• Kultur
  • Der Bio-Bauer muss eine echte Marke sein

Kultur

Der Bio-Bauer muss eine echte Marke sein

schulz_2Es ist eine Geschichte aus einer anderen Zeit. Ein junger Mann, der auf einem Sportplatz in Bad Belzig einen Stab herumliegen sieht, irgendwann in den späten Siebzigern. Wobei er den dazugehörigen Hochsprung bis dato allenfalls aus dem Fernsehen kennt. Dennoch nimmt er Anlauf, packt die gerade aufgelegte Höhe von 3,20 Meter im wortwörtlich ersten Versuch und findet sich ein paar Monate später im Sichtungskader für die Olympischen Spiele von Moskau wieder. Ein Zehnkämpfer soll aus dem offensichtlichen Naturtalent werden, Medaillen für die Republik.

„So Sachen mit Bewegungen, das liegt mir einfach. Ich bin ja auch ein guter Tänzer. Cha-Cha-Cha oder Squaredance, ich schau mir das kurz an und mach einfach mit.“ Zu den Spielen von Moskau hat es Bernd Schulz, Bauernsohn, Abiturient und Brandenburger Dickschädel, dann doch nicht geschafft. Aber dennoch braucht es vielleicht gerade diese Geschichte, um den Mann mit dem Hut, dem karierten Wams über der Leibesfülle und dem stilbildenden Schnauzer zu verstehen. Um sich nicht täuschen zu lassen,  von dem kauzigen Typen mit den putzigen Schweinen. Von einem, den man allzu schnell als „Original“ abtun würde. Was nicht einmal annähernd beschreiben würde, wie originell dieser Bernd Schulz eigentlich ist.

Übrigens: Auch bis nach Russland hat er es im Laufe dieser, seiner Geschichte noch geschafft. Aber dazu später mehr. Gömnigk. 250 Einwohner. Wikipedia weiß, dass es hier einmal im Jahr ein Bettgestellrennen gibt. Und eine Bundesstraße, an deren Bordsteinkante, auch das steht bei Wikipedia, „märkische Mittelflurhäuser“ stehen. Ein Straßendorf, hier geht es nach Bee­litz, da nach Bad Belzig. Hinter dem Ort geht es durch den Wald und dann links ab. Auf einer Wiese stehen zwei Überseecontainer und ein Wohnwagen aus ehemaligem Armeebestand. Wo bitte geht’s hier zum Idyll vom denkmalgerecht sanierten Biobauernhof mit der Lehmputzfassade und den Butterblumen vor den Sprossenfenstern? Aber idyllisch, das merkt man schnell, haben es hier vor allem die Schweine. Bernd Schulz ist mit dem Land Rover gekommen, einem mit Rostschutzfarbe maskierten Arbeitstier von einem Auto.

Schwein gehabt

Es gab schon eine erste Biobauernkarriere im Leben des Bernd Schulz. Damals nach der Jahrtausendwende, als immer mehr Betriebe  vor allem im von eher kleinen Betriebsgrößen geprägten Süden Deutschlands von der konventionellen auf die biologische Landwirtschaft umsatteln sollten. Bauer Bernd Schulz lieferte die Zuchtferkel. Das Geschäft lief gut. Und die Entwicklung in die richtige Richtung.

Dann stiegen die Discounter und mit ihnen immer größere Fleischverarbeitungsbetriebe in das Geschäft mit dem Biofleisch ein. Die Preise fielen so schnell, wie die vermarkteten Stückzahlen wuchsen. Die Agrarrevolution fraß ihre Kinder, noch bevor sie so richtig losgegangen war. Ökonomisch, ökologisch, ethisch“, erinnert sich Bernd Schulz, „machte das Weiterwirtschaften so keinen allzu großen Sinn mehr.“ Also setzte sich Bernd Schulz vor fünf Jahren in seinen Land Rover und fuhr bis nach Russland. Auf Vermittlung der Herrmannsdorfer Landwerkstätten, der bundesweiten Institution im Biolandbau, war er an einen Oligarchen geraten, der Gefallen an den Schweinen und ihrer möglichst artgerechten Aufzucht gefunden hatte. Ein Biohof im russischen Nirgendwo.

Weiterlesen: Ich hab noch einen Koffer in Brandenburg … oder sogar einen ganzen Hausstand. Eine Geschichte von Datschen, Bauern- und Gutshäusern. Und von Berlinern, die zu leidenschaftlichen Teilzeit-Brandenburgern geworden sind

Hier muss man sich an einen zupackenden jungen Mann erinnern, der einfach so zum Stabhochspringer geworden war, den jungen Mann, der sich vor dem Studium der Agrarwissenschaften erst mal ein Jahr in der Produktion bewähren musste, weil er dem Musterungsoffizier einen Tisch vor die Füße geknallt hatte – dieser Bernd Schulz jedenfalls stand plötzlich knietief in seinem russischen Abenteuer. Seine zweite Frau, Gudrun, hat der 57-Jährige am Baikalsee kennengelernt.

Die Rampensau

Zurück in Gömnigk machte er sich erst einmal Gedanken. Über die Zukunft des Bernd Schulz im Speziellen und die Zukunft der Landwirtschaft im Allgemeinen. „Meine ganz grundlegende Erkenntnis: Du musst als Landwirt ganz massiv in die Selbstvermarktung gehen. Sobald man sich den Regeln der industriellen Vermarktung aussetzt, schwinden die Gewinne. Um dann noch rentabel wirtschaften zu können, braucht es Betriebsgrößen, die nicht mehr gesund sind.“

schulz

Klarer Kopf: Auch wenn ihn die Umwege mitunter bis nach Russland führen, weiß Bernd Schulz, wo es hingehen soll – mit ihm und der Agrarkultur.

So also wurde Bernd Schulz zur Marke. Zur Rampensau. Und er weiß selbst am besten, dass der Schnauzer, der Hut und seine direkte, manchmal allzu direkte Art auch seine Corporate Identity sind. Das Mittelflurhaus im Straßendorf Gömnigk hat er zur Backschwein-Tenne ausgebaut, mit Hofladen, einem aus russischen Schamottsteinen gemauerten Backschwein-Ofen und einem Biertresen aus Honeckers Jagdschloss am Hubertusstock. Alleine am Osterwochenende liefert er sieben Backschweine in die nähere und weitere Umgebung: „Der, der am besten bezahlt, bekommt auch den Bauern Schulz dazu.“

Weiterlesen: Das Landgut Borsig in Nauen galt schon wegen seiner schieren Größe als kaum sanierbar. Michael Stober hat das Abenteuer gewagt – und einen Ort geschaffen, an dem man nicht nur sehr gut essen kann.

In Berlin gibt es die ganze Portion Schulz  jeden zweiten Donnerstag beim Street Food Thursday in der Kreuzberger Markthalle Neun. – den Bauern samt seines über acht Stunden gebackenen Backschweins mit Karotten, Sauerkraut und Bauernbrot. Zudem stammt auch die „Wurst mit Gesicht“ – jedem verarbeiteten Produkt, einer Bockwurst etwa, liegt ein Aufkleber des jeweiligen Schweins bei – von den Gömnigker Freilandschweinen.

Die Schweinehälften

Eigentlich aber haben Bernd Schulz und Florian Niedermeier von der Markthalle Neun noch ganz andere Pläne. Schweinehälften sollen geteilt und das Fleischerhandwerk soll wieder erfahrbar gemacht werden. Bernd Schulz hat sich bereits vor Ort mit einem Amtsveterinär getroffen. Das Fleischerhandwerk war einmal das Herzstück jeder Markthalle. Diese Kultur soll wieder zurückgebracht werden. Und mit ihr jener unmittelbare und, ja, authentische Umgang mit unseren Lebensmitteln.

Und dann spricht Bernd Schulz davon, dass es diese und nur diese Art der Betriebsführung etwa auch ermöglichen würde, Menschen mit Behinderung oder auch einfach nur einem weniger zupackenden Zugang an das eigene Leben in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. „Zurück zu den Wurzeln“ soll seine Reise gehen, „wir sollten uns alle daran erinnern, was Landwirtschaft eigentlich ist.“

Text: Claus Niedenthal

Fotos: Kai von Kotze

Backschwein-Tenne Gömnigk Dorfstraße 10, 14822 Gömnigk, Backschwein-Tenne: jeden dritten Donnerstag im Monat; Hofladen: Fr 14–18 Uhr, Sa 10–16 Uhr, im Sommer Zusatztermine unter www.backschwein-tenne.de, www.meinekleinefarm.org
 

Mehr über Cookies erfahren