Kultur

Der Himmel über Berlin

Der Himmel über Berlin?

Als ich klein war, sang uns der Vater zu Weihnachten immer ein Lied mit einem merkwürdigen Text vor. „Es hat sich heut eröffnet das himmlische Tor. Die Engelein, die kugalan ganz haufenweis’ hervor, die Bubalan, die Madalan, die machen Purzigagalan.“ Wir schunkelten dazu mit den Christbaumkugeln um die Wette. Weihnachten wurde in dieser Perspektive zu einer Turnstunde, statt frommer Andacht vor der Krippe dachte ich an Purzelbäume und dass es im Himmel ja ziemlich rund gehen muss.
Heute scheint mir, dass mit diesem österreichischen Volkslied bei mir auch die Religionskritik begann. Denn das Wort „Purzigagalan“ ist eigentlich fast schon Dada. Und das fromme Gefühl, das da zum Ausdruck kommt, ist sehr weltlich. Es geht in erster Linie darum, dass da ein paar Bauern darüber nachdenken, welche von ihren landwirtschaftlichen Produkten sie dem Christkind am ehesten zur Krippe bringen sollen: „Nussn oder Kas?“
Dass man auch den irdischen Dingen gegenüber eine gewisse Frömmigkeit aufbringen kann, das ist mir erst viel später klar geworden. Dazwischen lag ein Studium der Katholischen Theologie (abgeschlossen im Nebenfach), ein Austritt aus der Kirche (kurz und schmerzlos) und eine Übersiedlung von Wien nach Berlin, also aus einer Stadt, aus der einem auf Schritt und Tritt barocke Engerl begegnen, in eine Stadt, in der ganz andere Sendboten vom Himmel kommen, wie wir von Wim Wenders und Bruno Ganz wissen.
Berlin empfand ich von Beginn an als angenehm gottlos. Und wenn sich die Religion irgendwo bemerkbar machte, dann hatte sie eher den Beigeschmack des Zivilen. Das hat auch gute Gründe. Denn es gibt hier eine ehrwürdige Tradition der Vernunftreligion. Die viel gerühmte Berliner Klassik zu Beginn des 19. Jahrhunderts war auch eine, in der kluge Menschen mit den Mythen und Dogmen aufräumten. Zu den Predigten von Friedrich Schleiermacher zu gehen, das hatte damals etwas eindeutig Aufklärerisches, und in den Vorlesungen von Hegel löste sich Gott mehr oder weniger unversehens in Geist auf. Sprich: Am höchsten Wesen wurde erkennbar, dass es vor allem aus einem großen Wort bestand.

Lesen Sie unsere große Titelstory „Glauben ohne Gott“ weiter im aktuellen tip 26/14 auf den Seiten 24-33.

Mehr über Cookies erfahren