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Bücher über die Großstadt Berlin

Genau so ist es. Und so muss es damals gewesen sein. Klar, das ist die Stadt, in der ich lebe! Wenn ein Berlin-Buch diese Empfindungen auslöst, hat der Autor vermutlich alles richtig gemacht. So wie Sven Regener mit seiner Figur des Herrn Lehmann

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Frank Lehmann zum Beispiel verbrachte Ende der Achtziger seine Zeit in seiner Kreuzberger Lieblingskneipe. Dort grummelte er vor sich hin, es interessierte ihn nicht, dass sich bald sein Kiez, dann Kreuzberg, Berlin und schließlich Deutschland grundlegend verändern würde. Lehmann ist glaubhaft. Wer früher in Kreuzberg wohnte, weiß, dass es so war.

Wer woanders lebt, glaubt Regener, dass es so war. Berlin-Romane, darin unterscheidet sich Frank L. nicht von Christiane F. oder Franz B., erzählen oft nur beiläufig von der Stadt selbst und ihrem Stadtbild, dafür umso eindringlicher von den Menschen, und was ihnen hier passiert. Und dass es ihnen wohl auch nur hier passieren kann. Wir haben die 25 wichtigsten Berlin-Bücher zusammengestellt – Bücher, auch Comics, die die Menschen dieser Stadt so beschreiben, wie sie wirklich sind. Und nicht wundern, dass der eine oder andere Klassiker fehlt. Manche Werke sind eben einfach überschätzt.


Einige wichtige Berlin-Bücher:

Bommi Baumann: Wie alles anfing

Vom Osten nach Westberlin, vom Bauhandwerker in die APO, von der Kifferkneipe auf den Steck­brief, vom bewaffneten Kampf zum Indientrip. Bommi Baumanns schon bei Erscheinen beschlagnahmte und indizierte Autobiografie empörte 1975 sowohl militante Linke als auch die Staatsmacht. Die eine waren sauer, weil er dem „bewaffneten Kampf“ abschwor, die anderen störte seine reuelose Schilderung von Kommuneleben und politischem Widerstand. Gammlerromantik und Swinging Sixties suchte man Mitte der Sechziger vergebens: „In Berlin ist es dir mit langen Haaren plötzlich wie einem Neger gegangen. Die haben uns aus Kneipen rausgeschmissen und auf der Straße angespuckt … die selben Leute, die 6 Millionen Juden vergast haben, die pöbeln dich an wegen langer Haare.“
(Trikont Verlag, 1975, Neudruck bei Rotbuch)

Joseph Roth: Das Spinnennetz

Joseph Roths erster Roman erschien 1923 als Fortsetzung in der Wiener „Arbeiterzeitung“. Leutnant Lohse, ein enttäuschter Heimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg, wird Hauslehrer eines jüdischen Jungen in Berlin. Mäßig begabt aber ehrgeizig, gerät er zwischen die Fronten aus Nationalsozialisten und Kommunisten, Bürgertum und Proletariat. Er arbeitet für eine geheime rechte Organisation mit Sitz in München und wird Mitglied der Nationalsozialisten. Verhaftet Pazifisten, Kommunisten, Katholiken, schreckt vor Folter nicht zurück. Schließlich wird er von einem Juden erpresst. Es ist die geniale Charakteranalyse eines Mannes, der, selbst feige und schwach, zum perfekten Mitläufer wird. Die Namen Hitler und Ludendorff fallen, und der Schluss der Geschichte zeigt eine mögliche, grausame Zukunft auf – eine Zukunft, die zehn Jahre später von Realität übertroffen wurde.
(1923, Neudruck bei Kiepenheuer & Witsch, 1967)

Gerhard Seyfried: Freakadellen und Buletten

Da hört man es wieder, das fröhliche „LaLüLaLa“ der Bullenwannen im Kreuzberger Häuserkampf der 80er Jahre. Seyfried ist Cartoonist und Chronist der Bewegung, und er nimmt die behäbig kiffenden Protagonisten der Szene, allesamt aus Lüdenscheid und Wanne-Eikel stammend, wie die uniformierte Staatsgewalt gewaltig aufs Korn. Letztere klopft an die Besetzertür mit der Ankündigung: „Wir haben hier eine einstweilige Erschießung gegen Sie“, und eine Wanne kommt schließlich selten allein. So erfindet Seyfried schon mal den „Blaulicht-Mothervan“ (mit überdimensionalem Nuckelblaulicht auf dem Dach) oder eine Wanne, die auf dem Kopf steht und fährt („Demonstrantenverwirrfahrzeug“). Der Band fehlte damals auf keinem WG-Klo. Am Ende hat das „Standardwerk linksalternativer Bewusstseinsbildung“ (Tagesspiegel) noch das Zeug zum Coffee-Table-Klassiker.
(Elefanten Press, 1979)

Fauser_tipJörg Fauser: Die Tournee

Harry Lipschitzs Reise beginnt in seinem Kleingarten in Buckow und fährt ihn in die Potsdamer Straße zum SPD-Ortsverein. Steht dort vor verschlossener Tür. Zeit für Wodka also. Es geht von der Potse zum Diener am Savignyplatz und ins Striplokal am Stutti. Am Ende in die Notaufnahme. Lipschitzs Sauftour, wie im ersten Kapitel des letzten, unvollendeten Romans „Die Tournee“ beschrieben, war auch Fausers Sauftour. Der Rotlichtkiez der Potsdamer Straße war auch sein Kiez.
Seine gro?e Popularität sollte Fauser, der mit Krimis wie „Das Schlangenmaul“ reüssierte, nicht mehr erfahren. Fausers letzte Sauftour kostete ihn 1987 das Leben, er wurde bei Sonnenaufgang auf der A94 bei München von einem Lastwagen überfahren. Mit 2,64 Promille im Blut.
(Alexander Verlag, 2007)

Uli Becker: Das blaue Wunder

Berliner Blaupausen. In diesem seriellen Langgedicht rematerialisiert sich noch einmal die historische Wirklichkeit der 80er. Becker stenografiert alles mit: die latente Katastrophenstimmung, die letzten, oft genug schon sentimentalisch verbrämten Zuckungen eines linken Engagements, die zynische Vernünftelei im Sinne Sloterdijks und nicht zuletzt der krude Alltag. Dieser unspezifische 80er-Jahre-Blues, die Trauer derjenigen, die eben „post“ sind, zu spät – hier hat sie eine adäquate lyrische Form gefunden.
(Reinbeck bei Hamburg, 1985)

Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen

Stand schon bald nach seinem Erscheinen auf der schwarzen Liste der Nazis. Und das lag nicht allein an der Laszivität und freizügigen Moral, sondern auch an diesem eruptiven Staccato-Stil – mit vielen, vielen Gedankenstrichen! –, der die Distanzlosigkeit und Plötzlichkeit des Erlebens der Protagonistin Doris, vor allem die Überwältigung durch die auf sie einstürzenden, vielfältigen Eindrücke verbürgt. Diese Sätze sind notwendig kaputt, einfach überfordert von den Ansprüchen und Anfällen der Realität.
(1932, Neudruck bei Claassen 2005)

Thomas Brussig: Am kürzeren Ende der Sonnenallee

Schöner, weil nicht so klamottig und aufgekratzt wie Leander Haußmanns „Sonnenallee“-Film, ist Thomas Brussigs Erzählung, eine literarische Variation seines Drehbuchs zu Haußmanns Film. Brussig erzählt eine Schüler- und Liebesgeschichte im Schatten der Mauer, eine Geschichte über das Jungsein im Ostberlin der achtziger Jahre, über langhaarige Jugendliche, die den Staat genau so satt haben wie die Voyeure aus dem Westen, die hinter der Mauer von einer Aussichtsplattform aus in das Zonen-Ghetto glotzen. (Verlag Volk und Welt, 1999)

Gabriele Tergit: Käsebier erobert den Kurfürstendamm

Das Buch wurde von der Hauptstadtpresse enthusiastisch als der „beste Zeitroman“ der späten Weimarer Republik gefeiert. Tergit erzählt die atemberaubende Geschichte eines Volkssängers, der allabendlich vor dem proletarischen Publikum der Hasenheide auftritt. Nachdem ein berühmter Journalist aus Themennot über den schlichten Kreuzberger Kleinkünstler berichtet hatte, wird der zum Darling von Presse und Gesellschaft – und zum Objekt einer gigantischen Vermarktungsmaschinerie. Bis die Weltwirtschaftskrise zuschlägt und auch Freiheit und Humanismus nicht mehr zählen …
(1931, Neudruck bei Das Neue Berlin, 2004)

Adolf Endler: Tarzan am Prenzlauer Berg

Der Prenzlauer Berg in den frühen Achtzigern. Lesungen finden in Wohnungen statt, Hochschulprofessoren arbeiten als Totengräber, Bücher werden über die Grenze geschmuggelt. Man trifft sich im Fengler, im Hackepeter, im Wiener Cafй. Und jeder weiß: Die Stasi ist immer mit dabei. Adolf Endler notiert mit galligem Humor in seinen Tagebüchern („Sudelblättern“), womit sich ein ins Abseits delegierter Schriftsteller („Dissi“) im zweiten Hinterhof herumzuschlagen hat. Pflichtlektüre für zugezogen Süddeutsche, die meinen, „Das Leben der anderen“ würde ein realistisches Bild von der damaligen Künstlerszene zeichnen.
(1984, Neudruck bei Reclam 1996)

Ulf Miehe: Ich hab noch einen Toten in Berlin

Zweimal monatlich landet eine Militärmaschine voller Dollars – dem Sold für die amerikanischen Streitkräfte. Drehbuchautor Benjamin und Regisseur Garski recherchieren den „ganz großen Coup“ –?für ein Filmprojekt. Nach und nach wird dem Trio klar: Das Ding lässt sich wirklich drehen … Ulf Miehe hat West-Berlin, dem „Schau-fenster der freien Welt“, 1973 den falschen Glanz genommen. Die Halbstadt ist trist und schäbig, gemein und versoffen. Aber lustig. Ein unsentimentaler, ironischer Berlin-Krimi von herausragender Qualität. (Süddeutsche Zeitung Bibliothek, 2006)

Jason Lutes: Berlin. Steinerne Stadt

Ein rauher Berlinfilm, schwarzweiß, 1000 Bilder für die Jackentasche. Unglamourös sind die Panels, die Jason Lutes in seiner Graphic Novel „Berlin“ zeichnet. In seinem der Linie claire verpflichteten Stil entwirft dieser historische Comic-Roman ein Panorama der Weimarer Republik, mit Rückblenden in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs und in die Novemberrevolution. Die sozialen Verwerfungen und die politische Radikalisierung sind das größere Thema, das in seiner Mikrogeschichte entfaltet wird: Seine Hauptfiguren (eine Kunststudentin, ein Journalist und eine Arbeiterin) findet Lutes in düsteren Mietskasernen und den eisigen, schneeverwehten Straßenzügen der Stadt. „Berlin“ sieht zu, wie sie langsam in den Zeitläufen zerrieben werden. (Carlsen Verlag, 2000-2008)

Emine Sevgi Özdamar: Die Brücke vom Goldenen Horn

Der zentrale Teil von Özdamars epochaler Berlin-Istanbul-Trilogie. Die deutsch-türkische Autorin schreibt über das Erwachsenwerden einer jungen Türkin, die als Gastarbeiterin und später als ehemalige kommunistische Aktivistin und Schauspielerin nach Deutschland kommt. Die „Brücke“ ist ein Entwicklungsroman, angesiedelt zwischen Moderne und Magischem Realismus. Er beleuchtet als erstes Werk die Welt der türkischen Bandarbeiterinnen der 70er Jahre, pointiert und liebevoll schildert er das Leben im „Frauenwonaym“, er seziert die Ostberliner Theaterszene, beschreibt, wie die Heldin allabendlich mit Hunderten türkischen Männern den Checkpoint passiert, Familienväter, die heimliche Liebesverhältnisse im Osten haben. Ein Buch der tausend Sehnsüchte, ein Buch, in dem bis zum Umfallen geraucht wird, und es ist mit todbringender Sicherheit eines der besten Bücher in deutscher Sprache der letzten 20 Jahre. (Kiepenheuer & Witsch, 1998)

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Hier geht es zum Interview mit Sven Regner

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