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Die andere Stadt: Mexiko-Stadt


Manuel Uribe möchte ein Vorbild sein. 180 Kilogramm hat der Mexikaner abgenommen, in nur neun Monaten. Und er ist noch lange nicht am Ziel. 100 Kilogramm Idealgewicht gibt er auf seiner Homepage als Fernziel an. Er wog einmal 597 Kilo.
Der 44-Jährige ist eine nationale Ikone. Sein Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde als dick­s­ter Mann der Welt, die Heirat mit seiner Friseurin, sein stahlverstärktes Bett auf Räder, auf dem ihn, der sein Zimmer bis dato seit sechs Jahren nicht verlassen hatte, begeisterte Anhänger durch die Straßen schoben – all das gab weltweit Schlagzeilen, Fotostre­cken und Doku-Soaps. Aber Abnehmen? Da wollen die Mexikaner ihrem Idol nicht folgen.
Ob die fettesten Menschen der Welt in Mexiko oder in den USA leben, ist noch ein Streit unter Statistikern; in beiden Ländern gelten etwa 65 Prozent aller Männer und Frauen als übergewichtig. Bei den Kindern aber hat eindeutig Mexiko den Bauch vorn. Und in seiner Hauptstadt ist die Lage noch einmal ein paar Kilo schlimmer. Nirgends quillt so vielen Jungen und Mädchen eine Wampe aus dem T-Shirt wie in der 19-Millionen-Einwohner-Metropole, die ohnehin schon geplagt ist von Armut, Gewalt und Smog. Die Regierung meldet erste Erfolge im Kampf gegen Schweinegrippe, Dro­genschmuggel und Indio-Aufstände. An der Fettfront dagegen ist die Lage düster bis verzweifelt. „Zu viel Essen führt zum Herzinfarkt!“, „Übergewicht kostet dich Lebensjahre!“ Derartige Plakate hängen inzwischen überall in der Stadt. Doch die Mexikaner – Zu­cker­watte und Tacos in der Hand – laufen achtlos daran vorbei.

Mehr Erfolg versprach zunächst die „Abspeckprämie“ der Provinzstadt Aguascalientes: Zehn Dollar für jedes Kilo weniger stellte der dortige Bürgermeister seinen fettleibigen Polizisten in Aussicht –, in der Hoffnung, sie würden flüchtigen Dieben in Zukunft länger als nur ein paar Meter folgen können. Fragt man ein Jahr später Mexikaner, was aus der Ab­­speckprämie geworden ist, ant­worten sie mit einem Schulterzucken. Ihre Polizisten sind fett wie eh und je, und mit der Kriminalität kommt es von Monat zu Monat auch immer dicker.
McDonald’s, Coca-Cola sind in der Debatte die üblichen Verdächtigen. Nicht völlig zu Unrecht. In Mexiko-Stadt ist der Pro-Kopf-Verbrauch von Coca-Cola inzwischen höher als in den USA. Aber vor allem sind es die einfachen, klassischen Dick­macher – Zucker, Salz, Fett, Weißmehl – mit denen die Armen ihren Hunger stillen. Nie waren Kalorien, jedenfalls in den Großstädten, so einfach und billig verfügbar.
Damit wird Übergewicht zum Unterschichtenproblem –, und zwar global. „Diabetes weltweit außer Kontrolle“, schlägt auch die In­ternational Diabetes Federation Alarm. Nirgends wächst die Zahl der Zuckerkranken so rasant wie in den Dritte-Welt-Metropolen Kairo, Nairobi oder Kalkutta. Die Patienten werden immer jünger – und immer ärmer.

Die üblichen Konzepte der Aufklärung – selbst in den Industrieländern mit ihrer relativ gebildeten Bevölkerung kaum erfolgreich – versagen hier zwangsläufig. Was nützt An­alphabeten eine Broschüre? Und wer will dem hungernden Landflüchtling – von denen allein Mexiko-Stadt jeden Tag einige Tausend aufnimmt – ernsthaft raten, er solle sich bei Zu­cker und Mehl zurückhalten?
Immerhin, Manuel Uribe gibt nicht auf. Auf seiner Homepage wirbt er für die Manuel Uribe Foundation. Mit Ernährungsberatung und Diätplänen will er unverdrossen seine Landsleute mitnehmen auf seinem eigenen, langen Weg. Vor allem die Kinder.
Neuen Stoff für Schlagzeilen, Fotostrecken oder Doku-Soaps lie­fert seine Stiftung bislang allerdings auch nicht.

Text: Kai Hensel

Wichtig zu wissen:
Anreise
Alle großen Linien fliegen Mexiko-Stadt an. Wer durchs Land reisen will, fliegt günstiger nach Cancъn, zum Beispiel mit Air Berlin.
Für die Einreise genügt ein Reisepass.

Kosten
Schweinegrippe, Drogenkrieg, Rezession – der Tourismus ist massiv eingebrochen. Preisnachlässe von 50 Prozent, ob für Übernachtung oder Tauchkurse, sind zurzeit deshalb keine Seltenheit.

Sicherheit
Die Gefahr, zwischen die Fronten rivalisierender Drogenbanden zu geraten oder Opfer von Kidnappern zu werden, liegt für Aus-
länder nahe Null. Größer ist die Wahrscheinlichkeit, nachts von
Taxifahrern ausgeraubt zu werden.

Sprachkurse
Die Universidad Nacional Autуnoma de Mйxico bietet hervorragende Intensivkurse an. (www.cepe.unam.mx)

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