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Die andere Stadt: Kathmandu

Kathmandu
Unermüdlich versuchen die beiden Jungs, ihre selbstgebauten Drachen zum Fliegen zu bringen. Vergeblich. Wie fast jeden Tag während der Trockenzeit ist es nahezu windstill in Kathmandu.
Drachensteigen ist beliebt in Nepal. Überall in den Innenhöfen der Hauptstadt sieht man Kinder mit kleinen, bunten Flugobjekten aus Holz und alten Chips- oder Plastiktüten. Ziel des Spiels ist es, die Drachenschnur des anderen in der Luft zu durchschneiden, ohne dass die eigene reißt. Obwohl es ihnen kaum gelingt, die Drachen auch nur für Sekunden oben zu halten, werden die beiden Jungs nicht ärgerlich oder wütend.
Wut, Zorn und Aggressionen, lautes Schimpfen und Schreien – starke Gefühlsausbrüche und unkontrollierte Unmutsäußerungen erlebt man nicht in Nepal. Nicht in den Bergen unter den Bauern und auch nicht in Kathmandu, einer Stadt, in der das große Gefälle zwischen Arm und Reich allzu offensichtlich ist.
Dort trifft man niemanden, der wegen der Stadt gekommen ist, weil er dort gern leben würde, weil es kulturelle Attraktionen oder lukrative Berufsperspektiven gäbe. Die meisten Nepalesen, die in Kathmandu wohnen und arbeiten, stammen aus den umliegenden Bergdörfern. Sie versuchen, mit dem Tourismus Geld zu verdienen. Das bringt mehr ein, so ist zumindest die Hoffnung, als die traditionelle Landwirtschaft, in der nach wie vor gut 80 Prozent der nepalesischen Bevölkerung beschäftigt sind.
Der 33-jährige Durga ist einer von ihnen, aufgewachsen in einem winzigen Bergdorf, fast 200 Kilometer von Kathmandu entfernt. Er sieht viel älter aus, als er ist. „Das ist die harte Arbeit auf dem Land“, sagt Durga. Weil er und seine Familie – seine Frau und die beiden Töchter – nicht von der Landwirtschaft leben können, ist Durga in die Hauptstadt gezogen. Er arbeitet als Taxifahrer und Bergführer. Außerdem hat er noch eine Ausbildung zum Kletterführer gemacht.
Wie die meisten Nepalesen ist Durga ein strenggläubiger Hindu. „Ich heiße wie Durga, die Göttin“, erzählt er stolz. „Ich bin an ihrem Festtag geboren.“ Durga ist eine hinduistische Gottheit, eine Göttin der Vollkommenheit. „Der Name wird für Männer und Frauen verwendet“, erklärt Durga.
Bis 2006, der Entmachtung des Königs, war der Hinduismus die Staatsreligion in Nepal. Überall in Kathmandu stehen kleine und größere Schreine. Im Vorbeigehen werden die Gebetsmühlen gedreht. Das soll Glück bringen. Das ganze Leben in Kathmandu ist geprägt von den Regeln und Riten des Hinduismus. Das Kasten­sys­tem, das keine sozialen Aufstiege ermöglicht, aber auch keine sozia­len Abstiege zulässt, wird nach wie vor unhinterfragt akzeptiert.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum man hier einfach keine Wut, keine Missgunst, keine Aggression sieht. Man ist, was man ist. Zumindest in diesem Leben. Der Glaube, dass man durch gutes Verhalten in ein besseres Leben wiedergeboren wird, ist in den Menschen fest verankert. Auch bei Durga. Er hat daran keinerlei Zweifel.
Die scheinbare Seelenruhe bedeutet jedoch keineswegs, dass es in Kathmandu still und friedlich zugeht. Im Gegenteil: Es ist heiß, laut und dreckig. Kathmandu ist anstrengend. Dass das Kathmandu-Valley, wie die Legende erzählt, aber auch Geologen bes­tä­tigt haben, vor sehr langer Zeit ein See war, mag man sich kaum vorstellen. Die Berglandschaften, die das Tal majestätisch einrahmen, sind für den, der sich in den Straßen verliert, nicht zu sehen. Die Häuser stehen dicht an dicht. Auf den wenigen freien Flächen türmen sich Müllberge. Ab fünf Uhr morgens bis weit in den Abend hinein ist die Stadt ein einziges hupendes Verkehrschaos. Auf den kleinen, engen Straßen drängeln sich Motorräder, Taxis, Rikschas, Fahrräder und Fußgänger. Bürgersteige, Verkehrsschilder und Ampeln gibt es keine. Mittendrin: heilige Kühe. Und Hunde.
Da bleibt fast nur die Flucht in die Weiten des Himalaya. Dennoch, trotz Lärm, Smog, Stress, in Thamel, dem sehr touristischen Zentrum der Stadt, gibt es Orte abseits des hektischen Großstadtgetümmels: Dachterrassen, von denen aus man endlich auch die Berge zu Gesicht bekommt, und ver­steckte Gartencafйs. Oder man sucht sich einen der Innenhöfe, in dem Kinder ihre Drachen steigen lassen.

Text: Katharina Wagner

Anreise
Beispielsweise mit Qatar Airways von Berlin-Tegel über Doha nach Kathmandu, ca. 850 Euro hin und zurück, wenn man früh genug bucht. Beste Reisezeit: September bis November, März bis Mai.

Unterkunft
Fast überall günstige Preise. Gute Wahl: Hotel Encounter Nepal im etwas ruhigeren Norden von Thamel. Preise für ein Doppelzimmer mit Bad: ab ca. 16 Euro pro Nacht, www.encounternepal.com

Essen
Yak Restaurant im Süden Thamels. Unbedingt Alu Dum, sehr scharfes Kartoffelcurry, probieren. Leckere Vorspeise: Momos, Teigtaschen mit den verschiedensten Gemüse- oder Fleischfüllungen. Wie überall, bekommt man auch hier ein sehr gutes Dal Bhat, das nepalesische Hauptgericht aus Linsen, Gemüse und Reis. Ein reichliches Abend­essen, mit Vorspeise und Everest-Bier, kostet unter fünf Euro.

Sehenswürdigkeiten
Durbar Square, Königsplatz, im Süden von Thamel, mit Riesen-Hindu-Tempel, Platz-Eintritt: ca. 3 Euro

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