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In „Der Fremde“ am Maxim Gorki Theater spielt Wolfram Koch den Mörder Meursault

Wolfram Koch in
tip Sie spielen in Sebastian Baumgartens Inszenierung von Albert Camus’ Roman „Der Fremde“ die Titelfigur, den Mörder Meursault. Was für eine Figur ist dieser Meursault?
Wolfram Koch Auf jeden Fall jemand, der sehr indifferent ist. Ihm wird immer vorgeworfen, dass er gefühllos sei, aber das ist er gar nicht. Wenn er gefragt wird: „Liebst du mich?“, sagt er nur: „Ich weiß nicht.“ Diese Form der Indifferenz macht die Figur so vertrackt. Bei der Beerdigung seiner Mutter kann er nicht weinen, er kann keine Trauer empfinden. Komischerweise gibt es nur einen Ausbruch, einen Moment, in dem dieser Mensch aus sich herausgeht. Das ist, als er vor seinem Tod mit einem Geistlichen über Religion redet: Er möchte überhaupt keinen Trost von der Kirche. Ganz am Ende sagt er zu dem Geistlichen: Nichts ist von Bedeutung. Das macht es so schwer, das auf die Bühne zu bringen: Ein Mensch, der sich und die anderen mit einer inneren Dis­tanz beobachtet. Vielleicht findet das alles ja auch nur in seinem Kopf, in seiner Erinnerung statt.
tip Wie kam es zur Entscheidung, ausgerechnet diesen Roman, geschrieben 1942, ein Schlüsselwerk des Existenzialismus, auf die Bühne zu bringen?
Koch Sebastian Baumgarten und ich wollten schon lange miteinander arbeiten. Sein Angebot, Meursault zu spielen, fand ich sofort interessant. Das Buch habe ich tatsächlich mit 16 oder so gelesen, und damals habe ich diesen Roman extrem gemocht, aber fragen Sie mich nicht, warum. „Warten auf Godot“ von Beckett und „Der Fremde“ von Camus, das waren die beiden Bücher, die mich mit 16 fasziniert haben (lacht).
tip Meursault ist ein Franzose im von Frankreich kolonialisierten Algerien, genau wie Camus, als er das Buch geschrieben hat. Interessiert Sie diese politische Dimension?
Koch Natürlich gehört Meursault als kleiner Angestellter zur privilegierten weißen, europäischen Schicht. Das Buch ist vor dem Hin­tergrund des Algerien-Krieges geschrieben, in dem sich Camus sehr für den antikolonialistischen Befreiungskampf der Algerier engagiert hat – aber gleichzeitig bleibt er selber seltsam indifferent. Weil uns das interessiert hat, haben wir Passagen aus Frantz Fanons antikolonialistischem Manifest „Die Verdammten dieser Erde“ in die Inszenierung eingebaut.

Interview: Peter Laudenbach

Termine: Der Fremde
im Maxim Gorki Theater, Sa 21.11., Di 1.12., 19.30 Uhr
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

 

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