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Der Pianist Francesco Tristano im Gespräch

tristano_francescotip: Man kennt Sie vor allem von Club-Projekten, etwa mit Techno-Legende Carl Craig. Warum nun ein reines Piano-Album?
Franceso Tristano: Ich habe auch in der Zeit, als ich Platten im elektronischen Kontext aufgenommen habe, nie aufgehört, Soloklavier zu spielen. Nur ist meine letzte Veröffentlichung mit klassischer Musik etwas her. Die Leute aus dem Techno sehen mich immer als klassischen Musiker. Und wenn ich eine klassische Platte aufnehme, bin ich der Outsider aus der Techno-Ecke. Mich amüsiert es, dass ich offenbar nirgends zu Hause bin, immer auf der falschen Seite. Meine „bachCage“-CD prägt jetzt erst mal die Konzertseite. Aber ich arbeite weiter mit Carl Craig.

tip: Stoßen Sie mir Ihrem Offenheitsprinzip mitunter auf Barrieren?
Tristano: Ich kann niemanden zwingen, mein Konzept zu mögen. Man muss aber auch sehen, dass es die Vorstellung „klassische Musik zu spielen“, erst seit etwa 100 Jahren gibt. Die großen Pianisten des 19. Jahrhunderts haben nie alte Musik gespielt – nur Neues; das, was gerade „hot“ war. Liszt etwa hat natürlich erst mal viel Liszt gespielt, auch mal einen Schumann, einen Brahms. Die Identität des Interpreten, der die Musik von toten Komponisten spielt, ist ein Artefakt des 20. Jahrhunderts. Mich interessiert es, meine eigene Zeit zu leben. Nicht die Zeit einer Vergangenheit, bei der alle Komponisten schon tot sind und Musik als Museumsmusik zu betrachten ist, die auch so zu interpretieren ist.

tip: Sie verbinden auf Ihrer neuen CD Johann Sebastian Bach mit John Cage. Wenn Sie Bach treffen könnten, wie würden Sie ihm Cage erklären?
Tristano: Es wäre natürlich am besten, Cage könnte selbst mit Bach sprechen. Aber wenn er nicht eingeladen ist… Es gibt etwas, das beide Komponisten verbindet. Es ist die Art, eine Komposition regelrecht zu flechten, sodass die Elemente Harmonik, Kontrapunkt und Rhythmik sehr organisch ineinander übergehen. Bei Bach ist es zum Beispiel das Prinzip der unendlichen Melodie, bei Cage ist es oft ähnlich. Aber ehrlich gesagt, hätte ich mit Bach anderes zu besprechen. Ich würde auf jeden Fall eine Flasche Wein mitbringen. Wir würden vielleicht miteinander musizieren.

tip: Was fasziniert Sie an Bach?
Tristano: Seine Musik ist im Grunde einfach, in dem Sinn, dass sie durchsichtig ist. Eine Bach-Partitur ist filigran, keine Note ist zu viel. Sie ist wie eine Gebrauchsanweisung mit minimalistischen Aufzeichnungen: Titel, Affekt  („Allemande“) und Noten. Das genügt, um das Stück zu spielen. Man sollte natürlich wissen, was eine „Allemande“ ist: eine sehr rhythmische Musik, die zum Tanz auffordert. Das ist bei Bach natürlich stilisiert. Ob damals wirklich auf diese Musik getanzt wurde, bezweifle ich. Auf jeden Fall nicht, wenn sie auf dem Klavier gespielt wurde. Klaviermusik war für den Hausgebrauch, zum Chillen. Das ist natürlich ein anderes Bild als das von Bach als super-intellektuellem Komponisten.

tip: Von der Idee, zu Bachs Partituren zu chillen, ist es nicht so weit zum Club- und Lounge-Kontext.
Tristano: So kann man es sehen. Ich will den Bogen zwischen alter und neuer Musik spannen: Bach, weil er schon immer mein Lieblingskomponist war, und Cage, bei aller Einschränkung – schließlich ist er seit 1992 nicht mehr da. Die Musik, die ich von ihm spiele, „In A Landscape“, ist aus den Vierzigerjahren. Diese Gegenüberstellung präsentierte ich aus dem Blickwinkel von 2011. Mir ist der Sound sehr wichtig. Oft wird vergessen, dass Musik Klang ist – und nicht Noten. Man ist als Pianist ständig mit den Noten beschäftigt, den schwierigen Passagen. Dabei ist doch das Wichtigste: Wie klingt es? Das ist es, was mich so fasziniert: Warum klingt Bach so futuristisch, warum manchmal auch total dissonant? Dann kommt Cage hinzu: Man hört etwas ganz Einfaches, fast schon Ambiente. Plötzlich ist Bach der Extravagante, nicht Cage – obwohl Cage noch immer nicht richtig zum „klassischen Kanon“ dazugehört.

tip: Offenbar ist Ihnen John Cages Randposition sympathisch.
Tristano: Er ist ein Idealist wie Bach. Und seine Musik hat vermutlich ebenfalls eine religiöse Dimension, eine Verbindung nach oben.

Interview: Ulrike Rechel

Francesco Tristano Radialsystem, Mi 27.4., 20 Uhr

CD: „bachCage“ (Deutsche Grammophon / Universal)

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