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Die Gentrifizierung bedroht die Freie Kunstszene

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Das Loophole ist zugleich Kunstraum und Netzwerk für Künstler.

Neue Überlebensstrategien

Zu erwarten, dass die Kulturverwaltung heimlich Geld druckt, um alle gentrifizierungsbedrohten Projekte zu retten, wäre etwas naiv. Aber natürlich ist die Szene gut darauf trainiert, neue Überlebenstechniken zu entwickeln. Daniel Schrader von Ballhaus Ost zum Beispiel will „die Eigeneinnahmen deutlich erhöhen“ – zum Beispiel durch Vermietungen für Events und Partys. Im Prime Time Theater wird die Kunst vom Barbetrieb querfinanziert. Auch die Woesner-Brothers wollen ihr Comedy-Theater mit Gastronomie-Einnahmen und hauseigener Brauerei über Wasser halten. Ohne ein bisschen Kommerz geht es nicht. Das Radialsystem kann sich das teure Gebäude leisten, weil das Geschäft als Dienstleister für Kongresse, zum Beispiel im Auftrag von Ministerien, gut läuft. Dazu kommen neue Mischformen. Schon lange entdeckt das Theater die Clubs, wenn etwa das Staatsballett im Berghain auftritt. Umgekehrt gibt es in der Clubszene Theateraktivisten, die zum Beispiel im Kater Holzig, finanziert von Club-Einnahmen, eigene Theaterreihen auf die Beine stellen – gut fürs Image und gut fürs eigene Vergnügen.

Eine andere Strategie ist alt: Neue Räume erobern, eher abgelegene, noch bezahlbare Ort entdecken – möglichst ohne dabei den nächsten Gentrifizierungsschub vorzubereiten. Derzeit wird Moabit entdeckt wie vor zehn Jahren Neukölln. Zwei der wichtigsten Tanz-Neugründungen der letzten Jahre haben sich weit weg vom gentrifizierten Bezirk Mitte angesiedelt: das Eden in Pankow und das große Gelände der Uferstudios im raueren Teil des Wedding. Seit in Lichtenberg Clubs aufmachen und erste Bio-Cafйs gesichtet wurden, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis sich noch mehr Poetry-Slam-Freunde, Theatermacher und kleine Galerien in den Bezirk mit dem Nazi-Image-Problem wagen. Diese Ausweichbewegungen bedeuten auch: Die Stadt bleibt in Bewegung. Die Kreativen bleiben in Reibung mit den unterschiedlichsten, auch prekären Milieus, statt es sich im inzestuösen Kunst-Ghetto gemütlich zu machen. Das kann ihrer Kunst, aber auch einem Stadtteil wie Lichtenberg nur guttun. Auch das ist übrigens nichts Neues. Als ein paar Studenten 1962 die Schaubühne im tiefsten Kreuzberg gründeten, war der Stadtteil noch nicht alternativ, sondern sehr unterschicht-proletarisch. Und wer früher in Paris zu Aufführungen von Ariane Mnouchkine oder Peter Brook pilgerte, musste auch mit der Metro durch die halbe Stadt in die Außenbezirke fahren – und das war es wert.  

Neue Player,?neues Geld

Dass Berlin derzeit bei kulturaffinen Multimillionären so beliebt ist, verdirbt nicht nur die Immobilienpreise – es eröffnet mit etwas Glück auch neue Möglichkeiten. Der mit Medizintechnik reich gewordene Hans Georg Näder zum Beispiel will bis 2019 rund 100 Millionen Euro ins Gelände der Bötzow-Brauerei in der Prenzlauer Allee investieren. Sein Ziel: eine Mischnutzung aus anspruchsvoller Gastronomie, einem Freibad, einer Lebensmittelmanufaktur, etwas Kultur – sozusagen die Luxus-Variante der Berliner Mischung. In Neukölln hat der Schweizer Bankier und Kunstsammler Burkhard Varnholt die denkmalgeschützte Kindl-Brauerei gekauft. Hier entsteht ein großes, nicht kommerzielles Zentrum für zeitgenössische Kunst samt Literaturcafй und riesigen Ausstellungsräumen. Im September des kommenden Jahres soll der neue Kunstort zumindest teilweise eröffnen. Und in Lichtenberg hat der Sammler Axel Haubrok das Gelände der ehemaligen Fahrbereitschaft der DDR zum Kunstquartier gemacht. „Die Zeiten, in denen Leute ohne Geld, aber mit Ideen neue Orte gründen konnten, sind vorbei. Zumindest ab einer bestimmten Größenordnung sind die Gründer heute Investoren oder Mäzene, die viel Geld mitbringen“, sagt Jochen Sandig, der Sophiensaele- und Radialsystem-Erfinder. „Ich möchte das gerne als Chance sehen, ich bin aber noch nicht sicher, wie sich die Stadt dadurch verändert, dass das große Geld immer mehr zum Treiber der Entwicklung wird.“

Dafür, dass das große Geld ab und zu auch die kleinen Nischen vorm Druck des Marktes retten kann, sorgt die Basler Stiftung Edith Maryon. Ihr Kauf des Grundstücks für etwa eine Million Euro rettete im vergangenen Jahr den akut räumungsbedrohten Schokoladen. Als der Finanzsenator aus den landeseigenen Liegenschaften Grundstück und Gebäude der Halle der Tanzcompagnie Toula Limnaios an Investoren verkaufen wollte, bat Kulturstaatssekretär Andrй Schmitz die Schweizer Stiftung um Hilfe. Sie kaufte und vermietet das Gebäude heute zu sehr fairen Preisen an die Tanzcompagnie. Auch das ExRotaprint-Gelände verdankt Berlin dem Engagement der Stiftung. Auf die Frage, ob die freundlichen Schweizer nicht vielleicht auch den Rest des Berliner Kulturlebens davor retten könnten, vom Immobilienmarkt überrollt zu werden, entfährt Dr. Ulrich Kriese von der Stiftung ein spontanes „Mein Gott, nein! Das können wir nicht. Das wollen wir auch nicht. Das ist am Ende die Verantwortung der Berliner Politik.“

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Das Grimmuseum ist ein Experimentierfeld für Künstler und Kuratoren.

Wie weiter?

Es wäre unfair zu sagen, dass die Berliner Politik das Problem noch gar nicht erkannt hat. In der Liegenschaftspolitik geht es inzwischen öfter um die Stadtentwicklung als um möglichst hohe Einnahmen für den Finanzsenator. In der unter dem Nebenbei-Kultursenator Wowereit immer etwas konfusen Kulturpolitik ist derzeit vor allem die Tendenz erkennbar, vorhandene Strukturen abzusichern. Die mit Lottogeldern renovierten Sophiensaele etwa sind durch langfristige Verträge für die nächsten 15 Jahre vor den Blasen am Immobilienmarkt geschützt. Ein anderer Schutz sind die von Investoren gerne beklagten Hürden von Denkmalschutz, Stadtplanung und Genehmigungspflichten, durch die sich viele Bauvorhaben sehr hinziehen können. So verlängert sich das Zeitfenster für Zwischennutzungen. Georg Scharegg zum Beispiel ist sicher, dass sein Theaterdiscounter in der Klosterstraße zumindest die nächsten Jahre schon aus baugenehmigungsrechtlichen Gründen keine Angst vor der Räumungsklage haben muss. Klar ist aber auch, dass die Zeit ambitionierter Neugründungen in Zwischennutzungsstrukturen vorbei ist. Theater-Neuerfindungen wie die Sophiensaele oder das Ballhaus Ost dürften heute unmöglich sein. „Es droht eine Zementierung des Status quo“, analysiert Georg Scharegg.

Last Exit ?Staatstheater?

Andere Akteure denken schon mal einen Schritt weiter. Wenn sich Freie Szene und Staatstheater ästhetisch, in Teilen auch beim Publikum ohnehin annähern – weshalb soll die Szene dann nicht gleich Etat und Haus eines großen Berliner Staatstheaters übernehmen? Längst treten She She Pop am Staatstheater Stuttgart auf, das Helmi am Hamburger Thalia Theater, Constanza Macras an der Schaubühne und Rimini Protokoll arbeiten auf der ganzen Welt an großen und kleinen Häusern. Es läge in der Logik der Entwickung, wenn ambitionierte Gruppen der Freien Szene gemeinsam eine der großen Bühne bespielen würden. Bettina Masuch, in diesem Jahr die Kuratorin des Festivals Tanz im August, hat schon öffentlich gefordert, aus der Volksbühne nach dem Ende der Intendanz von Frank Castorf ein Tanzhaus zu machen. Und Stefanie Wenner, unter Matthias Lilienthal Kuratorin am HAU, hat als große Bühne für die Freie Theater- und Performance-Szene vor Kurzem im Interview mit „Theater heute“ schon mal die Schaubühne oder das Berliner Ensemble ins Gespräch gebracht. Das Spiel bleibt spannend.

Text: Peter Laudenbach

Fotos: Joe Georgen (Sohpiensäle), Kai von Kotze (Loophole), Benjamin Pritzkuleit (Villa Kuriosum, Panke-Club), Grimmmuseum (Van Hoorebeke)

Weiterlesen: Wem gehört die Stadt? Leonie Baumann von der Initiative „Stadt Neu
Denken“ über Risiken und Nebenwirkungen der Gentrifizierung – und
politische Möglichkeiten, gegenzusteuern

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