Theater

„Melissa kriegt alles“ von René Pollesch: Ein Theater der Trance

„Melissa kriegt alles“ heißt René Polleschs vierte Inszenierung am Deutschen Theater. In der Uraufführung erprobt der Regisseur mit einer Besetzung vom Feinsten Gedanken-Ping-Pong auf der Metaebene. Ein Theater der Trance zwischen Komödie und Revolutionspathos.

Kathrin Angerer, Bernd Moss und Jeremy Mockridge in René Polleschs "Melissa kriegt alles". Überlebensgroß hinten: Martin Wuttke. Foto: Arno Declair
Kathrin Angerer, Bernd Moss und Jeremy Mockridge in René Polleschs „Melissa kriegt alles“. Überlebensgroß hinten: Martin Wuttke. Foto: Arno Declair

Erkennen Sie die Vorlage? Ray (hier gespielt von Martin Wuttke) plant, eine Bank auszurauben, indem er von einer angrenzenden Pizzeria aus einen Tunnel zum Tresorraum buddelt. Seine Frau Frenchy (Kathrin Angerer), von seiner Eignung als Bankräuber eher nicht so überzeugt, macht derweil mit der zur Tarnung eröffneten Pizzabude ein glänzendes Geschäft.

Pollesch will dechiffriert werden

Stimmt, Woody Allens Filmkomödie „Schmalspurganoven“ ist hier zitiert, einer der vielen popkulturellen Verweise, die René Polleschs postdramatisches Diskurstheater schon immer prägen und hier ganz besonders. So liegt für viele Pollesch-Fans der Spaß der Abende auch darin, diese Anspielungen auf die Film- und Theatergeschichte zu dechiffrieren.

Und solche Verweise sind diesmal überbordend vorhanden in „Melissa kriegt alles“, dem Stück, mit dem das Deutsche Theater die Spielzeit 2020/21 nach dem Corona-Lockdown eröffnete. Zum vierten Mal hat René Pollesch am Deutschen Theater inszeniert.

Franz Beil, Kathrin Angerer, Katrin Wichmann, Martin Wuttke, Bernd Moss und Jeremy Mockridge (v.l.n.r.) in René Polleschs „Melissa kriegt alles“. Foto: Arno Declair

Erneut sind mit Kathrin Angerer, Franz Beil und Martin Wuttke bewährte Mitstreiter aus alten Volksbühnentagen dabei. Aber auch die drei inzwischen Pollesch-erprobten DT-Ensemblemitglieder Jeremy Mockridge, Bernd Moss und Katrin Wichmann gehören zum Team. Eine Besetzung vom Feinsten also.

„Melissa kriegt alles“ spielt vor Hammer-und-Sichel-Tapete

Gespielt wird in einer drehbaren Zweiraum-Puppenstube, offenbar eine Kommunalka, das Hammer-und-Sichel-Tapetenmuster verweist auf diese russischen Gemeinschaftswohnungen (Bühne: Nina von Mechow). Das Nachthemd von Martin Wuttkes Ray ist mit kyrillischen Buchstaben bedruckt, der Bart erinnert an Marx und auch sonst wird viel – und bei diesem Ensemble natürlich virtuos – über notwendiges revolutionäres Handeln diskutiert.

Revolution, wohin man blickt: Martin Wuttke schwenkt die rote Fahne. Foto: Arno Declair
Revolution, wohin man blickt: Martin Wuttke schwenkt die rote Fahne. Foto: Arno Declair

Sonst geht es inhaltlich in Polleschs frei flottierenden Gedanken-Ping-Pong munter auf diversen Metaebenen um Bio-Eier und Hartz IV, um Hypnose und Trance, um Wirklichkeit und Schein – und damit natürlich auch ums Theater selbst. Und wenn nun schon Woody Allens Bankräuber Ray ein Protagonist ist, ist man natürlich auch schnell bei Brecht und seiner berühmten Frage „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“.

Und ist damit auch beim Berliner Ensemble und bei Helene Weigel in ihrer Paraderolle der „Mutter Courage“. Konnte die überhaupt noch raus aus der Mutterrolle, hat sie die Rolle nicht als Theaterprinzipalin und oberste Kümmerin am BE einfach fortgesetzt?

Aber wer ist eigentlich Melissa, die alles kriegt?

So flott werfen sich die Schauspielenden, die bei Pollesch immer auch Co-Autoren im Probenprozess sind, die Assoziationen zu, spielen Komödie und Revolutionspathos in einem und illustrieren virtuos Spielhaltungen. Am Ende dieser atemberaubenden Motiv- und Referenz-Schlacht ist man vielleicht sogar einem „Theater der Trance“ nahegekommen. Und wer sich fragt, wer eigentlich die titelgebende Melissa ist – keine Ahnung. Aber sie kriegt alles. 


Mehr Theater in Berlin

„Ich bin kein trojanisches Pferd“: 2019 führten wir ein Interview mit René Pollesch. Eine Kritik zum Stück „Der Glaube an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt“ im Friedrichstadt-Palast findet ihr hier. Am DT hingegen attestierten wir Pollesch für „(Life on earth can be sweet) Donna“ lässige Großmeisterschaft. Am Deutschen Theater läuft außerdem „Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs“. Mit Regisseur Rosa von Praunheim sprachen wir über die AfD und Hitlers Sexleben.

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