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Die andere Stadt: Boston


BostonVermutlich gibt es auf der ganzen Welt nur wenige Städte, die es den Besuchern so leicht machen wie Boston. Quer durch die amerikanische Ostküstenmetropole führt der Freedom Trail – eine rote Linie, die Touristen durchs Zentrum lotst und die wichtigsten Sehenswürdigkeiten miteinander verbindet. Die meisten davon sind alt und staubig, denn die Stadt pflegt ihren Ruf als Wiege der amerikanischen Demokratie.


In und um Boston haben die englischen Siedler vor rund 250 Jahren angefangen, ihr Mutterland zu hassen und irgendwann die Idee gehabt, einen eigenen Staat auszurufen. Diesen Prozess kann man auf dem Freedom Trail nachvollziehen. Grob gesagt, gibt es dort drei Sorten von Sehenswürdigkeiten. Erstens alte Gebäude, in denen die Helden der amerikanischen Pionierzeit wichtige Reden zu ihren Lieblingsthemen gehalten haben. Freiheit, Unabhängigkeit, Glück, solche Sachen. Zweitens Kirchen, in denen sie gebetet haben. Und drittens Friedhöfe.
Viele Besucher haken die Stationen des Freedom Trails ab und starten dann einen Urlaub im Hinterland. Sie suchen den Indian Summer mit seinen bunten, leuchtenden Wäldern. Falsch ist das nicht, denn das Hinterland mit seinen Wald- und Wiesenlandschaften ist wunderschön. Allerdings haben sie möglicherweise eine Menge verpasst. Boston ist eine alte, aber auch eine reiche Stadt, die viel Geld ausgibt für schöne Dinge. Für gepflegte Grünanlagen und saubere Straßen. Und für Kunst.


Boston_ICAZum Beispiel das ICA. Der schicke Kubus am Hafen ist Bostons neues Aushängeschild. Das Institute of Contemporary Art gilt in den USA als Top-Adresse für zeitgenössische Kunst und Design. „Einfach großartig“, meint Michelle Handelman, eine Video-Künstlerin, die allein schon deswegen hohe Ansprüche hat, weil sie aus New York kommt. Sie lebt in Brooklyn, hat dort ein Atelier neben Veruschka, dem ehemaligen Supermodel, das inzwischen als Künstlerin arbeitet. „Veruschka ist total pleite“, erzählt Michelle bei einer Dinnerparty im Haus eines Harvard-Professors. Ihr selber geht’s besser, weil sie in Boston einen Job als Dozentin an der Universität hat. Nebenbei kuratiert sie feministisch orientierte Happenings im Studio Soto, einem Projektraum am Bostoner Hafen, in der Nähe des ICA.


Boston_ICAAuftritt Heide Hatry: Die ebenfalls aus New York zugereiste Künstlerin startet ihre Performance im Studio Soto mit einer kurzen Ansprache. Ihr Abendkleid ist rot, ihr Ton autoritär. „Aufpassen bitte, sonst könnten Sie hier etwas verpassen“, warnt sie das Publikum. „Mein Auftritt ist kurz, jede Minute ist wichtig.“ Dann liefert sie eine Performance ab, in der sie ein Hühnerei aus ihrem Körper presst. Eine Sturzgeburt. Der Vorgang dauert ungefähr zwei Minuten. Für einen Moment hält sie das Ei in der Hand. Dann knallt sie es vor eine Mauer.
Elementare Fragen von Leben und Tod, so scheint es, stoßen beim Bostoner Publikum auf großes Interesse. Zu allen Tages- und Nachtzeiten gut besucht ist ein bizarrer Parcours aus gläsernen Stelen, die von Wasserdampf umnebelt sind: das New England Holocaust Memorial. Und selbst im renommierten Museum of Fine Arts, das zu den besten Museen Nordamerikas zählt, suchen die Besucher die Konfrontation mit den eigenen Ängsten. Das beliebteste Exponat ist Watson and shark von John Singleton Copley. Es zeigt einen nackten Schwimmer, der von einem riesigen Hai angegriffen wird. Ein zeitloses Thema. Copleys Gemälde stammt aus dem Jahr 1778 und ist damit fast so alt wie die amerikanische Demokratie selbst.

Text: Oliver Burgard

Wichtig zu wissen

Check in
Von Berlin nach Boston fliegen unter anderem US Airways, Continental Airlines, Iceland Air und KLM, oft mit Zwischenlandung in New York. Tickets ab ca. 350 Euro. Boston ist teuer. Für ein Doppelzimmer im B&B sollte man ab 100 Dollar pro Nacht veranschlagen (www.bedandbreakfast.com/boston-massachusetts.html).

Nightlife
Unbedingt einen Drink nehmen bei Top of the Hub (www.topofthehub.net). Die Lounge im authentischen 80er-Style befindet sich in der 52. Etage des Prudential Towers und ist rundum verglast. Der Blick über das nächtliche Boston ist spitze.

Art Life
Das Institute for Contemporary Art befindet sich in der Northern Avenue 100, www.icaboston.org, das Studio Soto 63 in der Melcher Street 63, www.studiosoto.com

Shopping
Eine Bostoner Traditionsadresse ist das Kaufhaus Filene’s in der Washington Street. Im Keller wird Designerware zu Spottpreisen verramscht (www.filenesbasement.com). Wer hier nicht fündig wird, begibt sich in die schicke Newbury Street, Bostons hippste Einkaufsmeile.

Road Trip
Unbedingt einplanen: einen Abstecher auf die Halbinsel Cape Cod. Dort gibt’s zwar keine Kunst, aber die schönsten Strände (Achtung Haie!) und die nettesten Fischerdörfer. Ansonsten empfiehlt die Videokünstlerin Michelle Handelman einen Ausflug nach North Adams, zwei Autostunden westlich von Boston, zum Massachusetts Museum of Contemporary Art (www.massmoca.org). Nach öffentlichen Verkehrsverbindungen für einen Tagestrip sollte man gar nicht erst suchen. Es gibt keine.

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