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Das nächste Parteiversagen

Erik Heier
Neulich wurde Hans-Christian Ströbele vom „Tagesspiegel“ über pädophile Umtriebe im Berliner Landesverband der Grünen bis in die 90er-Jahre hinein befragt. Es dürfte für den unermüdlichen und verdienstvollen Aufdecker von Missständen in diesem Lande keine angenehme Erfahrung gewesen sein. Wann hat man vom grünen Urgestein je derart viele Aussagen gelesen, die so oder so ähnlich lauteten: „Daran kann ich mich nicht erinnern“? ?Das Interview drehte sich unter anderem um einen verurteilten Pädosexuellen, der noch 1992 eine Unterorganisation der Schwulen bei der Alternativen Liste – wie sich der Berliner Landesverband der Grünen bis 1993 nannte – gegründet hatte, die „AG Jung und Alt“ hieß. Der Mann war bis zu einer weiteren Verurteilung 1995 Parteimitglied. Dazu Ströbele: „Der Name sagt mir nichts.“ Das kann man ihm natürlich glauben, es ist ja lange her. Man muss sich aber nur mal vorstellen, ein Zeuge in irgendeinem Untersuchungsausschuss würde Ströbele ein derartiges Gedächtnislückendiktat anbieten. Was er mit dem veranstalten würde! Nun ist der Bericht der „Kommission Aufarbeitung“ der Berliner Grünen zu Pädophilie und sexualisierter Gewalt gegen Kinder in den Anfangsjahren der Partei lobenswert in seinem Aufklärungsbestreben. Aber kann man sich trotz glaubhafter Betroffenheit etwa des Landesvorsitzenden Daniel Wesener eines Gefühls nicht erwehren: dass die Grünen allzu schnell wieder zur Tagesordnung übergegangen sind. Sicher, sie haben Entschuldigungen ausformuliert, Hilfe in Aussicht gestellt, finanzielle Entschädigungen auch. Alle schämen sich nach bestem Wissen und Gewissen für das frühere Parteiversagen. So lange es nur nicht persönlich wird. Allenfalls liest man, wie bei Renate Künast, von der Zerknirschung, sich nicht offen auf die Seite jener Kreuzberger Frauen gestellt zu haben, die vergeblich auf die pädophilen Umtriebe hinwiesen. Für Opfer muss es die neuerliche Hölle sein. Der Abgeordnete Thomas Birk ist einer der wenigen, der sich persönlich vorwirft, nichts unternommen zu haben: als er 1994 in der Wohnung des „Jung und Alt“-Pädoaktivisten Nacktbilder von Jungen sah. Sonst gehen bei konkreten Schuldfragen reihenweise die Jalousien runter. Das nächste Parteiversagen. Es ist zum Kotzen.

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