqilya geborene Karim Daoud auf der Bühne – was erst mit viel Engagement des Theaters bei der Vertretung der deutschen Botschaft in Ramallah ermöglicht wurde. Jetzt hat Daoud, der keinen israelischen Pass besitzt, für ein Jahr ein Arbeitsvisum und damit ein Bleiberecht in Berlin. „So etwas machen wir auch in anderen Fällen“, sagt Hillje. Necati Öziri, der Leiter des Studio ? am Gorki, ergänzt: „Es gibt auch Menschen aus Syrien, die sich um ein Praktikum bei uns bemühen. Das versuchen wir natürlich zu ermöglichen“. Was freilich in allen Fällen ein Ringen mit der deutschen Bürokratie bedeutet.
Das Engagement des Gorki-Theaters ist dabei nicht bloß tagesaktuelle Reaktion, „wir agieren schon lange auf dem Konfliktfeld“, betont Jens Hillje. Dazu gehört auch, Geflüchtete als Zuschauer zu gewinnen. Bereits Weihnachten 2013 organisierte das Theater Vorstellungen seines Märchens „Der kleine Muck“ für die Kinder Geflüchteter, die zu Einführungsworkshops eingeladen  wurden. Wenn jetzt in Ronens „The Situation“ der syrische Künstler Ayham Majid Agha auf der Bühne steht, „sitzt die syrische Community im Publikum“, so Hillje, „das müssen wir gar nicht aufwendig organisieren“. Wobei ein nicht zu unterschätzendes Hindernis sei, so Necati Öziri, „dass Refugees nicht kostenlos mit der BVG zum Theater gelangen. Dann nützen auch die Freikarten wenig, die wir zur Verfügung stellen können“, etwa über Initiativen: Zuschauer zahlen für andere Zuschauer.
Öziri beobachtet „eine neue Solidarität unter den Berliner Theatern“, speziell jenen, die sich neben Anwälten, Kirchenvertretern und Aktivisten in der Kampagne „My Right Is Your Right“ zusammengeschlossen haben. Dazu zählen die Schaubühne, das Deutsche Theater, die Berliner Festspiele, Ballhaus Naunynstraße, das Grips-Theater, die Parkaue und das Jugendtheaterbüro. Das Ziel ist, die Selbstorganisation von künstlerischen Projekten Geflüchteter zu unterstützen. Ein Beispiel ist die Produktion „Letters Home“ des Refugee Club Impulse, die im Rahmen des Herbstsalons am Gorki und im Dezember auch an der Schaubühne gastieren wird.  Momentan, erzählt Schaubühnen-Chefdramaturg Florian Borchmeyer, werde bei „My Right“ zudem die Schaffung einer Koordinatorenstelle für die Arbeit mit Geflüchteten an Theatern in Angriff genommen, die mit einem Refugee besetzt werden soll. „Leider funktioniert das System in Deutschland so wirtschaftlich – wenn man Arbeit hat, wird man auch anerkannt“, so Borchmeyer.        
Die Aktivitäten der Bühnen sind unüberschaubar vielfältig und kein auf den Kunstraum beschränkter Aktionismus. Am DT haben sich unter den Mitarbeitern Arbeitsgruppen gebildet, die kostenlose Deutschkurse für Geflüchtete anbieten. Praktikumsstellen sollen in allen Abteilungen des Theaters eingerichtet werden, auch über die Schaffung von Schlafplätzen am Haus wird derzeit beraten.
Bei etlichen Künstlern setzt sich das Engagement ins Private fort. Im Flur der Grips-Schauspielerin Nina Reithmeier stapeln sich momentan die Kisten mit gespendeten Kleidern, die sie nach Größe und Wintertauglichkeit sortiert – genau die Arbeit, mit der die Hilfsstellen vielfach überfordert sind.
Reithmeier, gerade in Elternzeit, hatte wie so viele das Gefühl: „Zeit zu handeln!“ Also startete sie auf ihrer Facebook-Seite einen Aufruf, sie beim Einkauf dringend benötigter Hilfsgüter zu unterstützen. Zum Beweis, dass die Spenden wirklich ihrem Zweck zukommen, postet sie die abfotografierten Einkaufszettel auf ihrem Profil. Weil es in Berlin an zentraler Koordination fehlt, ist das Internet der beste Ort, um sich um über die ständig wechselnden Bedarfslisten von Erstaufnahmestellen wie dem LaGeSo auf dem Laufenden zu halten. „Wenn nachts um drei gepostet wird, dass warme Decken oder Regenponchos fehlen, können wir blitzschnell darauf reagieren“, so Reithmeier.
„Am Ende darf man aber nicht unterschätzen“, so Studio-?-Leiter Öziri, „dass die Hauptaufgabe von Theatern darin besteht, ein Bewusstsein zu schaffen. Begreifbar zu machen, dass hinter den Zahlen Biografien und Geschichten stehen“.  Entsprechend betont er: „Die Arbeit mit Refugees ist keine kurzlebige Charity-Nummer. Sondern eine Auseinandersetzung mit der eigenen europäischen Geschichte, der eigenen Legitimität als Nationalstaat, der eigenen Zivilisation“. Offen ist nicht die Frage, ob in Zukunft eine große Zahl Geflüchteter Teil der Gesellschaft würde, sagt Jens Hillje: „Offen ist allein, wie wir uns dazu verhalten.“

Text: Patrick Wildermann

https://myrightisyourright.de/

http://www.impulse-projekt.de/

http://www.gorki.de/

http://moabit-hilft.com/

http://www.proasyl.de/

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