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Die andere Insel: Bermudas

Bermudas_Foto_Kai_MorgensternTim stammt aus Bremen, lebt seit vier Jahren auf den Bermudas und verkauft cat bonds. Cat bonds? Ist das eine Art Katzenfalle? Er blinzelt einen Moment verständnislos durch sein Whiskyglas, dann lacht er: „Catastrophe bonds – Katastrophenanleihen! Stürme, Erdbeben, Überflutungen – die Risiken sind viel zu groß geworden, wir versichern uns am Kapitalmarkt.“
Wir sitzen auf der Terrasse seines hübschen kleinen Hauses mit Meerblick, für das seine Firma 6000 Dollar im Monat bezahlt. Blütenduft hängt in der feuchten Luft, die Abendsonne scheint auf Palmen, Bougainvillea und einen Strand, dessen Sand winzige Korallenpartikel zartrosa färben. „Aufregende Zeiten“, fährt Tim fort, während er Whisky nachschenkt. „Die Hurrikane werden praktisch jedes Jahr stärker. Dazu Überschwemmungen, Waldbrände, Erdbeben … Die Versicherungsprämien steigen ständig, und ein großer Teil dieses Geldes landet auf den Bermudas. Und wer die Risiken richtig kalkuliert, kann Geld machen. Sehr viel Geld.“
Ausgerechnet die Bermudas. Dieser vollkommen unwahrscheinliche Archipel von 138 Inselchen mitten im Atlantik hat sich zum Steuerparadies für Katastrophenversicherer entwickelt. Die amerikanische Küste liegt 1000 Kilometer entfernt, Europa noch viel weiter. Grillen zirpen, Frösche quaken, irgendwo in den Hügeln knattert ein Moped. Auf der anderen Seite der Bucht funkeln die Lichter des Hamilton Princess Hotel, Jetset Treffpunkt seit über 100 Jahren. „Dort bringen wir unsere Kunden unter“, sagt Tim. „Die Verhandlungen laufen aber meistens auf der Jacht.“ – „Auf der Jacht?“ – „Es gibt auf den Bermudas viel Konkurrenz. Da soll nicht jeder sehen, mit wem man seine Geschäfte macht. Jede bessere Versicherung hat hier ihre eigene Jacht.“ Tatsächlich sieht man mehrere dieser Jachten am Horizont dümpeln. „Ich stelle mir vor“, sage ich, „es gibt dort Hummer und Champagner, und dabei sprechen die Investoren ganz nüchtern über zerstörte Städte, ruinierte Ernten und Menschen auf der Flucht.“ Tim zuckt die Schultern: „Hummer, ja … Vielleicht grillen sie auch Fisch.“
Seine Frau Helene setzt sich zu uns. Eben hat sie den kleinen Sohn ins Bett gebracht, nun schenkt sie sich ein Glas Whisky ein. „Das Leben hier ist ein Traum“, erklärt sie und kippt ihr Glas in einem Zug hinunter. In Wahrheit würde sie die Bermudas lieber heute als morgen verlassen. Es gibt für sie hier nichts zu tun – außer in einer der zahllosen Buchten zu schwimmen, in der Hauptstadt Hamilton die überteuerten Boutiquen zu durchkämmen oder sich mit anderen Frauen im Aquarium zu treffen. Das Aquarium ist der Treffpunkt gelangweilter, gut situierter Ehefrauen, manche haben eine Jahreskarte und kommen täglich. Hierhin flüchten sie sich, wenn sie es während der tropischen Mittagshitze weder in ihren Pools noch in ihren klimatisierten Häusern aushalten. An manchen Tagen sieht man 20 Frauen vor dem Haifischbecken sitzen, es gibt Bänke und eine Ablage für das Wickeln der Kleinkinder. Welche Neuigkeiten tauschen sie aus? Nicht viele. Das Leben hier ist reich und ruhig. Im Herbst streifen manchmal Hurrikane die Bermudas – karibische Stärke erreichen sie so gut wie nie.
Aber was ist dran am Mythos vom gefährlichen Bermuda-Dreieck? So gut wie nichts. Statistiker haben längst nachgewiesen, dass im Seegebiet zwischen den Bermudas, Miami und Puerto Rico zu keiner Zeit mehr Schiffe und Flugzeuge versunken sind als im Rest des Atlantiks. Bloß die Riffe rund um den Archipel sind im Laufe der Jahrhunderte einigen Schiffen zum Verhängnis geworden. Man muss nicht tief tauchen, um sie zu sehen: ein Schaufelraddampfer hier, ein Kriegsschiff aus dem Zweiten Weltkrieg dort – korallenbewachsen und fischumschwommen vermitteln sie die Gediegenheit eines maritimen Museums. Dem bermudischen Frieden entkommt man nicht – nicht einmal unter Wasser.
„In drei Jahren sind wir hier weg“, verspricht Tim und tätschelt seiner Frau die Hand. Sie ist nicht sicher, ob sie ihm glauben kann. Die Geschäfte seiner Firma gehen einfach zu gut, er verdient zu viel Geld, auch noch nahezu steuerfrei. Und eines steht fest: Die Waldbrände, Sturmfluten und Erdbeben werden nicht weniger werden – in der großen, aufregenden Welt hinter dem Horizont, weit weg von den Bermudas.

Text: Kai Hensel

Fotos: Kai Morgenstern

Wichtig zu wissen

Anreise
Flüge gibt es ab 600 Euro, von Deutschland allerdings nicht direkt – British Airways, Delta Airlines und einige andere fliegen über London bzw. New York. Obwohl die Bermudas völkerrechtlich eine Kronkolonie Großbritanniens sind, verlangt man bei der Einreise auch von EU-Bürgern einen Reisepass.

Unterkunft
Vom Luxushotel bis zur Privatpension gibt es alles, als Hochsaison gilt die Zeit von Mai bis Oktober, in der Nebensaison liegen die Preise durchschnittlich ein Drittel niedriger. Buchen kann man im Internet, zum Beispiel über bermudarentals.com oder bermudagetaway.com.

Reisezeit
Im Sommer ist die schwüle Hitze oft schwer erträglich, trotzdem kommen dann die meisten Touristen. Die meisten Hurrikane gibt’s im August und September – karibische Stärke erreichen sie allerdings so gut wie nie. Das ganze Jahr über muss man mit kurzen, heftigen Regengüssen rechnen. Sie sind allerdings, vor allem im Sommer, eher erfrischend als störend.

Reiseliteratur
Den besten Reiseführer wird man in deutschen Buchhandlungen kaum finden, man kann ihn aber bestellen: „Bermuda“ von Rosemary Jones, Moon Handbooks. Alternativen gibt es von Lonely Planet oder – als DVD – von Dumont.

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