• Kultur
  • „Das Leben als? Gesamtkunstwerk“

Kultur

„Das Leben als? Gesamtkunstwerk“

OlbrichtThomas Olbricht wirkt angespannt. Nur noch wenige Tage sind es bis zur Eröffnung seines Sammlerhauses „me Collectors Room Berlin“ in der Auguststraße. Es ist das erste feste Domizil der umfangreichen Sammlung des Essener Arztes und Kunstliebhabers und zugleich der aufregendste Neuzugang der Berliner Kunstszene. Noch stapeln sich in dem von Olbricht selbst konzipierten Ausstellungshaus die verpackten Kunstwerke zu einem Holzkistengebirge. Die Handwerker bohren, hämmern und schrauben. Eine Künstlerin streicht eine Wand in tiefes Lapislazuliblau. Wie in einem Bienenstock arbeitet das Team an der Vollendung des Gebäudes – und an der Errichtung eines Lebenstraums. Die neue Berliner Kunstattraktion ist schwer zu übersehen. Mit seiner nüchternen Glas- und Betonfassade hebt sich der wuchtige vierstöckige Bau klar ab von den umliegenden Altbauten. Bereits vor der Eröffnung polarisiert der Entwurf der Berliner Architekten Düttmann und Kleymann und missfällt jenen, die sich eine einheitliche historische Altstadt wünschen.
Betritt man jedoch das Innere, gefällt die harmonische Balance zwischen den luftigen Sälen von gesamt 1.300qm Fläche, in denen moderne Materialien wie Beton und Stein mit edlen Holzböden sowie schicken Designersitzmöbeln kombiniert wurden. Im Cafй im Erdgeschoss steht ein besonderes Schmuckstück, eine 500 Jahre alte Eichentafel aus Südfrankreich. „Setzen sie sich!“, sagt Olbricht mit einladender Geste. „Fassen Sie das Holz mal an, man spürt förmlich die Geschichte!“ Der Sammler zeigt seine Schätze gerne. Er sieht es als seinen Auftrag am Menschen, sagt er. Mehr als zwei Millionen Euro ?aus seinem Privatvermögen hat Olbricht dafür hingelegt. Dennoch möchte Olbricht Vergleiche zu Museen vermeiden und auch keine Konkurrenz schaffen. Er kennt die Kritik an Sammlern, die sich eigene Museen bauen, anstatt mit den vorhandenen Institutionen zusammenzuarbeiten.
Olbricht scheint Kinder zu mögen. Es gibt spezielle Sitzhocker für kleine Besucher, die man in alle Ausstellungsräume mitnehmen kann. Zurück in die Kindheit versetzen auch Matchbox-Autos und eine Reihe knallroter Miniaturfeuerwehrautos, eingelassen in eine spezielle Vitrine im Lounge-Bereich der ersten Etage. Besonders beeindruckend ist allerdings die gattungsübergreifende Vermischung aktueller Kunstpositionen mit Werken verschiedener Epochen. ?Olbrichts Sammlung ist eine der umfangreichsten Privatsammlungen Europas. Sie umfasst Arbeiten aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, aus der klassischen Moderne, sowie ausgewählte Jugendstilobjekte und über 2.500 zeitgenössische Werke. Olbricht will es egal sein, ob die Besucher seine Auswahl „toll oder mies“ finden, sagt er mit einem offenen Lachen, bei dem sich ein Kranz kleiner sympathischer Lachfältchen um seine Augen legt. Seine Unbekümmertheit ist Olbrichts Waffe gegen Kritiker. Zugleich will er irritieren und einen Dialog schaffen. Für ihn zählt der Inhalt, nicht die Darreichungsform.
Unzählige Werke zeitgenössischer Kunst hat der Professor für Hormonkunde seit Mitte der Achtzigerjahre zusammengetragen, darunter wichtige Positionen von John Currin, Eric Fischl, Franz Gertsch, Cindy Sherman, Maurizio Cattelan, Jake und Dinos Chapman und Marlene Dumas. Hinzu kommen Arbeiten aufstrebender Künstler wie Corinne von Lebusa, Rachel Goodyear, Jeppe Hein oder Taryn Simon. Davon zeigt Olbricht zunächst wenig in Berlin. Er möchte über?raschen, in keine Schublade gesteckt werden. Am liebsten wäre es Olbricht, wenn „das, was ich tue, als Gesamtkunstwerk wahrgenommen wird“.
Herzstück des „me Collectors Rooms“ ist die Dauerausstellung in der sogenannten Wunderkammer, einem abgedunkelten Raum, den man durch einen engen Flur betritt. Hier fühlt man sich wie in einem Reich außerhalb der Zeit, inspiriert von den berühmten weltspiegelnden Kunstkammern wie das Grüne Gewölbe August des Starken in Dresden. In Vitrinenkammern versammelt sich ein schaurig schönes Sammelsurium aus etwa 150 Kleinoden, die Olbricht gemeinsam mit seinem langjährigen Freund, dem Münchner Kunsthändler und Sammler Georg Laue, zusammengetragen hat. Neben der fest installierten Wunderkammer sollen regelmäßig fremdkuratierte Ausstellungen stattfinden.
Angelehnt an Rubens Porträt von König Philipp II. handelt es sich um eine Auftragsarbeit des Sängers, der kurz vor der Vollendung verstarb. „Das ist besser als Kunst“, ruft Olbricht begeistert vor dem Bild aus. „Das setzt dem Ganzen die Krone auf.“ Hier nun mischt sich Olbrichts Jungenfreude mit einer Prise Größenwahn: „Kunst, Kitsch und Qualität – ich schrecke nicht davor zurück!“ Man ahnt, dass Olbricht und Michael Jackson mehr verbindet, als auf den ersten Blick ersichtlich ist. Kein Werk verbildlicht Olbrichts Lebensweg so sehr wie ein Gemälde von Herbert Brandl. Es zeigt eine Wiesen- und Gebirgslandschaft, in die sich Olbricht regelmäßig hineinprojiziert: „Das Ziel ist nah, auf in den Himmel, in die Weite!“ Mit der zeitgenössischen Kunst verknüpft Olbricht seine Wunderkammer assoziativ. Er vernetzt Geschichten, die ihm die Werke zuwispern. Manchmal ist es eine Farbe oder die Bewegung zarter Hände, die man in anderen Werken wiederentdeckt.
Zu den kleinsten Exponaten gehören ein aus einem Kirschkern geschnitzter Totenkopf, Miniaturskelette aus Elfenbein oder Holz sowie zwei Augsburger „Tödlein“ aus dem 16. Jahrhundert, die Sanduhren tragen. Barocke Vanitas-Motive gemahnen ein vielstimmiges Memento Mori: Bedenke, dass Du sterben musst! Zu den Kuriositäten zählen auch ein bemerkenswert attraktiver Schrumpfkopf unter ?einer gläsernen Glocke oder ein gedrechselter Narwalzahn, von dem man glaubte, es handle sich um das Horn des Einhorns. Wer das Staunen verlernt hat, der lernt es hier wieder. Olbricht will die Lust am Schauen wecken und zugleich die Wurzeln der Kunst freilegen.
Fünf Ideen für weitere Ausstellungen zu den weitgefassten Themen Liebe, Leben und Tod stecken bereits in der Pipeline. Was sich dahinter verbirgt, möchte Olbricht noch nicht verraten. „Aber es wird bestimmt etwas Deftiges, überspitzt Erotisches.“ Zu gerne würde Olbricht dann, wie er sagt, Mäuschen spielen und heimlich „lauschen, was über die Ausstellung gesagt wird“.

Text: Laila Niklaus

Passion Fruits – Picked from the Olbricht Collection im ?me Collectors Room Berlin, Auguststraße 68, Mitte, Di–So 12–18 Uhr, ?1.5.–12.9.2010

Kunst und Museen in Berlin von A bis Z

Mehr über Cookies erfahren