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Der goldene Aluhut – Infoabend

Der goldene Aluhut - Infoabend

Hauptstädtisch
Berlin, die Stadt des anything goes, ist seit jeher ein Tummelplatz für Esoteriker und Erleuchtete. Darunter gibt es etliche harmlose Spezies – New-Age-Jünger zum Beispiel. Seit einiger Zeit ist die Hauptstadt allerdings zum Auslaufgebiet verschwörungstheoretischer Populisten geworden, die Ammenmärchen ideologisch aufladen. Zwei Ikonen dieser Bewegung: die neurechten Lautsprecher Ken Jebsen und Lars Mährholz. Zeitweise malten sie auf Friedensdemos das Gespenst einer politischen Fremdsteuerung durch eine amerikanisch-jüdische Finanzelite an die Wand. Ein anderer Untergangsprophet ist der ehemalige "Konkret"-Redakteur Jürgen Elsässer. Er verlegt das rechtspopulistische Magazin "Compact" und verbreitet auf Konferenzen in Berliner Etablissements die Legende einer islamischen Invasion im Zuge der Flüchtlingskrise – rhetorisches Rüstzeug für Pegida.

Männlich
Männer sind am empfänglichsten für Fantasien von Schatten­mächten, die heimlich Politik und Gesellschaft lenken. In dem Forum "weltverschwoerung.de" etwa, einem der bekanntesten deutschen Online-Foren, sind 70 Prozent der User männlich. Der Experte Michael Butter, Amerikanistik-Professor in Tübingen, ­sagte gegenüber n-tv, Verschwörungstheoretiker seien "tendenziell fast immer Männer". Er vermutet, dieser Befund habe "vielleicht auch etwas mit einer Krise von Männlichkeit und männlicher Identität zu tun".

Irrational
Krude Theorien entlarven: leichte Sache. Findet ein Physiker der Universität Oxford. Sein Trick: Er ermittelt die Zahl der Mitwisser einer Verschwörung. 411.000 errechnet er im Fall der "vorgetäuschten" Mondlandung – der Personalstamm der Nasa. In seinem Modell kommt er darauf, dass sich nach spätestens drei Jahren und acht Monaten jemand hätte verplappern müssen. Fragwürdig damit auch die Plausibilität von Chemtrails, jene von Flugzeugen versprühten Chemikalien. Früher oder später hätte ein Mitarbeiter der involvierten Geheimdienste und Fluggesellschaften zum Whistleblower werden müssen.

Klagefreudig
Es gibt Verschwörungstheoretiker, deren liebster Zeitvertreib juristische Scharmützel sind. Da wären zum Beispiel die Reichsbürger, die die Bundesrepublik als illegales Nachkriegskonstrukt betrachten. Um die Behörden zu sabotieren, fluten die Widerständler die Gerichte mit Klagen – allein fünf Prozent der 5.300 Verfahren am Finanzgericht Berlin-Brandenburg gehen auf sie zurück.  Vor allem Einsprüche gegen Steuerbescheide sind das Vehikel, um die Systemfeindschaft auszudrücken. Die Revisionisten pochen auf die Rekonstituierung des Deutschen Reichs in den Grenzen von 1937. Allein in Brandenburg soll es etwa 200 Reichsbürger geben.

Apokalyptisch
In Krisenzeiten sind Verschwörungstheorien besonders angesagt. Dolchstoßlegende und das Phantasma eines jüdischen Weltkomplotts waren Dauerbrenner in der Weimarer Republik. Die Haltlosen der Jetztzeit sehen die Welt aus den Fugen geraten angesichts von Flüchtlingstrecks und sozialen Unsicherheiten. Ihr Fetisch: Die Formel von "denen da oben, die unter einer Decke stecken". Und das Schwadronieren über die "Lügenpresse". Ein AfD-Politiker wie Björn Höcke, der im thüringischen Landtag sitzt, ist längst das parlamentarische Sprachrohr dieser Stammtisch-Revolte.

Text: Philipp Wurm

Foto: Giulia Silbereisen

Der Goldene AluHut Infotainment-Abend, u.a. ausgerichtet vom Kollektiv
Goldener Aluhut
Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Str. 141, Neukölln, Sa 9.4., 20
Uhr

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