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Die andere Stadt: Locarno

locarno_onlineEs sind nur rund 350 Meter über dem Meeresspiegel. Aber die sind ziemlich steil. Ein schmaler, gepflasterter Pfad führt durch den Wald zum Wallfahrtsort Madonna del Sasso. Genau an diesem malerischen Ort hoch über den Dächern von Locarno hatte ein Franziskanermönch im August 1480 eine Marienerscheinung. Es scheint nicht abwegig – der Aufstieg muss damals noch anstrengender gewesen sein. Am besten, man informiert sich vor der Wanderung und läuft nicht einfach spontan los.

Die vielen Familien und Rentner, die im Hof der Kapelle stehen, sind nämlich nicht zu Fuß den beschwerlichen Weg heraufgekommen – sondern ziemlich gemütlich mit einem kleinen Seilbahnbus, der vom Hauptbahn­hof abfährt. Aber egal, wie man den Kapellenberg erklommen hat – die Aussicht auf den glit­zernden Lago Maggiore und die schneebedeck­ten Alpen ist grandios. Auch die Piazza Grande kann man von oben sehen. Sie ist das Zentrum Locarnos. Und die Kulisse für zahlreiche Kulturveranstaltungen wie Open-Air-Konzerte und das jährlich im August stattfindende Internationale Filmfestival.

Überhaupt ist am Lago Mag­giore die Kunst zu Hause. In einem Park an der Seepromenade stehen 16 Skulpturen des Bildhauers Hans Arp, der auch in Locarno begraben wurde. Und der Clown und Pantomime Dimitri hat hier in Verscio neben einem Theater sogar eine Hochschule für Schauspiel und Bewegung gegründet. Zusammen mit seinem Kollegen Richard Weber, einem früheren Tänzer und Akrobaten, unterrichten sie jährlich 40 Studenten in pantomimischer Körpersprache, Maskenbau und Choreografie. Eine Clownsschule seien sie aber nicht, so Dimitri, denn „Clownerie kann man nicht lernen – man kann sie nur fördern“. Und das tun sie, wo sie können, sogar beim Essen unter Weinreben – etwa im Restaurant Centovalli. Locarno im Tessin gilt als der wärmste Ort der Schweiz und als die nördlichste Ortschaft mit mediterranem Klima an einem See. Überhaupt hat man den Eindruck, man befinde sich in Italien – das Tempo des Ortes ist eher gemäch­lich, die Müllabfuhr laut, George Clooney wohnt um die Ecke (am Comer See), und es gibt Palmen und Zitronenbäume. Ganz in der Nähe, in der Magadinoebene, wird sogar erfolgreich Reis angepflanzt.

Der Locarner aber sieht sich mehr als Schweizer – vor allem, wenn es um die Bahn geht. Italienische Züge hätten immer Verspätung – im Gegensatz zu den eidgenössischen. Das stimmt zwar nicht. Denn auch die schönen Schweizer Panoramazüge bleiben manchmal einfach auf der Stre­cke stehen. Aber Schweizer, sogar wenn sie italienisch sprechen, glauben an die Zuverlässigkeit ihrer nationalen Verkehrsmittel. Entsprechend hängen auch im Tessin am 1. August, dem Schweizer Nationalfeiertag, die Schweizerkreuze an fast jedem Haus. Und in diesem Jahr flattern sie auch in Berlin – im Radialsystem V. Eine Woche lang präsentiert sich dort die Schweizer Kultur­szene. Die Scuola Dimitri wird ein dadaistisches Stück aufführen, der Autor und Musiker Jürg Halter alias Kutti MC rappt Poetisches, die Band Sulp lässt Alphörner dröhnen, und eine Kunst-Performance von Copa & Sordes erklärt die Käseherstellung. Eine umfangreiche, ebenerdige Schweizerscheinung.

Die rund 350 Meter Abstieg vom Madonnenberg in Locarno sind übrigens recht locker. Abgelenkt durch künstlerische Motive des Kreuzgangs merkt man nur an den entgegenkommenden schwitzenden Touristen, dass auch dieser Treppenweg anstrengend sein muss. Wallfahrten sind eben nichts für Weicheier.

Text: Britta Geithe

Foto: Scuola Teatro Dimitri

Anreise
Am besten mit Air Berlin von Berlin nach Zürich (Hin- und Rückflug ca. 150 Euro). Und danach per Zug nach Locarno. Mit etwas Glück kann man auf dieser Strecke im Panoramazug einchecken.

Unterkunft
Wenn man im Hotel Belvedere (4 Sterne, ab 123 Euro, Via ai Monti della Trinitа 44) absteigt, hat man schon ein Drittel des Aufstiegs zur Madonna del Sasso geschafft.

Essen & Trinken
Auf der Piazza Grande gibt es eine große Auswahl an Restaurants. Richtig romantisch unter Weinreben kann man aber außerhalb von Locarno im Restaurant Centovalli in Ponte Brolla speisen.

Kultur
Das 62. Filmfestival von Locarno startet am 5. August auf der Piazza Grande. Wer Lust auf Theater hat, kann das Teatro Dimitri in Verscio besuchen – dort treten neben Dimitri selbst auch Schauspielschüler der Scuola Dimitri den Sommer über auf. www.teatrodimitri.ch

Schweizgenössisch Radialsystem V, Holzmarktstraße 33, Fried­richshain, 31.7.-6.8., weitere Infos, Karten: www.schweizgenoessisch.com

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