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Christoph Schlingensiefs „Der Zwischenstand der Dinge“

Der Zwischenstand der Dinge_Foto:David BaltzerChristoph Schlingensief war ein schönes Kind. Auf Super-8-Filmen seines Vaters sieht man, wie sich der nackte Knabe selbstvergessen wäscht, oder wie er im schwarzen Anorak mit seiner Mutter fröhlich durch die Dünen an der Nordsee rennt.
Gut 40 Jahre später sind diese Filme bei der Ruhrtriennale Teil einer autobiografischen Installation: „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir.“ Christoph Schlingensief hat in einer alten Industriehalle die Kirche seiner Kindheit nachgebaut, in der er als Messdiener vieles von dem gelernt hat, was heute seine Kunst ausmacht. Was hier stattfindet, ist eine 90-minütige Feier des Lebens, die sehr persönliche, mit Fluxus-Raubkopien angereicherte Version einer katholischen Messe und eine Begegnung mit dem eigenen Tod.
Es ist ein bewegendes Kunstwerk, in dem Schlingensief ungeschützt (oder nur durch seine Kunst geschützt) von seiner lebensgefährlichen Erkrankung und davon, was sie mit ihm gemacht hat, berichtet. Der Abend gibt einem vielleicht nicht den Glauben an Gott, aber zumindest den Glauben an das Theater zurück: Theater als ein Ort, an dem die wichtigen, auch die unfassbaren menschlichen Erfahrungen verhandelt werden können wie kaum woanders: Gleichzeitig öffentlich und höchst intim, völlig subjektiv, getrieben vom ungeordneten, auch verstörten Gefühl der Protagonisten und trotzdem anschlussfähig an gesellschaftliche Kommunikation.

Im Januar dieses Jahres hat Christoph Schlingensief erfahren, dass er an Lungenkrebs erkrankt ist. „Die Prognose für diese Sache ist nicht gut“, hört er von Doktor Bauer, seinem Arzt. „Sie müssen jetzt leben, als könnte jeder Tag der letzte sein.“ Schlingensief erzählt das, unterbrochen von stillen Schluchzern, direkt nach der Diagnose seiner Lebensgefährtin, er nimmt dieses Gespräch auf. Jetzt ist es, wie die Filme, die Hermann-Josef Schlingensief vor vier Jahrzehnten von seinem Sohn gedreht hat, als Realdokument Teil seiner szenischen Installation. Während der Monate im Krankenhaus, zwischen Bestrahlungen, Chemotherapien und einer Operation, bei der ihm die halbe Lunge entfernt wird, bespricht Christoph Schlingensief unzählige Bänder, es sind Selbstbeobachtungen, Verzweiflungsausbrüche, ein Anrasen gegen die Krankheit: „Der Lebenswille, den ich geheuchelt habe in der ganzen Zeit, der ist vorbei, ich habe keine Kraft, ich habe genug gestrampelt.“ Oder: „Ich habe schon viele, viele schöne Sachen gemacht. Vielleicht ist das auch genug. Es ist trotzdem todtraurig.“

Der Zwischenstand der Dinge_Foto:David BaltzerBewegend jenseits irgendwelcher klebriger Voyeurismen ist diese Inszenierung (für die „Inszenierung“ nicht der richtige Begriff ist, so unverstellt persönlich ist der Abend) nicht nur, weil Schlingensief Dokumente großer Verletzung ausstellt, auch nicht, weil man sich einfach sehr darüber freut, dass er noch da ist und wieder gesund, so gesund, wie jemand nach solchen Monaten eben sein kann.
Bewegend ist der Abend, weil Schlingensief nahtlos an all die Mittel seines Theaters anknüpft: die Drehbühne, die visuellen und akustischen Überblendungen, der verfaulende Hase aus „Parsifal“, Filme mit Karin Witt als winzige Hohepriesterin mit Indios am Amazonas aus der „Holländer“-Inszenierung in Manaus, Margit Carstensen, die von der Kanzel herab die Therapie singt („Chemo und Bestrahlung, Bestrahlung und Chemo“), alberne autobiografische Verweise auf die frühen Einflüsse, zum Beispiel mit einem Chor der Oberhausener Kurzfilmtage 1967, der müde „Avantgarde, Avantgarde, Marmelade“ murmelt, nachgespielte Fluxus-Videos und dem Beuys-Zitat, das alles zusammenfasst, was hier gerade passiert: „Zeige deine Wunde.“ Samt der Hoffnung. „Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt.“ Es ist, als könnte Schlingensiefs synkretisches Theater, das von Ri­chard Wagner bis zur Aktionskunst der frühen 60er Jahre, von afrikanischen Ritualen bis zu Mahlers „Kindertotenliedern“ alles ins eigene Referenzsystem einschmilzt, jetzt seine Krankenhausselbstgespräche und Angstzustände aufheben.
Im letzten Teil des Abends tritt Schlingensief, schmaler, aber wach wie eh und je, selbst auf, er zelebriert eine Art Fluxus-Messe, man könnte auch sagen: Er feiert seine Auferstehung von den Toten. Unwillkürlich denkt man an eine alte Performance, vor sechs oder sieben Jahren, bei der er immer nur glücklich „Das Leben!! Das Leben! Das Leben!“ gerufen hat, endlos. Am Ende des Abends sieht man noch einmal einen Kinderfilm: Der fünfjährige Christoph spielt Sterben. Der Tod, ein Kinderspiel – oder, umgekehrt: Das Spiel bannt den Tod, zumindest für den Moment. Im November zeigt Schlingensief eine Variation dieses Abends im Studio des Maxim Gorki Theaters. Wer es verschläft, der ist selber schuld.

Text: Peter Laudenbach

Foto: David Baltzer

Der Zwischenstand der Dinge

Gorki Studio
Do 13., Fr 14. und Sa 15.11., 20

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