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Der Autodidakt Jochen Freydank hat den Oscar gewonnen

Jochen Freydank by Harry Schnitger/tipEine große Party hatte Jochen Freydank nicht vorbereitet. Doch dann gab es doch den ersehnten Grund zum Feiern. Auf der Web­site der Academy of Motion Picture Arts and Sciences verfolgte er live die Pressekonferenz, auf der bekannt gegeben wurde, worauf der Berliner Filmemacher so stark gehofft hatte: Er erhielt für seinen Kurzfilm „Spielzeugland“, eine bildstarke Parabel über das Wegschauen in Deutschland zur NS-Zeit, eine Oscar-Nominierung. Dieser Höhepunkt in Freydanks Karriere mischt so nicht nur Euphorie und die mit dem Hollywoodgoldmännchen verbundenen Hoffnungen. „Es ist auch schon eine gewisse Genugtuung“, sagt der Regisseur. Fünf, sechs Mal hatte er sich über die Jahre hinweg schließlich hartnä­ckig bei unterschiedlichen Filmhochschulen beworben und wurde immer wieder abgelehnt.

Enttäuschung ist aber nicht mehr dabei, wenn der mittlerweile 40-Jährige an die Zeit zurück­denkt. Dafür ist es auch schon zu lange her, denn die erste Bewerbung liegt mittlerweile fast zwei Jahrzehnte zurück. „Ich bin in den Jahren aber nicht nur Taxi gefahren“, sagt Freydank. Stattdessen hat er sich als Autodidakt seinen eigenen Weg ins Filmgeschäft gesucht: Er begann mit einem Regievolontariat kurz vor der Wende im DDR-Fernsehen und schnitt danach als Cutter mit 22 schon Fernsehserien. Später war er dann wiederholt Regieassistent und Drehbuchautor (u.a. für „Polizeiruf“) und arbeitet derzeit auch als Produzent. Trotz all dieser Jobs kam er dennoch dazu, als Regisseur nicht nur einige Werbespots, sondern auch seine Kurzfilme wie zuletzt „Spielzeugland“ zu drehen und zwei Stoffe für Langfilme zu entwickeln: eine Komödie und einen Thriller. „Mein Antrieb kam immer aus dem Bedürfnis heraus, Geschichten zu erzählen“, erklärt er. Als düster beschreibt er seine eigenen Filme und als nicht ganz so geschwätzig, wie deutsche Filme oft sind. Schließlich will er über starke Bilder und nicht über ausufernde Dialoge erzählen. Seine Vorbilder sind Regisseure wie Terry Gilliam, Werner Herzog und David Fincher.

Dass er jetzt die Oscar-Nominierung für „Spielzeugland“ bekam, liegt daran, dass er bei einem der dafür wichtigen Festivals gewonnen hat. Denn: Es gibt eine Liste mit rund 40 Filmfestivals, auf denen man einen Preis bekommen muss, um seinen Film einreichen zu dürfen. „Publikums­preis in Tokio? Hätte nicht gereicht. Publikumspreis in Palm Springs? Hätte auch nicht gereicht“, sagt Freydank. „Den Ausschlag hat dann aber das alt­ehrwürdige Festival auf den Bermudas gegeben.“ Da war es der Hauptjurypreis, der es dem Regisseur letztlich ermöglichte, bei der Academy seinen Film einzureichen.
So hat sich über die Jahre ein Kreuz-und-Quer-Lebenslauf entwickelt. Es gab auch für Freydank immer wieder Rückschläge, und die Eltern hätten ihren Sohn auch gern in einem „solideren“ Beruf gesehen. Doch jetzt, wo sie im Fernsehen regelmäßig seinen Namen sehen können, sind sie schon deutlich beruhigter. Um im Filmgeschäft voranzukommen, sind nach Freydanks Erfahrung einige Faktoren entscheidend: „Vor allem sind das Kontakte, Hartnäckigkeit, Ausdauer und Talent“, sagt der Regisseur. „Mindestens zwei Sachen davon sollte man haben, drei Sachen sind ideal.“ Auch wenn ihn im Business nie jemand nach einer Ausbildung an der Filmhochschule gefragt hat, wäre die dennoch durchaus hilfreich gewesen: „Ich hätte wichtige Kontakte knüpfen können und um das Equipment für ,Spielzeugland‘ beispielsweise nicht so lange betteln müssen.“ Mit einem Oscar könnten solche Umwege künftig der Vergangenheit angehören.

Text: Sascha Rettig

www.oscars.org/

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