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Die Bildgießerei Noack zieht um

Die Bildgiesserei Noack zieht umDer Stellvertretende Bürgermeister des Bezirks, Klaus-Dieter Gröhler, schwärmt: „Wenn man mit dem Dampfer von Charlottenburg nach Mitte fährt, ist da der Ufergrünstreifen und das Cafй, und dann kann man aussteigen und Kultur genießen.“ Die Wasserstraßenanbindung für das Verschippern tonnenschwerer Großplastiken liegt praktisch vor der Tür.
Der neue Bootsanleger soll einmal für Bronzekunst-Besichtigungstouren zur Verfügung stehen – per Boot von der Gießerei in Charlottenburg über die künftige Kunsthalle am Humboldthafen bis zur Galerie Contemporary Fine Arts an der Museumsinsel. Zukunftsmusik. Fällt der Abschied vom Traditionsstandort nach so langer Zeit nicht schwer?
„Grundsätzlich ja“, meint der 78-jährige Senior, der in der Fehlerstraße 8 schon geboren wurde und sein ganzes Leben dort in der Gießerei verbrachte, „aber wenn ich so sehe, wie sich alles entwickelt, ist es gerade jetzt die rich­tige Zeit. Der Kunsthandel ent­wickelt
sich.“ Sein Sohn hat mit dem Abschied kein Problem und kann es kaum erwarten: „Hier können wir unsere Stärken noch besser herausarbeiten, können künstlerisch und technisch mehr als andere anbieten – und das werden wir noch ausweiten.“ Im Bildband über die Bronzegießerei Noack (Ravensburger Buchverlag) lässt sich nachlesen, wie Kunst und Handwerk hier seit jeher zusammengehen. Dass die Red-Bull-Bullen durchaus ihre Vorgänger hatten, etwa in August Gauls monumentalen „Kämpfenden Wisenten„, die 1913 in Wachs modelliert und dann im Sandguss für einen Brunnen in Königsberg gefertigt wurden. Im Berliner Stadtbild heute noch prägend: die Quadriga von Schadow auf dem Brandenburger Tor. Im Zweiten Weltkrieg ramponiert, wurde das Original 1950 von einem Ost-Berliner Räum­kommando vom Tordach gestoßen und zertrümmert. Später dann wollte man sie wieder haben, und so entstand 1957/58 eine Rekonstruktion aus Bronze, Stahl und Kupfer. Natürlich aus der Hand der Noacks und ihrer Truppe! Der Ostteil Berlins übernahm die Baumaßnahmen am Tor, der Die Bildgiesserei Noack zieht umWest-Berliner Senat bezahlte die Kupfertreibarbeit einer neuen Quadriga. Sie ist nicht die einzige Berühmtheit, die in den überirdischen Friedenauer Katakomben hergestellt wurde. Die Figuren des großen Brunnens von Joachim Schmettau am Breitscheidplatz gehören ebenso dazu wie Henry Moores „Big Butterfly“-Skulptur vor dem Haus der Kulturen der Welt. Nicht zu vergessen der „Berliner Bär“ von Renйe Sintenis, der bronzene „Kilometerstein“ am Ex-Grenzübergang Dreilinden und der Große Kurfürst vor dem Schloss. Von dort kann man an der Spree entlangwandern, Brü­cken unterqueren und schon mal einen Blick auf die Baustelle werfen. Hermann Noack sen. freut sich und deutet auf die Simulation am Computer: „Hier auf dem Wanderweg zwischen Kraftwerk und Sömmeringstraße werden Skulpturen aufgestellt.“ Im Museum ne­benan sollen einmal die Kunstwerke, die bei Noack gegossen wurden, gezeigt werden. „Volk Ding Zero“ von Georg Baselitz zum Beispiel, ein folkloristischer Riese mit High Heels, oder Meeses fabulöser „Napoleon“.
Ja, und eine Kapelle wird es auch geben. Diese schöne Idee des Architekten Löneke rundet den zweiten Bauabschnitt ab. Hier kann man dann fürs gute Gelingen beten und angesichts von Ernst Barlachs „Chris­tus“ über das ewige Leben von Skulpturen sin­nieren. „Holz wird alt, Keramik springt, Kunststoff wird schäbig“, sagt Betriebsmeis­ter Thorsten Knaak, „aber wenn Sie in 5000 Jahren eine Bronze ausbuddeln, ist die immer noch wie neu.“ Jung geblieben wie die Noacks.

Text: Andrea Hilgenstock

Fotos: Bronzegießerei Noack

Die Bildgalerie im Internet: www.noack-bronze.com

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