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Die Bretter, ?die kein Geld bedeuten

Die Bretter, ?die kein Geld bedeuten

Als She She Pop 1998 ihr erstes Stück produziert haben, betrug der Stundenlohn der beteiligten Performerinnen umgerechnet 50 Pfennig. Gründungsmitglied Lisa Lucassen hat das unlängst auf dem „Branchentreff freie darstellende Künste 2015“ in Kreuzberg in einem Vortrag erzählt. Heute sind die Kollektivkünstlerinnen weltweit auf Tour und, so Lucassen, „Arbeitgeberinnen in einem mittelständischen Unternehmen“. Sie unterhalten ein Büro, haben eine Tourmanagerin, bekommen Geld aus der Konzeptförderung des Landes Berlin. She She Pop sind neben Rimini Protokoll und Gob Squad die leuchtende Erfolgsgeschichte der freien Szene Berlins.
Lucassen hat in ihrer Rede aber auch von einem befreundeten Künstler berichtet, der gerade 50 geworden ist und seine private Rentenversicherung aufgelöst hat, in die er jahrelang 100 Euro im Monat einzahlte. Weil er sich ausrechnen konnte, dass er damit noch unter Hartz-IV-Niveau landen würde. Also was soll’s?  
Der Kulturhaushalt soll in den kommenden zwei Jahren um 49 Millionen Euro anwachsen.  In der Kulturlandschaft aber klafft, wie in der gesamten Gesellschaft, zunehmend die Schere. Einer handvoll Gewinner-Biografien steht der große Rest, der sich bestenfalls durchwurschtelnden Künstlerinnen und Künstler gegenüber. Die waren und sind zwar der Humus des Berliner Image-Aufschwungs als hippe Kreativmetropole. Bloß zahlt sich das für die wenigsten aus. Wer sich in der freien Szene durchschlagen muss, darf sich in der Regel auf Abendgagen im Bereich um 100 Euro gefasst machen. Zum Vergleich: bekannte Fernsehgesichter können sich Engagements auf Zeit an Privattheatern leicht mit 1000 Euro pro Vorstellung vergüten lassen.
Thomas Sutter, Betreiber des Berliner Atze-Musiktheaters, zählt zu den wenigen, die mit den Magerlöhnen an die Öffentlichkeit gehen. Lediglich 130 Euro pro Vorstellung kann er seinen Schauspielern bieten. Um sie sozialversicherungspflichtig anzustellen, reichen seine Subventionen nicht.
Wie prekär die Lage ist, offenbart ein Blick auf die jüngsten Statistiken der Künstlersozialkasse (KSK) vom Januar 2015. Wer etwa zwischen 30 und 40 Jahre alt und im Bereich Darstellende Kunst ?tätig ist, hat ein durchschnittliches Jahreseinkommen von 15.575 Euro brutto, knapp 1.300 Euro im Monat. Als Mann. Frauen in der gleichen Gruppe kommen auf gerade mal 10.447 Euro.
Nicht nur können sich viele der Kulturbetriebsmenschen in einer stetig teurer werdenden Stadt die Mieten kaum mehr leisten. Auch der Kampf um Aufmerksamkeit verschärft sich. Wer jetzt nicht arriviert ist und in die Kategorie Schaufensterkunst fällt – die Staatssekretär Tim Renner nicht zuletzt mit der Berufung des Kurators Chris Dercon als Volksbühnen-Chef forciert – hat Pech gehabt und hangelt sich von Projektantrag zu Projektantrag.
Längst ist eine schizophrene Situation entstanden, wie Christophe Knoch, Sprecher der Koalition der freien Szene, beobachtet. Viele Künstlerinnen und Künstler verdienen ihr Geld außerhalb – „wo das Label ‚Made in Berlin‘ unglaublich gefragt ist“.
Und nur wenige entziehen sich den Marktmechanismen so konsequent wie Dirk Cieslak, vormals Mitbegründer der Sophiensжle. Heute betreibt er die „Vierte Welt“ am Kottbusser Tor – einen Denkraum, „in dem das Wort Projekt verboten ist“ und der so aus dem Rahmen des Verkäuflichen fällt, dass ihm prompt die Basisförderung gestrichen wurde. Cieslak klagt darüber nicht. Er stellt seine Förderanträge und blickt illusionsfrei auf die neoliberalen Strukturen einer freien Szene, die er mitgeschaffen hat und mit denen er „nichts mehr zu tun haben möchte“. Dass er von der „Vierten Welt“ nicht leben kann, versteht sich fast von selbst.
Als Durchbruch könnte man feiern, dass im kommenden Haushaltsentwurf erstmals die Forderung des Landesverbands freie darstellende Künste (LAFT) und der Koalition der freien Szene nach Honoraruntergrenzen bei senatsgeförderten Projekten anerkannt wird. Auch Ausstellungshonorare für bildende Künstlerinnen und Künstler, die ihre Werke in öffentlich geförderten Präsentationsräumen zeigen, soll es erstmals geben. Die Honoraruntergrenze soll nach dem Wunsch des LAFT bei 2500 Euro brutto (ohne KSK) pro Monat liegen. Wozu Christophe Knoch betont: „Wir reden hier nicht von Grundeinkommen für alle, die sich zu Künstlern erklären. Sondern von Anträgen, die sich unter hunderten anderer durchgesetzt haben“.
Benötigt würden – sollen künftig nicht weniger Projekte gefördert werden – nach seiner Rechnung 4 Millionen Euro. Bewilligt werden wohl nur 800.000. Klar ist: an den prekären Bedingungen einer Mehrheit wird sich dadurch nichts ändern.
Nach landläufiger Vorstellung geht es dafür den Glücklichen besser, die im Stadt- und Staatstheater arbeiten. Was nicht stimmt. Es sei denn, man wertet es als Errungenschaft, dass zu Beginn dieser Saison der Normalvertrag Bühne Solo – der unter anderem für Schauspieler, Sänger, Tänzer greift – von 1.650 Euro auf 1.765 Euro angehoben wurde. Brutto, versteht sich. 48 Wochenstunden vorausgesetzt, landet man damit ziemlich genau beim Mindestlohn. Der Punkt ist: in der Theaterbetriebsrealität wird wesentlich länger gearbeitet.
Klar gibt es an jedem Haus die Stars, die überdurchschnittlich verdienen. „Aber der Mittelbau bricht weg“, beobachtet Jörg ?Löwer, Präsident der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA). Immer mehr der festangestellten, nicht berühmten Künstler „gehen auch in die prekäre Beschäftigung mit sehr geringen Gagen“.
Die Berliner Theater sind, wenig überraschend, nicht auskunftsfreudig, was ihre Gehaltsgefüge betrifft. Abgesehen vom Deutschen Theater Berlin, vermutlich, weil es überdurchschnittlich gut bezahlt. Schauspielanfänger und Assistenten verdienen hier im ersten Jahr 1.900 Euro und im zweiten 2.000 Euro brutto. Gäste im Bereich Schauspiel bekommen, selbst wenn sie in der kleinsten Spielstätte auftreten (der Box) nicht unter 250 Euro am Abend. Hospitanten erhalten Vergütungen, wenn sie besondere Aufgaben übernehmen. Der Bereich der Gastverträge ist bis heute völlig ungeregelt. Theoretisch kann man sich für eine Abendvorstellung zum Mindestlohn von 8,50 Euro engagieren.
Die Diskussion übers Dumping, das hier gerade an Häusern unter Spardruck herrscht, hat die Initiative „art but fair“ vom Tabu befreit. Deren Gründer Johannes Maria Schatz hat mit einer Facebookseite namens „Die traurigsten & unverschämtesten Künstlergagen und Auditionserlebnisse“ angefangen. Als Reaktion darauf, dass seiner Frau, einer Künstlerin, von einem Aachener Theater ein Engagement zum Spottpreis von 1.250 Euro brutto im Monat offeriert wurde. „In den östlichen Ländern der Republik gibt es Theater, die 80 Euro pro Vorstellung und 500 Euro Probenpauschale für 6 Wochen angeboten haben“, so Sören Fenner, art-but-fair-Mitstreiter und Betreiber der Seite „theaterjobs.de“. Für Übernachtung und Fahrtkosten sollte der Künstler selbst aufkommen.
Die Stadttheater als Billigheimer? Die Tendenz, Gäste statt Festangestellte zu beschäftigen, bedeutet für Johannes Schatz jedenfalls „auf lange Sicht den Tod des Ensembletheaters“. Fakt ist: in der Saison 1991/92 gab es bundesweit 10.218 festangestellte Darstellerinnen und Darsteller und 6.929 Gastverträge. In der Spielzeit 2013/14 standen 7.693 Festangestellte 25.228 Gastverträgen gegenüber.
Der Preis fürs künstlerische Arbeiten wird nicht nur in der freien Szene, wie Lisa Lucassen es formuliert, „in den Währungen Selbstausbeutung und fehlende soziale Sicherung“ bezahlt.

Text: Patrick Wildermann

Foto:
watthano / Fotolia

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