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Das Silent Green im Wedding

Das Silent Green im Wedding

Neue Ideen für alte ­?Gemäuer: Bettina Ellerkamp, ?Jörg Heitmann, Anne Drees und ?Nadine Voss (v.l.n.r.) von der ­?Silent Green Kulturquartier GmbH ?im Wedding

Eigentlich suchte der Berliner Filmemacher Jörg Heitmann nur eine Finanzierung für ein neues Projekt. Zusammen mit seiner Partnerin Bettina Ellerkamp wollte er den Roman „Wir werden alle Fiesen killen“ von Boris Vian verfilmen. Die Filmförderungsanstalten waren nicht überzeugt und gewährten ihnen keine Mittel.
Also kaufte Heitmann 2004 in Rothenstein bei Jena einen Berg, der den Sowjets im Kalten Krieg als Waffenlager gedient hatte. Er plante, den Berg für viel Geld an die Telekom-Tochter T-Systems weiterzuverkaufen und mit dem Erlös seinen Film zu finanzieren. Die IT-Firma wollte im Berg ein Rechenzentrum unterbringen. Zur Vertragsunterzeichnung kam es aber dann doch nicht. Der Geschäftsführer fiel beim Joggen tot um, sein Nachfolger lehnte das Vorhaben ab.
Durch den Kauf des Berges hatte sich Heitmann stark verschuldet. Um den Verlust auszugleichen, verdingte er sich als „Immobilienprostituierte“ wie er es nennt. „Auch wenn ich vorher nie einen Bebauungsplan in der Hand gehabt hatte.“ Heitmann entwickelte Wohnungen und Supermärkte, jedoch immer „mit einem moralischen Kodex – Zwangsräumungen lehnte ich ab“.
Nach acht Jahren hatte er genug verdient, um sich wieder dem Filmemachen widmen zu können. Just in dem Moment, als er aus der Baubranche aussteigen wollte, erreichte ihn die Nachricht, dass für ein still gelegtes Krematorium im Wedding ein Käufer gesucht werde. Heitmann zögerte nicht lange. Er sagt: „Ich wollte Freiräume schaffen im Kulturbereich, wie es sie in den Neunzigern gab.“ Und damit kennt Heitmann sich bestens aus.
Das Krematorium in der Gerichtstraße, 1911 errichtet, war das erste seiner Art in Berlin. Verbrannt wurden dort ungefähr eine Million Menschen, darunter die Leiche Graf von Stauffenbergs, die Himmler aus seinem Grab hatte ausbuddeln lassen – die Verbrennung sollte seine Auferstehung verhindern.
Nach der Vertragsunterzeichnung 2012 begannen mehrjährige Umbauarbeiten. Im vergangenen Sommer wurde das Kulturquartier Silent Green offiziell eröffnet, auch wenn dort in den Jahren zuvor bereits Veranstaltungen stattfanden. 2013 liefen Filme der Berlinale-Reihe „Forum Expanded“ im Silent Green, für 2017 ist eine Fortsetzung geplant.
Im August lud das Arsenal-Filminstitut die Teilnehmer einer Summer School zum Filmegucken in der ehemaligen Trauerhalle ein. Anfang Dezember haben dort drei Musiker teils unveröffentlichtes Filmmaterial von Christoph Schlingensief vertont. „Gerade für Unplugged-Konzerte ist der 17 Meter hohe Raum optimal geeignet“, sagt Heitmann.
Teile des Silent Green haben Heitmann und seine Partnerin Ellerkamp vermietet. Unter den Mietern sind eine Plattenfirma, Filmemacher, Musiker, Graphiker sowie das Harun-Farocki-Institut und das Arsenal Filminstitut, das dort sein rund 10.000 Filme umfassendes Archiv untergebracht hat.
Im Januar folgt der Kunstverein Savvy Contemporary. Heitmann freut sich: „Dass die ausgerechnet von Neukölln zu uns in den Wedding ziehen, ist schon bezeichnend.“ Der Leiter Bonaventure Soh Bejeng Ndikung gehört zum Kuratoren-Team der nächsten Documenta, die im Sommer 2017 in Athen und Kassel stattfinden wird.
Bereits in der Nachwendezeit hatten Heitmann und Ellerkamp Kulturevents organisiert. Mit Freunden betrieben sie den Kunstverein Botschaft e.V. im WMF-Haus und den Friseur-Club in der Kronenstraße 3. „Ausstellungen und Party gingen damals noch nahtlos ineinander über,“ sagt Heitmann. „Um die Finanzen mussten wir uns keine Sorgen machen, wir hatten mehrere ABM-Stellen bewilligt bekommen. Das waren einfachere Zeiten!“
Mit dem Verein „Botschaft e.V.“ hat die Gruppe Konzeptkunst gemacht. Eine Einladung zur Documenta schlug sie aus. „Uns war das zu karrieristisch. Im Nachhinein klingt das natürlich verrückt.“ Eine Spur von Melancholie ist Heitmanns Stimme anzuhören, wenn er über das Berlin der Nachwendezeit spricht. Er ist jedoch zu sehr Realist, um im Silent Green ein Revival zu planen. „Allerdings wollen wir, genau wie damals, wieder interdisziplinär arbeiten.“
Gerade arbeiten Heitmann und Ellerkamp wieder an einem Film. Erzählen wollen sie die Geschichte des Bergs und die mit der Käufersuche verbundenen skurrilen Begegnungen, etwa mit einem US-Unternehmer, der im Berg „Luxuswohnungen für den Katastrophenfall“ anbieten will. Heitmann: „Das ist letztlich viel spannender als der ursprünglich geplante Boris-Vian-Film.“

Text: Lea Wagner

Foto: David von Becker

Silent Green ?Kulturquartier Gerichtstraße 35, Wedding, ?www.silent-green.net

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