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Der Crowdfunding-Boom in Berlin

Der Crowdfunding-Boom in Berlin

Crowdfunding zum ­Andenken an Käptn ­Suurbier: Vereinskollektiv bei der Besprechung der nächsten Kampagnenschritte

Diese Begeisterung, dieser Elan, dieses Feuer. Wenn man dem Designer David Streit zuhört, wie er über sein Projekt Shelfd erzählt, möchte man sofort ein paar Euro lockermachen. „Es ist meine Idee, mein Herzensprojekt! Mein Traum!“ Ein Traum, für den er Mitte nächsten Jahres eine einstellige Millionensumme braucht. Jede Menge Geld. Enthusiasmus ist beim Crowdfunding schon mal eine ziemlich gute Voraussetzung. Streit ist ein 26-jähriger Designer mit schmalem Jungengesicht, der bei Beelitz aufgewachsen ist und in Berlin wohnt. Seine Design-Masterarbeit an der Fachhochschule Potsdam hieß: „Der smarte Mensch — Design(t) für den digitalen Wandel“. Daraus wurde Shelfd: ein intelligentes Display, das der digitalen Mediensammlung wieder seinen Platz im Wohnzimmer zurückgibt. Regal 2.0.
Jetzt arbeitet Streit, gefördert mit einem Stipendium vom Medieninnovationszentrum Potsdam, am Prototoypen. Und am nächsten Schritt: einer Crowdfunding-Kampagne im Juli 2015. Um im Netz ganz viele Geldgeber zu finden, die ihm sein Regal mit kleinen Beiträgen finanzieren. Seinen Traum. Es würde dann auf einen Millionenbetrag hinauslaufen. „Das ist total verrückt“, sagt Streit. „Ich habe mir das ja ausgedacht. Aber plötzlich sind das echte Zahlen. Nicht vier-, nicht sechs-, sondern siebenstellige!“
Crowdfunding hat viel mit Träumen zu tun. Es macht sie sogar wahr, manchmal. Träume von denjenigen, die Projekte starten. Aber auch von solchen, die sie unterstützen. Vielleicht nur aus Freundschaft, aus Sympathie. Vielleicht aber auch, um dabei zu sein, wenn etwas entsteht, das Dinge besser macht. Womöglich nur das eigene Wohnzimmer. Vielleicht aber auch ein kleines bisschen ein Stück Welt.
Besonders oft macht Crowdfunding in Berlin Träume wahr. Der Hauptstadt des Crowdfundings, jedenfalls hierzulande. Bei der derzeit führenden deutschsprachigen Crowdfunding-Plattform Startnext haben sie sich gerade die Daten vom Start der ersten Projekte im Oktober 2010 bis heute näher angesehen. Danach liegt Berlin mit 859 Projekten weit vorn, Hamburg kommt als Zweiter nicht mal auf die Hälfte.
Und die Zahlen für das eingesammelte Crowdfunding-Kapital in Deutschland steigen. Von einer halben Million Euro 2011 über 5,4 Millionen Euro 2013. In den ersten neun Monaten 2014 waren es danach 6,3 Millionen Euro – laut Branchendienst Für-Gründer.de, der aber nicht alle Plattformen betrachtet. Andere Zahlen gehen von 20 Millionen Euro für 2014 aus. Alles etwas unübersichtlich.
Das sind aber nur Erdnüsse im Vergleich zu den globalen Marktführern Kickstarter und Indiegogo. Kickstarter berichtete im März, dass sie seit ihrer Gründung 2008 eine Milliarde Dollar weltweit eingesammelt hätten. Bei Indiegogo heißt es nach einer noch unveröffentlichten Umfrage des Berliner Instituts für Kommunikation in sozialen Medien (Ikosom), in den vergangenen 24 Monaten seien allein bei mehreren Hundert Berliner Projekten 1,9 Millionen Euro zusammengekommen. Seit Mitte 2014 hat Indiegogo zwei deutsche Büros, in Berlin und München. Kickstarter, orakeln Experten, könnte bald folgen.
„Klar ist, dass die internationalen Plattformen nach Berlin kommen, weil Berlin als Technologie- und Start-up-Standort bekannt ist und eine ausgeprägte Kreativwirtschaft hat“, sagt der Social-Media-Berater Karsten Wenzlaff von Ikosom.
Für die Start-ups beispielsweise vergibt die bei der Senatswirtschaftsverwaltung angedockte Initiative Projekt Zukunft, die auch das Übersichtsportal Crowdfunding-berlin.com mitbetreibt, am 21. November erstmals den mit 10?000 Euro dotierten Berliner Crowdfunding-Preis. Seit Anfang November konnte im Netz über 20 Berliner Projekte abgestimmt werden. Von der Crowd.
„In Berlin hat sich ein regelrechtes Crowdfunding-Ökosystem entwickelt“, sagt Berater Wenzlaff, der Gesamtkoordinator beim Deutschen Crowdfunding Netzwerk ist. „Das Spannende ist, dass es hier viele Plattformen, viele Berater, viele Wissenschaftler, viele Fortbildungskurse und viel Unterstützung durch die öffentlichen Institutionen gibt.“
David Heberling ist einer aus diesem Ökosystem. Im Herbst 2010 hatten sein Studienkumpel David Holetzeck und er mit Pling eines der ersten Crowdfunding-Portale für kreative Projekte in Deutschland gegründet, ungefähr zeitgleich mit neuen Plattformen wie Inkubato, Startnext oder Visionbakery. Bei Gründerseminaren, die er an der Viadrina-Universität in Frankfurt/Oder hielt, fragte Heberling damals gern: „Wer kennt Crowdfunding?“ Von 100 Studenten hoben zwei die Hand, 98 nicht. Die meisten hatten keinen Schimmer. Die Frage stelle er jetzt in den Seminaren auch, sagt Heberling, der mit Holetzeck – Pling haben sie 2012 verkauft – in der Firma Table of Visions Crowdfuning-Softwarelösungen entwickelt: „Jetzt aber ist das Verhältnis der Hände umgekehrt.“
Meist arbeitet Crowdfunding nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip: Jemand startet ein Projekt, sucht dafür im Netz Unterstützer, die für ihr kleines Geld keine Rendite bekommen (anders als beim Crowdinvesting, das auf Investitionen vor allem in Start-ups abzielt), aber Dankeschöns, je nach Beitrag gestaffelt: die finanzierte CD, eine Bonus-DVD. Oder auch ein Essen mit dem Hauptdarsteller, eine Rolle im Hörspiel. Bis die Zielsumme nicht erreicht ist, fließt kein Geld. Eben alles oder nichts.
Dabei ist Crowdfunding gerade in der Kreativstadt Berlin für viele eine Zwischenstation Sehnsucht: für unabhängige Filmemacher, an der Prekariatsgrenze balancierende bildene Künstler, Minibühnenenthusiasten, abseitige Tanztheatermacher oder unentwegte Kleinverleger, die abseits der oft enervierend bürokratischen Fördereinrichtungen wie Lotto-Stiftung oder Hauptstadtkulturfonds neue Geldquellen auftun müssen – oder ihr nächstes Projekt in den Wind schreiben können.
Wichtig dabei: eine begeisternde Idee, ein authentisches Video, ein gutes Storytelling. „Die USPs (Alleinstellungsmerkmale, Anm. d. Red.) muss man so herausarbeiten, dass auch Laien sie verstehen“, sagt der Berliner Start-up-Berater Thomas Andersen. Er hat im Oktober die Expertenvermittlung Crowdmate.de gegründet, die kürzlich bei der Gründerwoche (nach Redaktionsschluss) ein Live-Crowdfunding im Weddinger Konferenz- und Workshopzentrum Supermarkt veranstalte. „Es gilt das KISS-Prinzip: Keep it simple, stupid!“ Bis zu einer Summe von 250 Euro sei jedes Crowdfunding eine „emotionale Investition“: Man muss die Typen mögen, die das Projekt aufziehen. Schließlich ist Crowdfunding nicht nur zur Vorfinanzierung da. Sondern auch als Marketing-Instrument.
Mitte der Nullerjahre starteten die ersten Crowdfunding-Portale: anfangs als alternatives Finanzierungsmodell für Musiker und Bands. Seiten wie Sellaband. Die Berliner Avantgarde-Krach-Pioniere Einstürzende Neubauten sprachen in Deutschland sogar schon 2002 über ihre Homepage ihre Fangemeinschaft direkt an, für ihre nächste CD als „Supporter“ 35 Dollar vorab zu berappen.
Seither schreibt Crowdfinanzierung mit seiner Mischung aus Grassroots-Ökonomie und Mikro-Mäzenatentum, die sich so prima in den sozialen Netzwerken macht, beständig neue, gelegentlich überaus irre Geschichten.
Es sind Geschichten wie die von der einstigen Dresden-Dolls-Sängerin Amanda Palmer, die über Crowdfunding 1,2 Millionen Dollar für Platte und Tour einsammelte. Oder über das Berliner Start-up Panono, das mit einer Panorama-Wurfkamera Anfang des Jahres mit einem Erfolg von 1,25 Millionen Dollar Furore machte (siehe linke Seite). Oder auch die Krautreporter, die im Juni mit einem furiosen Endspurt (und dank der Rudolf Augstein Stiftung) ihre Crowdfunding-Ambitionen von 900?000 Euro verwirklichten.
Den Vogel aber schoss der Amerikaner Zack „Danger“ Brown ab. Er wollte von der Crowd zehn Dollar für die Zubereitung eines Kartoffelsalats. Und der virale Irrsinn ging los. 7?000 Unterstützer gaben 55?000 Dollar. Da hatte Danger Brown dann den Salat.

Wie sehr sich die Branche zunehmend ausdifferenziert, sieht man auch an der Vielfalt der Plattformen. 70 gibt es allein in Deutschland. Viele davon mit Sitz in Berlin.

Live-Konzerte: Stagelink. Derzeit sind 40 Künstler aus Berlin angemeldet, deren Fans ihnen online ihre Wunsch-Städte für Konzerte übermitteln, und was sie für eine Karte bereit sind zu zahlen. Ebenfalls aus Berlin kommt Gigflip mit ähnlichem Ansatz.

Designer-Marktplatz: Newniq. Designer stellen Mode, Accessoires oder Möbel vor. Realisiert wird des Produkt aber erst, wenn die Designer dafür genügend Käufer finden.

Alternative Filmfinanzierung: das Beteiligungsportal Cinedime. Erstes Projekt ist ein Jugendthriller namens „Lena Love“.

Nachhaltigkeit: zum Beispiel Bettervest. Dort können die Bürger Energieeffizienz-Projekte von Unternehmen, Vereinen und Kommunen mitfinanzieren und werden dafür an den Einsparungen finanziell beteiligt. Oder auch crowdEner.gy,  die Crowdfunding-Plattform des Euref-Campus im Schöneberger Gasometer für Erneuerbare-Energie-Projekte.

Spenden:
Betterplace. Bereits 2007 gegründet, versammelt Deutschlands größte Online-Spendenplattform mehr als 11?000 Projekte in 172 Ländern. „Unser Prinzip ist: Gebt Projekten eine Plattform und Werkzeuge, damit sie Sichtbarkeit bekommen“, sagt Björn Lampe, Leiter Projekte und Organisationen. Anders als beim Crowdfunding sind bei Betterplace.org die Projekte nicht unbedingt zeitlich befristet. „Die Berliner Kältehilfe für Obdachlose braucht zum Beispiel jeden Monat Geld.“ Seit der Gründung reichte Betterplace.org global 18 Millionen Euro weiter. Wobei sich Björn Lampe selbst gelegentlich wundert, wofür die Berliner so alles spenden. „Zum Beispiel für Kastrierung von Straßenhunden auf Kreta“, sagt er. „Da denkt man schon: Wow, warum ist jemand in Berlin motiviert, dafür zu spenden? Aber auch toll, dass die Plattform das ermöglicht.“

Selbstverleger und freie Verlage: Das ist die Zielgruppe von Crowdfans, das im Februar dieses Jahres startete und bislang vier Projekte erfolgreich finanzierte, darunter zwei Hörbücher. „Crowfunding ist Kommunikation“, sagt Crowdfans-Gründerin Ines Ziminski. „Ich kann mit meinen zukünftigen Lesern, meinen zukünfigen Kunden kommunizieren, sie an mein Produkt, mein Projekt binden.“
Wenn denn der Draht stimmt. Und das Netzwerk funktioniert. Wenn überhaupt eines da ist. Ansonsten kann es auch so laufen wie beim Fest Sax200 zum 200. Geburtstag von Adolphe Sax, der, genau: das Saxofon erfand. Für das Fest waren 7?500 Euro von der Crowd avisiert. Das Resultat: 160 Euro. Das war bestürzend. Immerhin ein Fest an der Gedächtniskirche. Ein Berliner Wahrzeichen.
Ines Ziminskis Begeisterung für das Crowdfunding tangiert derlei Ungemach aber nicht. „Leidenschaft wird wieder belohnt“, sagt sie, sie ruft es geradezu ins Telefon. „Egal, was du für ein Projekt hast: Du kannst wieder Träume und Visionen groß machen.“ Sie überlegt kurz. „Wenn ich etwas wirklich, wirklich, wirklich will, kann ich Berge versetzen.“

Das Startnext-Lab liegt im Erdgeschoss eines dieser Kreuzberger Höfe aus rotem Ziegelstein, die noch die industrielle Vergangenheit Berlins atmen. In der Mitte steht ein Flip­chart, an spartanisch weißen Wänden liegen auf einem Regalbrett Zeitschriften aus, die über Crowdfunding finanziert wurden. Dort sitzt an einem Freitag Anna Theil, eine der drei Geschäftsführer, an einem Tisch und sagt: „Crowdfunding ist für mich nichts anderes als neues bürgerschaftliches Engagement.“ Es ist der Tisch, an dem sich an jeden Montagnachmittag fünf bis zehn Interessenten zur Crowdfunding-Sprechstunde einfinden. Vor allem Studenten und Absolventen, sagt Anna Theil. Aber es kämen auch Leute jenseits der 50. „Oft Kulturschaffende, die neue Wege suchen.“
Mit einem Marktanteil von 80 Prozent bei finanzierten Projekten in Deutschland Marktführer, stellen bei Startnext vor allem Akteure der Kulturwirtschaft ihre Projekte ein. In der vergangenen Woche hat Startnext gerade die 15-Millionen-Euro-Schwelle bei von der Crowd finanzierten erfolgreichen Projekten überschritten. Die Erfolgsquote aller Projekte: 60 Prozent. Kürzlich finanzierte beispielsweise die Fotogalerie C/O Berlin über Startnext ihren Neustart im Amerika-Haus, die Kampagne „Turn Us On“ für den Innenausbau ist mit knapp 123?000 Euro laut Startnext das bislang erfolgreichste Crowdfunding-Projekt einer deutschen Kulturinstitution überhaupt.
Überhaupt scheint es, als würde Crowdfunding als Möglichkeit auch dort ankommen, wo man es bisher eher nicht vermutete. So ist am 20. Oktober mit Evangelisch-bildungsstark.de die erste christliche Crowdfunding-Plattform online gegangen, betrieben von der Evangelische Schulstiftung und der Bildungsabteilung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.
Auch die Staatlichen Museen zu Berlin nehmen testweise Kontakt mit der Crowd auf. Bis zum 1. Dezember läuft, ebenfalls bei Startnext, ihre erste Crowdfunding-Aktion. Die Museum&Location Veranstaltungs­gesellschaft versucht, 5?500 Euro für den Kauf der Jonathan-Monk-Skulptur „Paul together alone with each other (Sgt. Pepper)“ zusammenzubringen: „All we need is Paul.“
„Wir wollen neue Wege für die Unterstützung der Staatlichen Museen gehen“, sagt Katrin Hansch, Chefin der Veranstaltungs­agentur. Anderswo ist man da freilich schon weiter. Das Pariser Louvre hat, wie Art.net kürzlich schrieb, seit 2010 via Crowdfunding rund vier Millionen Dollar eingenommen.
Für Paul waren bei Redaktionsschluss immerhin gut 3?000 Euro zusammengekommen. Den „exklusiven Champagnerempfang mit Führung im Hamburger Bahnhof“, ab 2?500 Euro zu haben, wollte bislang keiner. Schampus ging auch schon mal besser weg.
Doch die Frage steht im Raum: Kann das Geld vom Schwarm angesichts klammer öffentlicher Kassen eines Tages vielleicht doch die Kulturfinanzierung retten? Vor vier Wochen traf sich der Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner im Podewil mit Vertretern von Crowdfunding-Plattformen, um erstmals über ein mögliches Zusammenspiel zu diskutieren. Der ehemalige Musikmanager Renner hat selbst zwei Crowdfunding-Projekte begleitet.
Anna Theil von Startnext glaubt nicht, „dass Crowdfunding irgendwas ersetzen soll, was in der öffentlichen Kulturförderung passiert“. Aber Kombinationen sei denkbar. Man könnte sich vorstellen, dass eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne eine Förderzusage erleichtern könnte: weil die Nachfrage nach dem Projekt dann nachgewiesen sei. Karsten Wenzlaff von Ikosom verweist auf die schwedische Plattform Crowdculture: „Dort verteilt die Crowd nicht nur ihr eigenes Geld, sondern entscheidet auch, wie die Mittel der Kulturförderung verteilt werden.
Vielleicht hat Crowdfunding aber noch einen Lern­effekt: die Umsonst­kultur des Netzes ein Stück weit zu korrigieren. Ein kühner Gedanke. Startnext-Chefin Anna Theil: „In einer Zeit, in der immer weniger Leute für Kultur wie zum Beispiel Musik oder Journalismus zahlen müssen, geht es beim Crowdfunding darum, dass die Leute genau dafür zahlen wollen.“ Weil sie beim Crowdfunding sehen, was Kultur kostet. Weil sie quasi mit dabei sind, wenn diese entsteht. Und im besten Fall sogar: mit ganzem Herzen.

Text: Erik Heier 

Foto: David von Becker

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