Kultur

Das neue Schöneberg

Schöneberg

Das ist der Anfang vom Ende. So dachten fast alle, als der „Tagesspiegel“ 2009 wegzog von der Potsdamer Straße, nach 55 Jahren. Der Abzug dieser letzten Bastion der Bürgerlichkeit beschleunigte zwar den Verfall der Gegend mit ihrer zusammengewürfelten Mischung aus Ein-Euro-Läden, Wettbüros und Imbissen. Mit ihren Prostituierten in knallbunten Lurex-Leggins. Mit den türkischen Supermärkten, den aalglatten Fassaden der Hostels und der billigen Leuchtreklame der Casinos. Doch der Auszug des Verlags war das Beste, was der Potse passieren konnte. Es war der Anfang eines neuen Anfangs.
Teure High Heels klappern auf dem Pflaster vor Burger King, das britische Künstlerduo Gilbert & George biegt um die Ecke, zwischen Woolworth und Prostituierten parken schwarze Limousinen. Die Straße brummt. Über den Launch der deutsch-englischen Ausgabe des Kunstmagazins „frieze“ wird geredet und über die sensationelle Installation von John Bock bei Klosterfelde. Glamour, Geld und Kunstgespräche regierten Ende April für ein Wochenende die Potsdamer Straße. Dort fand das Gallery Weekend seinen unbestrittenen Höhepunkt.  
SchönebergDenn heute befinden sich auf Hinterhöfen und in Wohnungen in und um die Potsdamer Straße zahlreiche Galerien. Keine kleinen Krauter, sondern solche, die international im Geschäft sind, wie Arndt, Blain|Southern oder Jiri Svestka. Heute Art Dubai, morgen Art Basel Miami, übermorgen Hinterhof Postdamer Straße. Das Leben dieser Galeristen spielt sich zwischen Kunstmessen, Flughafenschaltern – und eben dieser überlauten, hässlichen Straße ab, deren ungeheure Dynamik alle unterschätzt hatten.
Die Potse ist Teil der Bundesstraße 1. Viel befahren, zugig. Genau genommen liegt der Abschnitt, auf dem sich gerade das Galerien­wunder abspielt, zum größten Teil in Tiergarten. Erst an der Kurfürstenstraße erreicht die B1 Schöneberg. Aber genau wie an der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln macht die Entwicklung auch hier nicht an der Demarkationslinie zwischen zwei Verwaltungseinheiten halt. Analog zum Begriff „Kreuzkölln“ könnte man diesen Bereich durchaus als „Schönegarten“ bezeichnen.
SchönebergAus der Luft betrachtet, teilt die Potsdamer Straße, die später zur Hauptstraße wird, den Bezirk in zwei Hälften. Im Westen die Kieze um den Nollendorfplatz, Winterfeldtplatz, Akazienstraße, Bayerisches Viertel, der westliche Ausläufer Friedenau. Das Kernland des Stadtteils, beliebte Wohngegenden.
Östlich dagegen gibt es viele stillgelegte Bahngleise, Industrie und Gewerbe. Die Randlagen, die sich über die letzten zehn Jahre immer mehr zu Problemvierteln entwickelt haben. Doch es sind zentrale Randlagen. Und es kommt, wie es nach den Regeln der Großstadt eigentlich kommen musste, obwohl schon keiner mehr daran glaubte. Es ist dort, an den östlichen Rändern von Schöneberg und darüber hinaus, auf den Grenzen zu Tiergarten, Kreuzberg, Tempelhof, wo sich jetzt wieder etwas bewegt.
Am Übergang von Tiergarten nach Schöneberg prallen zwei Welten aufeinander. Wenn Galeristin Tanja Wagner ihre Räume in der Pohlstraße neu bestückt, sitzen vor der Ein-Euro-Pizzeria gegenüber die Stammgäste auf weißen Plastikstühlen und beobachten das Treiben mit Staunen und Skepsis gleichermaßen. Lkws voller Kunst sieht man hier jetzt öfter. „Es ziehen jetzt sogar Kunsttransporteure hierher“, sagt Giti Nourbakhsch. Die Galeristin war 2006 die Erste in der Gegend, zog von der Rosenthaler Straße auf ein Hofgelände in der Kurfürstenstraße. Und der Kunstboom wirkt weit in den Bezirk hinein. Die Galerie Kit Schulte mit Adresse in der Winterfeldtstraße hat gerade den monatlichen „Schöneberger Artwalk“ erfunden, Start war am 25. Juni.
SchönebergGiti Nourbakhschs Argumente für den Umzug sind: „Mittemüdigkeit“. Und, na klar, die Lage. „Die Nähe zur Nationalgalerie und zum Zentrum. Sonst würde hier nichts passieren.“ Nach und nach zogen andere Galerien Nourbakhsch hinterher. Der Hof des Tagesspiegel ist nicht der schönste. Viel Beton, wenig grün. Ein Patchwork-Gelände, an dem viel um- und angebaut wurde. Hier stuckverzierter Altbau, dort die frühere Druckerei. Es gibt Räume mit zehn Meter hohen Decken. Inzwischen ist fast alles vermietet.
Und jetzt zieht auch noch Andreas Murkudis mit seinem Laden hierher. Murkudis verkauft Luxusgegenstände, ohne viel Lärm zu machen. Schaufenster sind ihm suspekt. Doch wo er ist, ist es angesagt. Bislang in der Münzstraße. Ab 6. Juli an der Potse.
Unansehnliche Flecken auf dem Stadtplan werden zu Spielflächen für Künstler und Kreative. Das Gleisdreieck ist auch so ein Beispiel. Dort wo Kreuzberg beginnt, liegt auf dem Areal des ehemaligen Dresdner Bahnhofs The Station. Riesige Hallen reihen sich aneinander, ein idealer Veranstaltungsort für die Modemesse Premium, die Berliner Fahrradschau, den WM-Kampf im Schachboxen.

Lesen Sie den vollständigen Artikel in tip 15/11 auf den Seiten 24 – 28. Dazu: Sieben Empfehlungen, was man in Schöneberg gesehen haben muss.

Text: Antje Binder 

Lesen Sie auf tip-berlin.de: Vier Schöneberger Institutionen, die mit Qualität gute Laune machen:

Günther Lusche – Hanf- und Drahtseile

Scheinbar Varietй

Kino Xenon

Kofferhaus Witt

Mehr über Cookies erfahren