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Die Bachmann-Preisträgerin Katja Petrowskaja im Interview

PetrowskajaKatjaFrau Petrowskaja, wie fühlt es sich an, in Klagenfurt vor der Jury zu sitzen, die über den neuen Bachmann-Preisträger berät, und dann den eigenen Namen zu hören?
Ich habe hemmungslos geweint. Ja, peinlich. Ich war überwältigt.

Ihr Sieger-Text „Vielleicht Esther“ verarbeitet das von den Deutschen verantwortete Massaker in der Schlucht Babij Jar bei Kiew. 1941 wurden dort mehr als 30?000 Menschen erschossen. Sie haben darüber bereits 2011 für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ eine Reportage geschrieben. Wie fasst man dieses Grauen angemessener: journalistisch oder literarisch?
Ich habe mich damals mit der Topografie dieser Stadt beschäftigt: Wie kann ein moderner Mensch mit diesem Massaker umgehen? Man kommt dorthin mit der U-Bahn, da ist ein Park, man spaziert herum. „Vielleicht Esther“ war ein weiterer Versuch, damit umzugehen. Ich sehe dabei aber keinen großen Unterschied zwischen dieser Art von Journalismus und literarischer Prosa. Denn die Geschichte, die ich in meinem Text erzählt habe, ist nur eine andere Sichtweise.

Die alte Frau, um deren Ermordung der Text kreist, war Ihre Urgroßmutter.
Das einzig Fiktive an meinem Text ist ihre deutsche Sprache: wirklich das einzige, das ich mir darin ausgedacht habe.

Sie sind gebürtige Ukrainerin, schreiben aber auf Deutsch. Schafft die deutsche Sprache die nötige Distanz, diesen schweren Stoff zu bewältigen?
Leichter wird es nie. Die deutsche Sprache ist dabei keine Befreiung. Es ist etwas ganz anderes. Wenn man diese Geschichte auf Russisch schreiben würde, hätte man sozusagen ein moralisches Recht auf die ganze Geschichte. Es wäre klar, wo man steht: Man ist Sieger über den Faschismus, man identifiziert sich mit jüdischen Opfern. Ich möchte diese Prädestinierung zur Vergangenheit nicht. Und ich möchte keine Prädestinierung für die Zukunft. Die deutsche Sprache macht diese Entfremdung möglich.

Was meinen Sie mit „Entfremdung“?
Es bedeutet: Man weiß nicht, wem diese Geschichte gehört. Und es ist die Sache jedes Lesers, zu verstehen, ob er diese Geschichte in irgendeiner Weise adoptiert. Und was für mich ganz wichtig ist: Wenn sogar ich eine solche Familiengeschichte auf Deutsch schrei­ben möchte, dann ist etwas geschehen in diesem Raum zwischen den Sprachen. Es ist etwas überwunden. Und genau das möchte ich erreichen.

Sie sind 1999 mit Ihrem deutschen Mann nach Berlin gezogen, in die Hauptstadt der Täter. War das für Ihre Eltern problematisch?
Überhaupt nicht. Mein Vater und meine Mutter sind noch mehr in meinen Mann verliebt als ich (lacht). Ein Freund von uns hat einen wahnsinnig pathetischen Satz gesagt, als wir geheiratet haben: „Und nun ist der Zweite Weltkrieg zu Ende.“

Man liest über Sie jetzt oft, dass die Eltern Sie schon 1986 wegen des Tschernobyl-Super-GAUs aus Kiew weggeschickt hätten.
Quatsch. Ich bin allein nach Moskau gegangen. Meine Eltern leben bis heute in Kiew.

Sie haben in Estland und den USA studiert, haben in Moskau promoviert. Sehen Sie Berlin noch mit den Augen einer Reisenden, sozusagen in Außenansicht?
Ich bin seit 14 Jahren in Berlin. Ich bin bewusst hergekommen. Mein Mann wollte in Moskau bleiben. Ich wollte aber hierher.

Warum denn das?
Ich war 1995 das erste Mal in Berlin. Da stand ich am Potsdamer Platz wie Curt Bois aus „Himmel über Berlin“ (Bois spielt im Wim-Wenders-Film von 1987 den alten Poeten Homer – Anm. d. Red.). Das hat mich wahnsinnig beeindruckt: diese Stadt, diese Leere, diese Narben. Auch eine gewisse Unbestimmtheit. Es ist oft so, dass etwas Tragisches zu einer unglaublichen Offenheit und Freiheit führt. Das war in Berlin so.

Vermissen Sie diesen Reiz des Unfertigen?
Ja, absolut. Ich bin zwar erst Ende der 90er-Jahre gekommen, aber ich habe noch Reste von diesem Reiz erlebt. Selbst in Prenzlauer Berg, wo ich wohne. Ich würde hier wahrscheinlich auch als Schwäbin bezeichnet werden. Danke schön, aber ich bin gern Schwäbin, wenn ich sehe, dass Menschen fähig sind, das Wort „Hass“ in den Mund zu nehmen, wenn es um Schwaben oder auch die Prenzlauer Berger Familien geht. So ein stereotypes Denken! So eine Coolness, bravo! Aber es ist im Kiez tatsächlich sehr homogen geworden. Überall, wo Homogenität entsteht, geht die Luft aus.

Lassen Sie uns nochmal kurz nach Klagenfurt zurückschauen. Sind Sie mit dem Moment der Preisverleihung mehr Schriftstellerin geworden, als Sie es vorher waren?
Gute Frage. Ich habe nie gesagt, ich bin Schriftstellerin. Ich habe noch kein Buch. Vielleicht kann ich das nach zwei oder drei Büchern sagen. Aber dass meine Art des Schreibens, des Denkens bei einem Wett­bewerb derart angenommen werden kann, das hat mich schon sehr beeindruckt. Weil ich tatsächlich nicht weiß, wo ich jetzt stehe.

Ihr Text ist ein Auszug aus dem gleichnamigen Roman, der im März bei Suhrkamp erscheint. Wie weit sind Sie damit?
Wie weit oder wie zufrieden – das sind zwei verschiedene Fragen. Ich bin mit zwei Dritteln des Buches fertig, oder sogar mit mehr, aber ich bin mit wenigen Sachen zufrieden. Das ist eine sehr interessante Situation für mich, weil jetzt natürlich der Druck steigt.

Mit Ihnen gewinnt zum dritten Mal in Folge eine Autorin den Bachmann-Preis, die nicht in ihrer Muttersprache schreibt. Was sagt uns das über Trends in der Literatur?
Ich habe erst mit 27 Jahren angefangen, Deutsch zu lernen. Nun ist der Bachmann-Preis nur ein Teil der Literatur. Aber was ich merke: Es kommt, zum Beispiel aus Polen oder anderen nahen Ländern, eine große Welle von sogenannten Nicht-Muttersprachlern nach Deutschland. Unter anderem zum Studieren. In gewisser Weise entsteht damit auch eine neue literarische Heimat.

Müssen die Kollegen bei der „FAS“, wo Sie seit zwei Jahren die Kolumne „Die west-östliche Diva“ schreiben, auf Ihr Honorar jetzt einen Preis-Aufschlag drauflegen?
Ich bin nicht so pragmatisch, aber danke für die Idee! Ich habe immer so ein bisschen anonym gelebt. Jetzt wurde ich irgendwohin katapultiert. Ich muss noch überlegen, wie ich damit zurechtkomme.

Interview: Erik Heier

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