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Die Freie Szene in Berlin ist ein ­Wirtschaftsfaktor

Christophe_KnochDie Koalition der Freien Szene fordert, dass die Hälfte der Einnahmen aus der City Tax, geschätzte 20 Millionen Euro, in die freie, nicht institutionelle Kultur fließt. Was haben die Neuköllner Oper, die Kunstwerke oder das Radialsystem mit den rund 10 Millionen Touristen zu tun, die jedes Jahr in Berlin übernachten?
CHRISTOPHE KNOCH
?Eine ganze Menge. Nach einer Erhebung von visit Berlin, der Tourismusmarketingagentur, kommen 70 bis 75 Prozent der Touristen wegen der Freien Kulturszene nach Berlin. Den Begriff der Freien Szene muss man da sehr weit fassen.

Polemisch gefragt: Gehören dazu auch die freie Kneipen- und Club-Szene, die freie Touristen-Szene am Brandenburger Tor, die freie Einkaufs-Szene im KaDeWe und der Friedrichstraße? Oder glauben Sie im Ernst, dass drei Viertel der Touristen wegen der Off-Bühnen nach Berlin kommen?
Nach der Marktforschung von „visit Berlin“ ist es so. Es ist die gesamte Atmosphäre, die Berlin für Touristen attraktiv macht und von anderen Städten unterscheidet. Dieses künstlerisch-subkulturelle Flair Berlins, Kunst, die Clubs  – das ist es, was die Freie Szene ausmacht. Schöne Einkaufsstraßen gibt es auch in Hamburg und Düsseldorf.

Wenn die Bühnen, die stark von Touristen frequentiert werden, von der City Tax profitieren sollen, könnten sich Hallervordens Schlosspark Theater, das Berliner Ensemble, die Ku’damm-Bühnen oder das Lindenberg-Musical am Potsdamer-Platz sehr freuen. Wenn die Freie Szene so ein großer Touristenmagnet wäre, wie Sie sagen, müssten die Touristenbusse statt vor dem Friedrichstadtpalast vor den Sophiensaelen oder dem Heimathafen Neukölln stehen.
Die Leute, die sich für Freie Szene interessieren, kommen ja nicht unbedingt mit Bussen, sondern vielleicht eher mit Easyjet oder der Bahn. Die Leute kommen nach Berlin, weil die Stadt als solche sehr spannend ist. Die Freie Szene ist ein wichtiger Teil dieser spannenden Stadt – und sie ist selbst sehr international. Ein Beispiel: Im letzten Jahr haben wir unser Mica-Moca-Projekt ausschließlich in Englisch gemacht. Englischsprachige Medien wie der „Exberliner“ haben darüber berichtet und das Publikum war sehr international. Viele Touristen sind mit ihren Kameras rumgelaufen und haben sich gefreut: „Wow, that’s typical Berlin.“ Viele Leute kommen hierher, um sich übers Wochenende Sachen anzusehen, zum Beispiel in der Kunstszene, und das nicht nur am Gallery Weekend.

Sie beschreiben die Freie Szene als Touristenattraktion, als Image-Faktor für ein hippes, touristisches Berlin. Das hat zumindest einen interessanten Beigeschmack: Subkultur als Marketing-Instrument und weicher Standortfaktor.
Dieser Beigeschmack ist auch von der Politik gesetzt worden. Wenn ein Regierender Bürgermeister damit wirbt, dass Berlin arm, aber sexy ist, meint er damit nicht die Leute, die in Sozialwohnungen von Hartz IV leben, sondern genau die Kreativen, die für dieses hippe Berlin stehen. Wenn die Stadt mit viel Geld eine Ausstellung „Based in Berlin“ organisiert, zielt sie genau auf dieses Kreativ-Image der Stadt. Das wird von der Politik als Marketing-Instrument für die Stadt benutzt. Und natürlich ist die Freie Szene viel mehr als eine Touristenattraktion. Die Künstler haben in den letzten 20 Jahren die Freiräume genutzt, um genre- und spartenübergreifende Kunstformen zu entwickeln, die offenbar so vielfältig und reichhaltig sind, dass sie international eine große Ausstrahlung haben, sowohl für die Kunstprofis als auch für ein breites Publikum. Berlin ist ein wunderbares Labor der neuen Kunst, nicht nur in der Hochkultur, sondern gerade in den unzähligen, nicht abgesicherten Nischen.

Die City Tax ist eine Steuer. Sie fließt komplett in den Landeshaushalt. Das bedeutet, dass die 20 Millionen Euro, die Sie fordern, in eine Erhöhung des Kulturetats fließen müssten. Befürchten Sie nicht Verteilungskämpfe, wenn auch die anderen Akteure, etwa die großen Opern und Theater, gerne etwas von den City-Tax-Millionen hätten?
Wir wollen ganz sicher keine Fronten zwischen uns und den Opern und Staatstheatern aufmachen. Als die Piratenpartei die Schließung der Deutschen Oper zugunsten höherer Zuschüsse für die Freie Szene forderte, haben wir uns sofort gegen diese Forderung ausgesprochen. Die großen Bühnen sind genauso ein Teil der künstlerischen Vielfalt Berlins wie wir. Wir können alle nur verlieren, wenn wir uns gegeneinander positionieren.

Ihre Podiumsdiskussion im Radialsystem steht, frei nach Occupy, unter dem Motto „Wir sind die 95 Prozent“. Sie schätzen, dass 95 Prozent der Künstler jenseits der Institutionen arbeiten. Haben Sie ein Problem damit, dass nicht jeder Künstler Angestellter im Öffentlichen Dienst ist?
Das ist kein Problem, aber dass viele dieser Künstler unter sehr prekären Verhältnissen arbeiten und leben, finde ich schon problematisch. Etwa 1?950 Künstler, also Schauspieler, Tänzer, Orchestermusiker, Opernsänger, sind fest an den großen Berliner Häusern angestellt. Fast zwanzigmal so viele arbeiten frei in der Stadt. Kein bildender Künstler ist fest angestellt. Unser Ziel ist, dass jeder, der in vom Senat geförderten Kunstprojekten arbeitet, eine monatliche Mindestgage von etwa 2?000 Euro brutto verdient. Heute arbeiten Künstler in öffentlich geförderten, von unabhängigen Jurys und Fachleuten ausgewählten, als professionell und relevant qualifizierten Projekten teilweise für Stundenlöhne unter 4 Euro. Davon kann kein Mensch leben. Es kann nicht sein, dass öffentlich finanzierte und gewollte Kunstprojekte nur mit Selbstausbeutung möglich sind und dass die Menschen, die mit ihrer Arbeit diese reiche Kulturszene ermöglichen, ein Einkommen unterhalb des Existenzminimums haben.

Ein Mindestlohn bedeutet, dass entweder sehr viel mehr Geld für alle Kunstprojekte zur Verfügung stehen muss. Oder, wenn das Subventionsvolumen nicht erhöht wird, dass weniger Projekte, Inszenierungen, Ausstellungen zustande kommen. Wollen Sie das?
Wir wollen natürlich nicht, dass es in Berlin weniger freie Kunst­projekte gibt. Deshalb muss mehr Geld in den Topf, zum Beispiel aus der City Tax.

Berlin hat eine Haushaltsnotlage, die Politik strebt vernünftigerweise ein Ende der Neuverschuldung an. Auch die Kitas, die Polizei, die Schulen, der Straßenbau bräuchten dringend größere finanzielle Ressourcen. Diese öffentlichen Dienstleistungen sind für die Bevölkerung möglicherweise wichtiger als eine große, halbwegs anständig finanzierte freie Kunst-, Tanz-, Opern- und Theaterszene.  Im Kulturetat wird allein die Tariferhöhung in den drei Opernhäusern 20 Millionen Euro im Jahr kosten. Kann es sein, dass Ihre Hoffnungen, dass in dieser Situation 20 Millionen Euro in die darbende Freie Szene fließen, etwas illusorisch sind?
Unsere Forderungen sind nicht illusorisch, sondern einfach notwendig, wenn man will, dass Berlin ein Labor für die Neue Kunst und die Kreativwirtschaft bleibt. Was wir in der freien Szene machen, ist keine Spielerei, das ist wirtschaftlich relevant für diese Stadt. Etwas überraschend und sehr zu unserer Freude hat sich zum Beispiel die Industrie- und Handelskammer an unsere Seite gestellt. Burkhard Kieker, der Geschäftsführer von visit Berlin, wird auf unserer Veranstaltung im Radialsystem sprechen. Die Freie Szene ist, neben allem anderen, was sie für die Kunst leistet, auch ein Wirtschaftsfaktor. Die Kreativwirtschaft schafft unter allen Branchen die meisten Arbeitsplätze in der Berliner Wirtschaft. Natürlich sind wir mit der Wirtschaftsförderung im Gespräch. Unser Eindruck ist, dass viele in der Wirtschaft die Bedeutung der Freien Szene erkannt haben.

Interview: Peter Laudenbach
Foto: Harry Schnitger


Diskussion: Wir sind die 95%, City Tax für die Freie Szene – eine Investition in die Zukunft

u.?a. mit Andrй Schmitz, Radialsystem,
Mo 21.1.2013, 17 Uhr, Eintritt frei

 

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