Kultur

Die andere Stadt: Wien


„O du Fröhliche …“ eine Art Heilsarmee mit roten Jacken, blauen Hosen und großen Hüten mit Troddeln daran singt und trompetet gegen den strömenden Regen. Offenbar stehen sie schon länger da. Denn trotz Überdachung sind sie pitschnass. Es scheint sie nicht zu stören, unbeirrt stimmen sie schon den nächsten Weihnachts­choral an. Und auch das Publikum hat erstaunlicherweise nichts Bes­seres zu tun, als sich bei eisigem Wind nassregnen zu lassen.
Wien im November. Von Berlin nur etwa eine Flugstunde entfernt, wähnt man sich doch in fernen Welten. Während Berlin jedes Jahr über Hungerharkentannen streitet, zelebriert Wien Weih­nachten mit Kitsch, Pomp und Gloria. Etwa in der Fußgängerzone in der Innenstadt. Schon die Beleuchtung Am Graben rund um die Pestsäule lässt energiesparende Nordlichter schlicht verstummen. Hier hängen tatsächlich überdimensionale Kronleuchter über der Straße – dagegen erscheinen die Lichterketten Unter den Linden als funzeliger Spielkram. Und natürlich können wir auch bei den Bäumen nicht mithalten. Wenn unsere mal nicht beim Transport oder Aufstellen in der Mitte durchbrechen, sind sie krumm und schief gewachsen oder werden von Irren aus Protest gegen irgendwas garantiert noch vor Heiligabend abgesägt. Ganz anders in Wien. An fast jeder In­nenstadtstraßenecke steht eine prächtig geschmückte meterhohe Tanne. Und da es kaum Hunde gibt – vermutlich liegt das daran, dass es hier in der weihnachtsfreien Zeit keine Bäume gibt – kann man den Blick sorglos nach oben richten.

Das einzige, was einem dabei entgehen könnte, ist die eine oder andere Konditorei oder Patisserie. Denn Wien ist nicht nur Weih­nachtsstadt, sondern auch die Hauptstadt der Süßspeisen. Buchteln, Strudel, Kaiserschmarren, Palatschinken, Topfenknödel, Mohnnudeln, Powidltascherl und natürlich die Sachertorte haben hier ihren Ursprung. In Anbetracht dieser Köstlichkeiten, dazu zählen auch die heißen Maroni, sieht man extrem wenig dicke Wiener herumlaufen. Auch in den Cafйs sitzen sie nicht. Vormittags halten sich zum Beispiel im Cafй Central oder im Bräunerhof vornehmlich ältere Männer auf, manche mit hochgezwirbeltem Kaiserschnauzer. Überhaupt scheint in den hohen, teils kathedralenähnlichen Gewölben die Zeit stehen geblieben zu sein. Statt mäkeliger und arroganter Studentinnen kellnern hier Ober in schwarzer Weste oder weinrotem Jackett. Eine große Zeitungsauswahl ersetzt die Musikberieselung und Tabakrauch liegt in der Luft – in Wien darf offenbar noch geraucht werden. Und säße der Schriftsteller Josef Roth am Nebentisch, man würde sich ebenso wenig wundern wie über den Dramatiker Thomas Bernhard oder den Publizisten Karl Kraus. Sie nutzten die Cafйs bei einem „Melange“ oder einem „Großen Braunen“ sowie einem Glas Wasser als Informationsbörse, Inspirationsquelle und Hort für Intrigen. Rund 500 Kaffeehäuser soll es in Wien noch geben. Und in der Adventszeit ist es auch leicht, einen Platz zu bekommen. Denn die meisten Wiener haben ihr Wohnzimmer nach draußen verlagert, auf einen der unzähligen Weihnachtsmärkte.
Schon vor dem ersten Advent, ab Mitte November, bieten die Händler in kleinen Holzhütten Kunsthandwerk und Weihnachtsdeko an. Es gibt Feuerperformances und tägliche Dichterlesungen. Doch besonders beliebt sind vor allem die Punschstände. Schon ab mittags kann man sich zum Beispiel vor dem Schloss Belvedere, der Karlskirche, auf dem Rathausplatz oder auf der Freyung die Gesichter rottrinken. Angefangen beim harmlosen Beerenpunsch über Spezial-Punsch-Varianten wie Kaiser-Franz-Punsch (Schönbrunn), Yeti-Glühwein (Maria-Theresien-Platz) oder Campari-Orange-Punsch (Altes AKH) bis zum Koma-Getränk namens Turbo-Punsch. Das weinhaltige Rumgetränk wird zurzeit mit der Kampagne „Nachdenken statt Nachschenken“ vom Österreichischen Gesundheitsfonds geächtet. Ob die Alternative, ein alkoholfreier Jugendpunsch, sich durchsetzt, wird sich zeigen.
Die Touristen wird das jedenfalls nicht verschrecken. Rund drei Millionen kommen laut Wiener Tourismus-Behörde jedes Jahr zu Weihnachten. Und in diesem Jahr bekommen sie auf den Märkten sogar Flyer zum Punsch dazu. Auf den Zetteln wirbt Wien für die nächste Attraktion – 2009 jährt sich zum 200. Mal der Todestag des Komponisten Joseph Haydn. O du Fröhliche …

Text: Britta Geithe

Wichtig zu wissen:

Anfahrt

Am besten mit dem Flugzeug und dann mit dem Schnellzug CAT in die Innenstadt (rund 15 Kilometer).

Stadterkundung
Unbedingtes Muss ist der Besuch in einem Kaffeehaus, zum Beispiel dem Cafй Central und natürlich dem Hotel Sacher. Eine preisgünstige Stadtrundfahrt kann man mit der Tramlinie 1 auf dem Ring machen. Man sieht auf der Fahrt das Burgtheater, das Rathaus, die Hofburg, das Museumsquartier, aber auch das Hundertwasserhaus und den Prater. Dort befindet sich auch die Endhaltestelle.

Übernachtung
In Wien gibt es viele Hotels, Pensionen und Herbergen. Zentrumsnah (und laut) ist das Donauwalzer –, dort kann man sich auch direkt Fahrräder leihen. Wer gebügelte Zeitungen toll findet, sollte im Imperial (DZ ab 180 Euro) absteigen. In der gleichen Preisklasse befindet sich das Hotel Sacher mit Torte, direkt hinter der Oper.

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