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Der Wahlkampf beginnt: jetzt

Erik Heier

Alles Müller. Was? Vielleicht braucht Berlin jetzt tatsächlich so einen. Michael Müller. Allerweltsname. Allerweltsgesicht. Visionen sind nicht so sein Ding. Visionen gibt es in Berlin aber auch schon reichlich. Schlimme obendrein, BER mit Namen. Einer muss die ja jetzt alle mal abarbeiten. Sie ordentlich wegverwalten. Einer wie Müller. Irre Geschichte eigentlich, der Mann. Gerade noch auf dem Weg nach unten. Von Jan Stöß um den SPD-Vorsitz gebracht, von den Bürgern ums Tempel­hofer Feld. Jetzt plötzlich ganz oben. Der Achterbahn-Micha. Regierender Bürgermeister im Dezember, wahrscheinlich. So unverhofft kommt nicht oft. Manchmal verblüffen sie einen eben doch, die Berliner Sozialdemokraten. Gaben sie doch dem Stadtentwicklungssenator die absolute Mehrheit in der SPD-Mitgliederbefragung. Finanzsenator Nußbaum wollte die Entscheidung nicht abwarten. Er geht. Ihm war es egal, ob er mit Müller, Saleh oder Stöß nicht klargekommen wäre. Jan Stöß und Raed Saleh dürfen nun Müller die Sänfte halten. Müssen dabei auch noch lächeln. Vor allem Stöß wird das schwerfallen. Der rauflustige Landesparteichef muss sehen, wo er bleibt. Müller hat zwar auch neulich im tip-Interview gesagt, es ginge ihm nicht um offene Rechnungen. Aber Rache ist ja trotzdem süß. Müller nimmt Dinge nämlich durchaus persönlich. Beim letzten SPD-Mitgliederforum konnte man das sehen. Da kam er auf Hans Stimmann zu sprechen. Ehemaliger Senatsbaudirektor. Traufhöhen-Stimmann. Der hatte eine Woche vor der Entscheidung im „Tagesspiegel“ Müller die Kompetenzen für das höchste Berliner Amt schlankweg abgesprochen. Darob zitterte Müllers Stimme kurz. Vor Wut. Eine vielsagende Nuance. Der Herr Müller, der Klaus Wowereit 13 Jahre lang den Rücken freigehalten hat. Der ist nicht nur nett. Der kann auch anders. Wie anders? Das ist genau die Frage. Jetzt hat er das Sagen. Man hat ihn öfter unterschätzt. Seine Lern-, auch seine Ironiefähigkeit. Ob sein gut eingeübter Glamour-?Sarkasmus außerhalb seiner SPD-Kreise funktioniert, wird man sehen. Ob er aber einen Stempel hat, den er der Stadt aufdrücken kann, muss er jetzt zeigen. ?Denn ein paar Tausend Sozialdemokraten zu überzeugen, ist das eine. Doch im Wahlkampf die Mehrheit der Berliner zu gewinnen, etwas ganz anderes. Dass der CDU-Chef Frank Henkel weiter den großkoalitionären Grüßaugust gibt, davon sollte Müller besser nicht ausgehen. Die nächste Wahl ist zwar erst 2016. Der Wahlkampf aber beginnt: genau jetzt.

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