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Säureanschläge in Berlin: Das Luxusproblem

Luxusproblem

Das Restaurant Euphoria liegt auf der Fried­richshainer Restaurantmeile Simon-Dach-Straße. Seine Getränkekarte listet 155 Cock­tails auf. Das ist das Problem. Für manche. Buttersäure. Özkan Nas wusste nicht gleich, was es war an diesem Sonnabend vor gut zwei Wochen. Nur dass es abscheulich nach Kotze stank, von der Toilette her, dort hatten Unbekannte eine Plastiktüte voller Säure deponiert. Zehn Jahre ist es her, dass der gebürtige Istanbuler das Euphoria mit Partnern aufmachte: „Wir hatten hier doch noch nie Probleme.“ Bis jetzt. Drei nahe Lokale erwischte es auch.
Stunden vor diesen Säureanschlägen war eine Großdemonstration der Kampagne „Wir bleiben alle“ vorbeigezogen, für linke Freiräume und gegen die Aufwertung der Stadt durch Luxussanierungen, die ärmere Bewohner zum Wegziehen zwingt. So funktioniert Gentrifizierung. Dabei flogen Steine, zerbarsten Scheiben, brannten Autos. Nachts kam der Gestank. Die Nutznießer der Gentrifizierung, so geht die Logik der Säure-Täter, lieben Mixgetränke. Ein Autonomer braucht keine 155 Cocktails. So entbrennt die Debatte, wohin sich Fried­richshain ent­wickelt, nun buchstäblich neu.

Die unterschiedlichen Vorstellungen scheinen kaum vereinbar. „Früher gab es hier mehr Studenten“, sagt Euphoria-Geschäftsführer Nas. „Dafür haben wir wegen der Hostels nun viele Touristen. Aber die sind auch nicht reich.“ Er grübelt: „Wieder mehr Studenten, das täte der Straße gut. Und mehr Bekleidungs­läden.“

Gegen Klamottengeschäfte hat auch Florian prinzipiell nichts. Er ist 24, studiert an der FU Sozialwissenschaften und arbeitet bei „Wir bleiben alle“ mit. Nur müssten alle Läden „unkommerziell“ arbeiten. Mit kollektiver Selbstbestimmung der Mitarbeiter. Das würde auch für Kneipen gelten. Man darf ja mal träumen.

Die Kampagne kämpft seit Anfang 2008 gegen den neoliberalen Kapitalismus, Privatisierung, Über­wachung. Und für linke Wohn- und Kulturprojekte. „Wir distanzieren uns von keiner Aktionsform“, sagt Florian. „Wer die Buttersäure verkippt hat, weiß ich nicht. Aber das hat ein Symbol getroffen: für neoliberale Stadt­umstrukturierung.“ Die Bars würden mit ihren Preisen und ihrem Stil ärmere Schichten ausschließen. „Klar, in Berlin könnten wir uns noch in genügend Nischen zurückziehen. Aber das ist kein Anspruch an politische Arbeit.“ …

Lesen Sie den vollständigen Artikel in tip 08/09 auf Seite 19.

Text: Erik Heier

Foto: Jens Berger/tip

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