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Das queere Literatur-Berlin

Glitternde Ritter: Donat Blum hat mit seinem Debüt „Opoe“ einen der queersten Romane der Saison geschrieben. Den kriegt man, wie seine Literaturzeitschrift „Glitter“, auch im Buchladen Eisenherz, der gerade 40 wurde. Ein Besuch

Autor Donat Blum im Buchladen Eisenherz. Foto: FA Schaap

Die Motzstraße ist eine Schlendermeile der aufgemotzten Art. Neben Latex-Masken und Holzdildos gibt’s hier auch Fetischartikel der besonders anstößigen Art: Bücher. „Wir haben alles da, von Thomas Mann bis Porno“, sagt Roland Müller-Flashar, Jahrgang 1959, während er drei Bücher zu Geschenken verpackt. Jedes einzeln. „Oh je, da hab ich mir was aufgehalst!“ Bei den Neuheiten liegt auch der Roman „Opoe“ von Donat Blum aus – der just den Laden betritt.
Müller-Flashar ist Senior-Chef im Eisenherz. Am 12. November 1978 öffnete in der Bülowstraße 17 das Eisenherz (damals noch: Prinz Eisenherz) als erster schwuler Buchladen in Deutschland. Zwischendurch zog er in die Charlottenburger Bleibtreustraße 52 und in die Lietzenburger Straße 9a. Seit 2014 ist er in der Motzstraße 23. Kurz vor der „Machtergreifung“ der Nazis lebte unweit auch der schwule Schrifstellerstar Christopher Isherwood („A Single Man“), dessen Werk gerade neu auf deutsch erscheint, jüngst „Das Denkmal“. Müller-Flashar kam als 19-Jähriger gelernter Buchhändler zufällig einen Tag, bevor es mit dem Laden 1978 losging, nach Berlin, aus NRW. Seit 1987 arbeitet auch er im Eisenherz. „Für meine Generation ist so ein Buchladen identitätsstiftend“, sagt er. Als er in den 1970ern sein Coming-Out hatte, kannte er Homosexualität nur aus der Zeitung: Tuntenbälle, Morde, andere Verbrechen. „Anders hast du davon nichts gehört. Ich wusste auch nicht, wie ein Schwuler aussieht. Es gab da keine Rollenmodelle.“ Dann schenkte ihm seine beste Freundin „Giovannis Zimmer“ von James Baldwin (der aktuell ein großes Revival erlebt), und es ging ihm eine neue Welt auf. Obwohl das Buch sehr traurig endet.

Gerade hat das Eisenherz seinen 40. Geburtstag gefeiert. „Wenn Leute aus der Provinz reinkommen“, sagt Müller-Flashar, „fallen denen nach wie vor die Augen aus vor Freude, dass es so was gibt. Für uns Berliner ist der Laden selbstverständlich.“ Für die jüngeren sowieso. „Aber eigentlich“, sagt Müller-Flashar nachdenklich, „ist er das nicht.“
Gemeinsam mit Junior-Chef Franz Brandmeier hat Müller-Flashar das Eisenherz seit 2004 queer ausgerichtet, nicht mehr nur schwul. „Wir fanden das zeitgemäß. Dieses Separieren fanden wir blöd. Es hat ältere Homos gegeben, die sich über den Begriff ‚queer‘ beschwert haben. Aber das waren nicht gerade die großen Kämpfer. Tun so, als wären sie die Mütter der Bewegung gewesen, aber haben eigentlich nie was gemacht!“

Mittlerweile arbeiten auch eine lesbische Frau und ein trans* Mann im Laden. Das spiegelt sich im Sortiment wieder; der Genderbereich ist gut sortiert. Und es gibt Fanzines, die man sonst nirgends in Berlin kriegt. Auch die sogenannte Kreischreihe aus dem Querverlag führt das Eisenherz, die Anfang 2017 Furor machte durch den Band „Beißreflexe“, der scharfe Kritik an Teilen des queeren Aktivismus und den Queer Studies übt. In manchen Buchläden wurde der vielkritisierte Band aus Prinzip schon nicht geführt. Anders im Eisenherz: „Wenn etwas nichts rechtsradikal ist, dann haben wir alles da“, sagt Müller-Flashar. „Wir wollen nicht die Polizei sein und sagen, das ist gut und das ist igitt.“
Was Müller-Flashar indes verstärkt beobachtet: dass schwule Bücher von den Verlagen nicht mehr als schwule Bücher verkauft werden. „Dann ist auf dem Klappentext von einer ‚besonderen Freundschaft‘ die Rede und direkt auf Seite 2 geht es mit einer gepflegten Fellatio los.“ Man müsse „als Homo-Buchhändler“, wie Müller-Flashar sagt, viel zwischen Zeilen lesen, wenn man die Verlagskataloge sondiere.

Gewissermaßen (wenn auch ohne gepflegte Fellatio) trifft das auch auf „Opoe“ zu, den Debüt-Roman von Donat Blum. Die Worte „schwul“ oder „queer“ tauchen im Klappentext und auch im ganzen Buch nicht auf. Und doch hat Blum einen der queersten Romane der Saison geschrieben. So queer, dass einige, auch das Oldschool-Feuilleton der „FAZ“ heillos überfordert waren: Ja, die Spurensuche nach der verstorbenen Großmutter im Roman, die sei sehr interessant, befand die „FAZ“. Aber was das alles mit den überflüssigerweise auch noch erzählten nicht-monogamen, schwulen Liebeleien des Ich-Erzählers zu tun habe? Kein Plan.

Es ist zu typisch: Romane, bei denen junge Menschen ihre Familiengeschichte durchforsten, Verwandten nachspüren, die sie nur so halb gekannt haben, sind gerade en vogue im deutschen Literaturbetrieb und werden mit Preisen überschüttet. Aber ein Buch, das an den Grundfesten schüttelt, wie wir miteinander leben; das den (Un-)Sinn der monogamen Zweierbeziehung infrage stellt – das ist dann doch ein bisschen unbequem und außerhalb der kuscheligen Komfortzone. „Es passiert mir öfter“, sagt Donat Blum, „dass Leute gut mit dem Großmutter-Ding in meinem Buch umgehen können und nicht so gut mit dem anderen Teil.“ Er habe nicht das Gefühl, dass das bösartig sei. „Aber eine gewisse Homophobie, ein gewisses Unverständnis spricht eben doch aus dem Widerstand gegenüber dieser Perspektive.“ Der Perspektive, queere Beziehungen nicht als Abklatsch der heteronormativen Paarbeziehungen zu denken, sondern utopisch darüber hinauszugehen. Letztlich auch für Heteros. Im Roman versucht der Ich-Erzähler, seine Beziehung zu Joel nicht zu beschädigen, auch wenn es ihn zudem zu Yuri zieht.

Donat Blum, 1986 geboren in Schaffhausen in der Schweiz und inzwischen Halbzeit-Berliner, ist auf den ersten Blick ein ruhiger, höflicher junger Mann vom Typus „Schwiegereltern-Liebling“. Wäre er nur nicht so ein Sozial-Rebell. „Es gibt Leute, die werden wütend, wenn man sagt, man lebt in einer offenen Beziehung“, sagt er. „Die finden das total daneben. Weil das etwas berührt in ihnen, einen Grundwert, den sie nicht berührt haben wollen.“ Aber auch für Ängstliche hat Blum Trost auf Lager: „Polyamorie ist tatsächlich etwas sehr, sehr Konservatives“, sagt er dann.

Das wird auch in seinem Buch klar. „Es ist ein Nichtloslassenwollen: ‚Aber ich will mit dem auch zusammen sein!’ Das ist ein Festhalten an etwas. Ein Bewahren.“ Man hinterfrage auch viel mehr als in einer konventionellen Beziehung: „In einer monogamen Beziehung denkt man einfach: ‚Verbindlich ist, wenn ich mit keinem anderen schlafe.’“

Die Klammer des Buchs „Opoe“ sind eindeutig Beziehungen. Opoe, das ist Niederländisch und heißt Oma – und macht schon im Titel klar: Es geht hier nicht einfach um eine Frau, sondern darum, wie sich ein Enkel auf seine Großmutter bezieht. Wie er sie, ihre Art zu leben und zu lieben, zu sich in Beziehung setzt, seinem Gefordertsein darin, wie er andere Menschen bei sich halten kann, die er doch liebt. Wer das bieder als wohlfühligen Familienschmöker liest und das Queere ausblendet, hat etwas an diesem radikalen Roman-Debüt grundsätzlich übersehen oder missverstanden.
Dass Donat Blum im Eisenherz vorbeischaut, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass hier auch seine queere Literaturzeitschrift „Glitter“ vertrieben wird. Im Dezember kommt die zweite Ausgabe. Selbstironischer Untertitel: „Die Gala unter den Literaturzeitschriften“. Glitter. Gay. Literatur. Glamour. Klitoris. Antje Rávic Strubel und Lann Hornscheidt waren bei der ersten Ausgabe prominent mit Texten am Start. Das Zielpublikum: dezidiert auch Heteros: „Ja, das ist voll die Absicht davon!“ Horizonterweiterung. Donat Blum und Roland Müller-Flashar, beide sind sie Ritter im Kampf gegen Unsichtbarkeit und Ignoranz. Ritter ohne Eisen, aber mit viel Herz.

Opoe von Donat Blum, Ullstein, 176 S., 18 €

Eisenherz Motzstr. 23, Schöneberg, Mo–Sa, 10–20 Uhr

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