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Der Schuhverkäufer: Ricardo Cartillone

Der Schuhfetischist: Ricardo Cartillone trägt einen Namen, wie ihn Marketingleute für italienische Produkte kaum besser hätten erfinden können. Dabei ist der Name des Berliner Schuhhändlers nicht nur echt, sondern steht auch für ein besonderes Programm.

Ricardo Cartillone

Was die Leute bloß immer mit Italien hätten, wundert sich Riccardo Cartillone, Berliner Schuhhändler mit italienischer Herkunft. Vor allem diese Toskana-Manie der Deutschen – völlig unverständlich! Denn die Toskana habe doch überhaupt nichts Italienisches mehr: „In jedem Laden wird man auf Englisch angesprochen“, beschwert sich der 48-Jährige. Diese ganze Szenerie sei doch total künstlich, viel zu teuer, alles voller Touristen, Disneyland.

Eifersüchtige Liebe

Dass der Sizilianer manchmal schlecht auf Italien zu sprechen ist, hat jedoch nichts mit einer Ablehnung seiner Herkunft zu tun. Eher handelt es sich um eifersüchtige Liebe. Denn Riccardo Cartillone, Sohn eines Kochs, ist Italiener durch und durch und pflegt, trotz 30 Jahre Berlinaufenthalts, seinen starken italienischen Akzent. ußerdem sichern ausgewählte italienische Schuhfabriken seine Existenz. Denn seit 28 Jahren lebt Cartillone davon, original italienische Schuhe zunächst nur nach Berlin, später auch in verschiedene Orte in Deutschland sowie in viele andere Länder zu importieren.

Abenteuerlust

„Als ich mit 18 Jahren meinen Heimatort bei Bronte verließ“, erzählt Cartillone, „geschah das vor allem aus Abenteuerlust. Ich wollte irgendwas mit Mode machen, Visagist oder Friseur werden.“ Dass er dafür nicht nach London oder Paris ging, lag an den Überredungskünsten eines italienischen Freundes, der ihn nach Berlin lockte. Riccardo Cartillone hat diese Entscheidung bis heute nicht bereut. Berlin ist für ihn eine der tollsten Städte der Welt, „vor allem im Sommer“ und „vor allem wegen des Nachtlebens“. Nur die Auswahl an Schuhen fand er 1978, als er nach Berlin zog, katastrophal: „Unter modischen Gesichtspunkten war man hier total hinterher.“
Trotz – oder gerade wegen – seiner Jugend war Cartillone überzeugt, das ändern zu können. Mit notdürftig zusammengekratztem Geld machte er sich in die italienische Provinz Marche auf, ein Standort, an dem traditionell viele Schuhhersteller siedeln, und kaufte die ersten Schuhpaare für Berlin. Anfangs habe ich nur an Freunde und Bekannte geliefert. 1982 habe ich dann meinen ersten Laden in der Nürnberger Straße aufgemacht. Eingerichtet mit billigen Ikea-Möbeln.“

Ricardo CartilloneModisch, ohne zu übertreiben

Mit seiner Devise „modisch, aber nie übertrieben“ und seinen hohen Ansprüchen an die Herstellungs- und Materialqualität, traf Cartillone den Geschmack von immer mehr Berlinern. Schon nach wenigen Jahren begann er zu expandieren. Erst in die Wilmersdorfer Uhlandstraße, 1989 an den Charlottenburger Savignyplatz und nach dem Mauerfall in die Nähe des Hackeschen Marktes. Zwölf Geschäfte hat er inzwischen in Berlin.

Frühe Vaterschaft gegen das Versumpfen

Dass Cartillone trotz seines anhaltenden Interesses am Berliner Nachtleben – „ich gehe jeden Abend aus, wenigstens in ein Restaurant“ – niemals, wie viele andere Nachtschwärmer, zu versumpfen drohte, verdankt er dem Umstand, sehr früh Vater geworden zu sein. „Ich war 19, sie noch nicht mal 18, als unser erstes Kind unterwegs war. Ich hatte also Verantwortung.“

Der Name ist echt

Verantwortung spürt er aber auch seinem italienischen Namen gegenüber: „Der ist echt. Im Unterschied zu erfundenen italienischen Namen wie ,Gino Rossi‘, den man in Schuhen findet, die tatsächlich aus Polen stammen.“ Fast als eine Art Trotzreaktion lässt Riccardo Cartillone seit neun Jahren deshalb auch Schuhkollektionen unter seinem eigenen Namen fertigen. „Ich beauftrage dafür kleine italienische Designerbüros. Und gefertigt wird natürlich in Italien.“

Text: Eva Apraku

Homepage von Riccardo Cartillione

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